Bentley State Limousine:Mit 14 km/h auf Paradetour

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Die Polster im Fond, von denen eines etwas angehoben wurde, um stets gute Sicht auf das Staatsoberhaupt zu gewährleisten, sind nicht etwa mit Leder bezogen. Graues, aber sehr feines Tuch ist es, worauf die Queen Platz nimmt. "Früher", erklärt Adelsexperte Charlesworth, "als die Royals noch mit Pferdefuhrwerken unterwegs waren, saß der Kutscher im Freien auf Leder. Die Fahrgäste unterm Dach konnten auf dem höherwertigen Polster, den gewebten Bezügen, Platz nehmen."

Rings um die Sessel wird auf Holz- oder Metallapplikationen verzichtet. Zur Gala-Uniform des Prinzgemahls gehören natürlich Orden und Abzeichen, Dolch, Säbel oder Degen - und das könnte beim Fahren dagegen klappern. Rund 50 Lieferanten haben unter der Bentley-Ägide für eine standesgemäße Ausstattung des Wagens gesorgt - natürlich stets mit königlicher Zustimmung. "Auf technischen Schnickschnack wollte sie weitestgehend verzichten", sagt Charlesworth. Es gibt nur eine dezente Innenbeleuchtung, damit die Untertanen auch bei Fahrten in Dunkelheit sehen, wem sie zujubeln.

Drei Fahrer beschäftigt der Buckingham Palace, sie wurden ebenfalls in die Fahrzeugentwicklung eingebunden. Ausgiebige Testfahrten und Einweisungen in die Besonderheiten des Autos folgten. Zum Beispiel hat das Getriebe einen speziellen Modus, der es erlaubt die Geschwindigkeit von neun Meilen die Stunde (etwa 14 km/h) präzise und ohne Gangwechsel zu halten. Dies ist der sogenannte "Processional Speed", jenes Tempo also, in dem die Huldigungen des Volkes entgegengenommen werden.

Drei Jahre Entwicklungszeit

Drei Jahre hat die komplette Entwicklung in Anspruch genommen, fünf Monate dauerte die Fertigung von Hand. Lenkrad-Spezialist Noel Thompson etwa, der die Nähte am Lederkranz des Bentley ausführt, benutzt zur millimetergenauen Markierung der Lochabstände eine Gabel. Für die königlichen Fahrzeuge ist sie aus Silber.

Der vormalige Prototyp wurde zum verkehrstauglichen Zweitfahrzeug ausgebaut, sodass jetzt ein Duo identischer Fahrzeuge besteht, die zusammen etwa 60.000 Meilen zurückgelegt haben. Viele davon durchaus umweltverträglich, denn der Motor ist auf Bioethanol, also E85-Sprit ausgelegt. Jedes Jahren steigen die Bentley-Ingenieure tief unters Blech der State Limousine und ersetzen, was nicht mehr Stand der Technik ist. Die Queen fährt praktisch immer Neuwagen.

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Rochade der Kühlerfiguren: Der heilige Georg kann gegen den schottischen Löwen ausgetauscht werden.

(Foto: AFP)

Dass zur britischen Lebensart auch gewisse Schrullen und Eigenheiten gehören, ist hinlänglich bekannt. Auch der königliche Fahrdienst, ist nicht frei davon. Die Kühlerfigur, normalerweise der heilige Georg auf dem Drachen, ist durch ein Schraubgewinde mit dem Sockel verbunden. Überschreitet das Fahrzeug mit der Queen an Bord die Grenze nach Schottland, tritt der schottische Löwe als Insigne der Macht an dessen Stelle.

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