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Blitzmarathon 2017:Knöllchen machen Raser rasend

Viele Autofahrer empfinden Bußgelder als ungerechtfertigt. Sie nehmen die Strafe als Kritik an den eigenen Fahrkünsten wahr - und fühlen sich gekränkt.

Von Sebastian Herrmann

In Autofahrern schlummert enormes kreatives Potenzial. Geraten sie mit überhöhtem Tempo in eine Kontrolle, glänzen viele durch Rechtfertigungsversuche von fast literarischer Qualität. So erklärte ein Raser einmal, er habe die Funktionstüchtigkeit der Messinstrumente testen wollen. Ein anderer orakelte von Sekunden-Ohnmacht, die mit plötzlicher Gasfußschwere einhergegangen sei. Weniger erfindungsreiche Fahrer schimpfen dagegen, Kontrollen seien nichts als Abzocke. Der Vorwurf wird auch an diesem Mittwoch die Runde machen, in Bayern und sieben weiteren Bundesländern steht ein Blitzermarathon an.

Fehlt ertappten Rasern etwa das Unrechtsbewusstsein? Das nun vielleicht nicht - nach Ansicht von Experten mangelt es vielen Fahrern eher an einer gesunden Selbsteinschätzung. Sie reklamieren für sich, hinter dem Steuer besser als der Durchschnitt zu sein. "Man hat den Eindruck, alles im Griff und unter Kontrolle zu haben", erklärt der Verkehrspsychologe Mark Vollrath von der TU Braunschweig. Wenn die gut ausgebaute Landstraße frei vor der Windschutzscheibe liegt, der Motor stark ist und zugleich leise schnurrt, dann drückt der rechte Fuß in Richtung Bodenblech. Was soll schon passieren? "Das Risikoempfinden fehlt oft", sagt Vollrath. Ein Bußgeld kann dann Gefühle der Kränkung auslösen, wird als ungerechtfertigter Tadel empfunden oder als Kritik an den Fahrkünsten.

Ein Tempolimit verstünden viele eher als Empfehlung, die es zu interpretieren gelte, meint Karl-Friedrich Voss, Vorsitzender des Bundesverbandes der Niedergelassenen Verkehrspsychologen. An einer roten Ampel hält jeder Autofahrer, aber Tempo 120 auf der Autobahn? Das legen viele als Verhandlungsgrundlage aus. Die Formel lautet ungefähr: 140 Kilometer pro Stunde abzüglich Messungenauigkeit des Tachos sowie der Toleranzabzug bei der Geschwindigkeitskontrolle ergibt exakt 120 km/h. Nicht immer geht die Rechnung auf, ein Bußgeld wird dann oft als Frechheit und Einschränkung der persönlichen Freiheit empfunden.

"An vielen Stellen ist es für Autofahrer auch nur schwer nachvollziehbar, weshalb ausgerechnet dort kontrolliert wird", sagt Voss. Werde in der Tempo-30-Zone vor einem Kindergarten geblitzt, akzeptierten Autofahrer wahrscheinlich sofort, dass es hier um Sicherheit und nicht ums Geld gehe, so der Psychologe. Steht der Blitzer hingegen an einem gut ausgebauten Autobahnabschnitt, betrachteten Raser das Gerät wohl eher als Gelddruckmaschine der Behörden und schimpfen, dass hier ehrliche Bürger abgezockt würden. "Die Kontrollen sollten also so angelegt sein, dass verstanden wird, warum gerade dort geblitzt wird", meint Voss. Automobilklubs kritisieren zumindest seit Jahren, dass eher dort kontrolliert werde, wo Kasse gemacht werden könne und nicht dort, wo es besonders gefährlich sei.

Doch ganz egal, wo sie erwischt werden: Man muss sich geblitzte Fahrer wohl als gekränkte Wesen vorstellen, die zu vielem fähig sind. In Marburg etwa stahlen Unbekannte vor knapp zwei Jahren einen Bagger und zerstörten damit drei Blitzeranlagen. Die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit hielten sie bei dieser Aktion wohl ein, Bagger fahren nicht sehr schnell.

© SZ vom 19.04.2017/harl

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