Automobildesign Majestätisch

Selbst der Lackiervorgang gleicht einem künstlerischen Prozess.

(Foto: Bentley, Max Earey)

Wenn alles einen Preis hat - aber nichts mehr wert ist: Was ist dann eigentlich der Luxus der Zukunft? Auf der Suche nach einer Antwort an einem traditionsreichen Ort: im Bentley-Werk bei Manchester.

Von Gerhard Matzig

Man umgebe mich mit Luxus. Auf das Notwendige kann ich verzichten." Die schillernde Sentenz von Oscar Wilde, in der das Notwendige zum Verzichtbaren, das Überflüssige aber zum Existenziellen umgedeutet wird, kommt einem dann doch verblüffend schnell in den Sinn. Lange ist man noch nicht unterwegs im Fond des Bentley Mulsanne, der mehr Utopie als Auto ist. Doch schnell verliebt man sich in ein Material. Ins makellos feinnervige, den Tastsinn herausfordernde Leder nämlich, das eher etwas von einer edlen Wolke als von einem edlen Material hat.

Emotion, das ist ein Begriff, den man sich hier merken kann. Eine Wolke besteht ja auch nicht nur aus Wassermolekülen, die dank Lichtstreuung sichtbar werden. Eine Wolke besteht vor allem auch aus der Idee von einer Wolke. Möglicherweise besteht nun ein Bentley nicht nur aus Auto - sowie natürlich aus der Krise der Mobilität, sondern auch aus der Idee vom Auto. Als Sehnsuchtsort des Unterwegsseins.

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Dieses quintessenzielle Moment, da etwas über sich hinaus und zurück zu seinem Ursprung weist, ist ebenfalls ein Hinweis auf das Wesen von Luxus. Zumal in einer Zeit, da man von allen Dingen den Preis kennt. Und von fast nichts den Wert. Aber gilt das wirklich auch für eine Bank auf Rädern, gehüllt in die Haut von Tieren? Ja und nein. Oder mit Marshall McLuhan gefragt: Ist nicht der Mythos vom Auto genau das, was übrig bleibt, wenn es seine Funktionalität im Sinne eines massentauglichen Fortbewegungsmittels einbüßt?

Um die Frage zu beantworten, was Luxus zum Luxus macht, ist man unterwegs zum Bentley-Werk in Crewe. 60 Kilometer südwestlich von Manchester gelegen. Bentley, vor fast genau hundert Jahren gegründet (1919 ist das Jubiläumsjahr), Hoflieferant der königlichen Familie und, hm, seit 1998 zur Volkswagen AG gehörend, ist in der Ära der Moderne einer der prägenden Erfinder des Begriffs "Luxus". Hier will man erfahren, wie der alte Luxus in die neue Zeit kommt.

Im Bentley-Werk in Crewe gibt es nur zwei Roboter, einer trägt den Namen "Julia"

Am Flughafen wird man abgeholt von Dave, dem Bentley-Chauffeur ("wir haben das autonome Fahren schon vor einhundert Jahren erfunden; es heißt: Auto mit Chauffeur"). Mitgebracht hat Dave große Freundlichkeit, perfekte Manieren, ein England, das man nur umarmen kann (remain!) - und die Gewissheit für den Reporter, definitiv falsch angezogen zu sein.

Im Dienste der Rolling Stones: Keith Richards 1967 vor seinem Bentley S3 Continental Flying Spur, damals das teuerste Modell.

(Foto: Norman Potter/Getty Images)

Das Werk hat mehr von einer Automobilmanufaktur als von einer Autofabrik. Es gibt nur zwei Roboter. Einer heißt "Julia". Wichtiges würde man hier, wo auf einem stolzen Schild "Made in England" zu lesen ist, niemals den Algorithmen überlassen. Passenderweise hat die hügelig modulierte Landschaft der umgebenden Grafschaft Cheshire auch mehr von einem frühen Pater-Brown-Film als von einer Industrieregion. Und um das alles noch zu übertreffen, trägt Nigel, der einen jetzt durch das Bentley-Werk führt, einen Anzug, der gar nicht dreiteilig genug sein kann.

Nigel ist kein Nachfahre des 1971 gestorbenen Walter Owen Bentley, der erst Rennfahrer und dann Unternehmensgründer war. Aber Nigel hat Jahrzehnte seines Lebens beim Lederzuschnitt im Bentley-Werk verbracht, weshalb er einem nun auch überzeugend darstellen kann, dass für das lederummantelte Interieur eines Bentley Continental GT genau 310 675 Stiche notwendig sind. Außerdem sagt er: "Das ist nur Leder, einfach nur Leder. Aber auch einfach nur das beste Leder, das auf die beste Weise verarbeitet wird." Vielleicht halten wir hier auch noch fest, dass in diesem Satz von Nigel das natürlich Einfache (einfach nur Leder) mit artifizieller Ambition, nämlich mit der Sehnsucht nach dem Superlativ (bestes Leder, beste Weise) friedlich koexistiert. Das gehört möglicherweise so konstitutionell zum Luxus wie die Liebe zum Ding an sich, wie der Hang zur Vollendung und der Stolz auf das Werk. All dies ist Nigel anzusehen. Das gilt auch für Stefan Sielaff, Bentleys Design Chef, mit dem man in Crewe verabredet ist. Aber erst muss noch das Licht seinen Auftritt haben.

Luxus ist inzwischen eine "breitenwirksame Bewegung", weiß das Zukunftsinstitut

An diesem Wochenende kurz vor Weihnachten, das man auch als Lichtfest kennt, legt ja jemand einen Schalter um in unserem Hinterhof des Universums. Dankbarerweise. Denn die Tage werden nach dem 21. Dezember, dem dunkelsten Tag, wieder länger. Sonne und Licht kehren zurück. Was aber auch nicht gegen die Lichttherapieleuchten spricht, wie sie jetzt unter den Weihnachtsbäumen hervorstrahlen werden. Mit 10 000 Lux.

Das lateinische Wort für Licht (lux) ist zugleich die Einheit der Beleuchtungsstärke - was erhellenderweise direkt zum Luxus führt. Denn mal abgesehen davon, dass unter Ludwig XIV., dem Sonnenkönig, der Preis für Kerzenwachs dem Tageslohn eines Handwerkers entsprach, weshalb das künstliche Licht noch im 18. Jahrhundert als größter Luxus galt: Es war die famose Wirtschaftszeitschrift Brand eins, die vor einiger Zeit ernsthaft den "Luxmeter" forderte, damit man endlich die "Strahlkraft einer Luxusmarke" überprüfen könne. Wobei es der Zeitschrift auf kluge Weise darum ging, "warum manche Dinge glänzen - und andere nicht". Ein Rolls-Royce hätte demnach mehr Lux als ein Maybach, "obwohl der Maybach mehr materiellen Luxus bietet als der Rolls-Royce".

Weil man übrigens mal einen Luxus-Maybach eine halbe Woche lang testen durfte (im Battle mit dem damals neuen Billig-Dacia), kann hier behauptet werden: Ein Maybach hat möglicherweise weniger Lux als ein Rolls-Royce - aber immer noch mehr als ein Dacia. Bemerkenswert war das Testergebnis auch insofern, als beide Autos aus Rädern, Lenkrad und einer ganzen Menge Blech bestehen und einen von A nach B chauffieren können. Wobei zum Chauffeur noch zu sagen wäre: Für die Trennscheibe im Maybach, die man als Zubehör ordern kann, hätte man seinerzeit auch ein halbes Dutzend Dacias ohne Zubehör erhalten. Lux und Euro, das sind offenbar unterschiedliche Währungen. Der Bentley hat, aber das kann man hier nur behaupten und nicht beweisen, sowieso mehr Lux als alle anderen Vehikel zusammen.

Das Luxmeter könnte einem helfen, den wahren von einem nur behaupteten Luxus zu unterscheiden. Denn wie es scheint, ist jener Luxus, den der Soziologe Werner Sombart noch als "jeden Aufwand" definierte, "der über das Notwendige hinausgeht", gerade dabei, sich in eine Art Volkssport zu verwandeln. Man entkommt ihm gar nicht mehr.

Da präsentiert sich das Outletcenter "Ingolstadt Village" als "Heimat des Luxus". Die Village-Botschaft von der grünen Wiese bei Ingolstadt, die angeblich sehr gern von vermögenden Chinesen besucht wird, lautet jedenfalls: "Mehr als 110 Mode- und Luxusmarken bieten Ihnen eine riesige Auswahl." Ja, die riesige Auswahl: Der "kleine Luxus" kommt zu Weihnachten meist vom Discounter, weiß die FAZ in diesen Tagen. Gemeldet wird eine steigende Nachfrage nach Premium-Produkten an den Kühltheken. Illustriert wird die Nachricht mit einer Packung "Deluxe Wildlachsfilet" der Sorte "Toscana". Schon geografisch dürfte das eine Besonderheit sein. Es gibt: Luxuswohnungen, Luxusmöbel, Luxusuhren und das Luxuskopfkissenset im Luxushotel. Luxus ist kein Luxus mehr, sondern eine "breitenwirksame" Bewegung, so das "Zukunftsinstitut".

In der vom Handelsblatt herumgereichten Liste von "sieben Weihnachtsgeschenken, die absurder Luxus sind" (weil Luxus, der Luxus ist, langweilt), findet sich außer dem Dreaming-Of-A-White-Christmas-Kunstschnee, der Kubikmeter zu 100 Euro, endlich auch die erwartbare Birkin Bag von Hermès, die "bei Frauen Schnappatmung auslöst". Wenn man sie aber endlich, so wird einem das im privaten Kreis erzählt, in München nach langem Warten für einige Tausend Euro kaufen "darf", erhält man eine wasserfeste Tasche dazu. Als Bag für die It-Bag. Begründung: "Unsere Taschen mögen Regen nicht." Ist Luxus dies: Du wartest Jahre darauf - und wenn du die Tasche hast, sagt man dir, dass sie sich im Regen auflöst? Oder ist das einfach nur ein Missverständnis?