Süddeutsche Zeitung

Besuch beim Aston-Martin-Restaurateur:Rentenmodell aus Entenhausen

Der Aston Martin EML 132 hat einen wenig schmeichelhaften Spitznamen: "Donald Duck". Seit 25 Jahren restauriert ihn der Münchner Norbert Hieber. Für ihn ist der Wagen nicht nur ein Hobby - er ist seine Altersvorsorge.

Von Felix Reek

Es geht durch mehrere Türen. Ein Gang folgt, dann eine dunkle Tiefgarage. Ganz am Ende, eine unscheinbare Tür. Wie zu einem Heizungskeller oder einem Treppenhaus. Das Licht geht an. Und man steht im wahr gewordenen Männertraum eines Herrenzimmers. Die Decke ist mit dunklem Holz getäfelt, in einer Ecke steht ein Billardtisch, die passenden Lampen dazu hängen von der Decke. Das wäre nicht ungewöhnlich, doch quer über den Raum parken sechs Aston Martin. Zwei DB6, ein International, ein V8 ohne Motor und hinten in der Ecke ein Speed Model in der Rennversion. Auf Hochglanz poliert, in bestem Zustand. Jeder von ihnen mindestens 300 000 Euro wert. Sie stehen im Showroom des Münchners Norbert Hieber, er und seine Angestellten haben sie alle selbst restauriert.

Ursprünglich hatte der 49-Jährige mit britischen Autos nicht viel zu tun. Aber bei einem Englandurlaub 1985 sah er am Straßenrand einen DB6 zum Verkauf, für gerade einmal 6000 Pfund. Der Besitzer, ein Pilot kurz vor der Auswanderung nach Australien, kam zufällig vorbei. Quasi eine Schicksalsbegegnung. Man war sich schnell einig und Hieber fuhr den schon arg lädierten Wagen eigenhändig zurück nach München. Der gelernte KFZ-Mechaniker machte sich auf die Suche nach Ersatzteilen für den Aston Martin und war angefixt. Er restaurierte den Wagen vollständig und spezialisierte sich im Laufe der Jahre auf die britische Marke. Als ein Freund aus England seine Werkstatt in Pullach bei München aufgab, übernahm er sie.

Ersatzteile gibt es kaum

Heute ist Hieber einer der Spezialisten, wenn es um Aston Martin geht. Kunden aus ganz Europa kontaktieren ihn, um ihre Oldtimer reparieren oder restaurieren zu lassen. Fünf bis sechs Fahrzeuge sind immer da, in jedem erdenklichen Zustand. Selbst vollkommen heruntergekommene Modelle erzielen Höchstpreise, erklärt Andy Nickel, der in Hiebers Werkstatt für Holz- und Blecharbeiten zuständig ist. "230 000 Euro brachte so einer bei einer Auktion", sagt er und zeigt auf die abgeschliffene Karosserie eines Aston Martin DB6, vor der er steht. "Nur Rost! Aber die Liebhaber dieser Marke schauen überall, wo man Autos finden kann."

Ersatzteile gibt es kaum. Und wenn, sind sie oft in einem kaum besseren Zustand als die zu reparierenden Wagen. Hieber half sich selbst, "aus der Not heraus". "Du bekommst einen Kundenauftrag, machst die Motorhaube auf und siehst: alles gerissen, alles kaputt." Also legte er sich einen Maschinenpark zu und probierte. Mittlerweile baut er ganze Motoren, bis zum kleinsten Zahnrad, in eigener Produktion, vom Original kaum zu unterscheiden. Auch Lederarbeiten, Innenausstattung und Lackierung übernimmt sein Betrieb. Alles, um die Aston Martins wieder im alten Glanz erscheinen zu lassen. Aus einem Schrotthaufen wird ein Oldtimer im Wert von einigen hunderttausend Euro.

Sein größtes Projekt steht aber einen Raum weiter. Aufgebockt und ohne Reifen, die Sitze ein paar Meter daneben. Ein seltener Prototyp von Aston Martin mit der Bezeichnung EML 132, es gibt nur ein Exemplar weltweit. Auf Geheiß des damaligen Chefs der britischen Marke Gordon Sutherland wurde er 1936 im Gegensatz zu den bisherigen Sportwagen als normaler Straßenwagen für den alltäglichen Gebrauch konstruiert und auf der Olympia Show in London vorgestellt. In den ersten Tagen der Präsentation gingen bereits Bestellungen ein und alles schien in bester Ordnung. Bis Domenico Augustus Cesare Bertelli, Designer und Direktor bei Aston Martin, zum ersten Mal in den EML 132 stieg. Quellen aus diesen Jahren berichten, dass das Auto kaum zu steuern und die Geräusche ohrenbetäubend gewesen sein müssen. Ein Desaster. Die Limousine sah zwar hübsch aus, war aber unfahrbar.

Aus dem Showcar wird das hässliche Entlein

Der EML 132 diente in den nächsten beiden Jahren als Versuchskaninchen und wurde Schritt für Schritt verbessert. 1938 sorgte Sutherland dafür, dass der Wagen eine neu konstruierte Karosse bekam. Erstmals in der Geschichte der Marke verwendete Aston Martin einen Stahlrohrrahmen statt der damals üblichen Holzträger. Da man allerdings nur wenig Erfahrung im Biegen von Blech hatte, war das Ergebnis, nun ja, gewöhnungsbedürftig. Schnell erhielt der Prototyp den wenig schmeichelhaften Spitznamen "Donald Duck", das hässliche Entlein.

Für Aston Martin lieferte der rollende Bewohner von Entenhausen aber wichtige Erkenntnisse in Bezug auf spätere Modelle. Der mittig verbaute Tank führte zum Beispiel dazu, dass der EML 132 einen für damalige Verhältnisse riesigen Kofferraum besaß. Andere Ideen setzten sich nicht durch: Per Handpumpe im Wageninneren ließen sich entweder zwei oder alle vier Räder vom Boden anheben, um Reifen zu wechseln. Für mehr Durchzug im Wageninneren sorgten Einlässe unter dem Dach und eine fehlende Heckscheibe.

Sutherland war am Ende so zufrieden mit den Änderungen, dass er erklärte, der "Donald Duck" habe der Marke gezeigt, "wo die Zukunft liegt". Ein Journalist stimmte 1940 in "The Autocar" zu: "Die ausgeprägte Zuverlässigkeit und Präzision der Lenkung sind auffällig. Sie fühlt sich robuster und zuverlässiger an, als bei den besten offenen Modellen, die ich je gefahren bin."

Alle Daten wurden geheim gehalten

1942 verkauft Gordon Sutherland das Auto und nach ein paar Besitzerwechseln verliert sich seine Spur Ende der 1950-er Jahre. Informationen gibt es kaum, bei Prototypen aus diesen Jahren wurden alle Daten geheim gehalten. Mitte der 1980er-Jahre entdeckt ein deutscher Antiquitätenhändler aus Paderborn das Auto in einer Scheune. Zunächst will er es selbst restaurieren, doch als er sich gleichzeitig ein Landgut zulegt, geht ihm das Geld aus. 1989 verkauft er es an Norbert Hieber. Wo das Auto die Jahrzehnte davor verbracht hat, weiß keiner von beiden.

Zwischen 3000 und 3500 Arbeitsstunden hat Hieber seitdem in den EML 32 investiert, immer wenn er etwas Zeit hatte. In zwei bis drei Monaten könnte das Projekt abgeschlossen sein, wenn ihn nicht ständig neue Aufträge davon abhalten würden. So bleibt der "Donald Duck" ein Langzeit-Hobby. Wenn auch kein uneigennütziges. Auf die Frage, was der Prototyp wert ist, wenn er vollständig restauriert ist, antwortet Hieber: "Tja ... das kann man gar nicht abschätzen." Für einen Aston Martin Atom, den Nachfolger des EML 132 und ebenfalls ein Einzelstück, wurde auf einer Auktion schon einmal eine Million Euro geboten. "Wir haben ihn immer als Rente angesehen", sagt Hieber, grinst und legt die Hand auf den Kotflügel. Auch wenn ihm nach so langer Zeit der Abschied schwer fallen würde.

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