Süddeutsche Zeitung

Fahrraddiebstahl:Grüne Boxen gegen Fahrraddiebe

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Von Verena Mayer

In Berlin zu leben bedeutet auch, alle paar Monate vor die Haustür zu treten oder aus dem Büro zu kommen, und das Fahrrad ist weg. Die Zahl der Räder, die in Berlin geklaut werden, hat absolutes Hauptstadt-Niveau erreicht, 32 244 waren es allein im vergangenen Jahr. Das sind zudem fast fünf Prozent mehr als noch 2014 - ein neuer Rekord. Wobei die Statistik nur die angezeigten Diebstähle erfasst. Die Dunkelziffer dürfte ein Vielfaches betragen, denn in Berlin nimmt man ein gestohlenes Rad inzwischen meistens nur achselzuckend hin wie einen Regenschauer: Es trifft jeden unweigerlich.

Dennoch gibt es wenig, das die Berliner ähnlich aufregt. Stundenlang kann man sich auf Partys über geklaute Fahrräder unterhalten, und immer wird jemand eine noch schlimmere Geschichte auf Lager haben. Da ist der junge Vater, dem das 4000-Euro-Rennrad aus dem Keller gestohlen wurde, und ein paar Monate später kamen die Einbrecher wieder. So, als ob sie genau wussten, dass bei einem Radsportler bald wieder etwas zu holen sein würde. Es gibt Geschichten von Dieben, die Schlösser an fremden Fahrrädern anbringen, um die Räder irgendwann in aller Ruhe abzuflexen. Oder von Leuten, die ihre Handynummer auf dem Sattel hinterlassen und dann behaupten, das fremde Fahrrad gehöre eigentlich ihnen. Und da sind noch all jene, die nachts nach Hause müssen, sich das nächstbeste Rad schnappen und irgendwo hinwerfen. Als im Winter der Landwehrkanal zugefroren war, sah man auf der Eisdecke immer wieder Fahrräder liegen.

Kaum einer der Diebstähle wird aufgeklärt

Wer all die Räder stiehlt, ist schwer zu sagen. Der Berliner Polizei zufolge kommen ganz unterschiedliche Täter infrage. Organisierte Banden oder Drogenabhängige, die Geld brauchen. Manche sind Gelegenheitsdiebe, andere leben davon, gestohlene Räder im Mauerpark oder auf Flohmärkten zu verkaufen. Nur eines ist bei allen Geschichten gleich: Bestraft wird kaum jemand. Im vergangenen Jahr wurden der Berliner Kriminalstatistik zufolge gerade einmal 3,9 Prozent der Fälle aufgeklärt. In Berlin einen Täter zu fassen ist also ungefähr so aussichtsreich wie in dem italienischen Filmklassiker "Fahrraddiebe", in dem ein Plakatkleber zu Fuß durch ganz Rom zieht, um den Mann zu suchen, der sein Rad geklaut hat.

Aber Berlin wäre nicht Berlin, wenn man nicht aus der Not ein Start-up machen könnte. Genauer gesagt "Fahrrad Hostels". Das sind knallgrüne Häuschen mit Türen, die von außen aussehen wie öffentliche Toiletten, im Inneren aber zehn Boxen à 0,7 Quadratmeter bieten, um ein Rad hochkant hineinzustellen und abzuschließen. Auf- und zuriegeln lässt sich das Ganze per Handy-App. Die erste Stunde kostet einen Euro, danach wird es günstiger. Für einen ganzen Tag überweist man drei Euro.

Die Idee hatte Claudine Oldengott, 27, Absolventin einer Londoner Business School. Oldengott steht an diesem Märztag in einem knallgrünen Mantel, der gut zur Fahrrad-Hostel-Farbe passt, am Bahnhof Berlin-Lichtenberg und verstaut ein Mountainbike in einer Box. Der Gedanke sei ihr gekommen, nachdem ihr im Studium drei Fahrräder gestohlen worden waren, sagt sie. Oldengott klagte ihrem Nachbarn, dem 35-jährigen Marco Hinz, ihr Leid. Der IT-Mann sagte: Lass uns ein Geschäft daraus machen. Wenn es nach den beiden Gründern geht, soll sich das grüne Modell in ganz Berlin durchsetzen. Bis Jahresende sind 300 Fahrradboxen geplant, die meisten an Bahnhöfen, wo Pendler ihre Räder parken und viele Diebstähle passieren.

Und was kann man sonst gegen das Berliner Massenphänomen Fahrradklau tun? Der Landesverband des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) fordert schon seit Langem eigene Parkhäuser, dazu sichere Fahrradstationen mit Bügeln zum Verschließen. Die Diebstähle würden viele Leute davon abhalten, in der Stadt Rad zu fahren, und das sei in einer eigentlich fahrradfreundlichen Stadt wie Berlin doch schade, sagt ein Sprecher. Vor allem aber will man beim ADFC, dass ordentlich ermittelt wird und die Polizei dafür mehr Ressourcen bekommt. So wie in München, wo die Aufklärungsquote bei 17 Prozent liegt.

Selbst Polizisten werden die Räder geklaut

Davon kann die Hauptstadt nur träumen. Beziehungsweise sich eine "Sonderkommission Fahrraddiebstahl" wünschen wie jene Bürgerbewegung, die sich gerade für ein fahrradfreundliches Berlin starkmacht und Unterschriften für ein eigenes Fahrrad-Volksbegehren sammeln will. Bis es so weit ist, reichen die Mittel der Stadt allerdings nur für Aufklärung. Am Bahnhof Lichtenberg ist ein Polizist zum Fahrrad-Hostel gekommen und erzählt den Passanten gebetsmühlenartig, wie man sich schützen soll. Erstens: das Gefährt mit einem ordentlichen Schloss sichern, das mindestens zehn Prozent des Fahrradwerts gekostet hat. Zweitens: einen "Fahrradpass" zulegen und die Räder bei der Polizei registrieren lassen.

Und der Polizist selbst? Er hebt nur müde ein paar Finger. Jeden für eines der Räder, die ihm schon geklaut wurden.

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Quelle:
SZ vom 04.03.2016
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