Verkehrssicherheit:Sicher drüber

Lesezeit: 3 min

Gefahren an Bahnübergängen

Autos warten an einem Bahnübergang an der Bahnstrecke von Holzkirchen nach Lenggries in Oberbayern.

(Foto: Lennart Preiss/dpa)

Immer wieder kommt es an Bahnübergängen zu schweren Unfällen. Worauf Verkehrsteilnehmer achten sollten.

Von Marco Völklein

Mitte Oktober erst kam es in Neukirchen am Inn in Niederbayern wieder zu einem Unfall. An einem Bahnübergang krachte ein Personenzug in einen Lastwagen, verletzt wurde glücklicherweise niemand, der Sachschaden allerdings betrug nach Polizeiangaben etwa eine Million Euro. Nur ein paar Tage später ereignete sich in der Nähe von Nieder-Ofleiden in Hessen ein ähnlicher Vorfall: Auch dort war ein Zug mit einem Lkw kollidiert, der Fahrer wurde dabei in seinem Fahrzeug eingeklemmt und schwer verletzt. Immer wieder kommt es zu solchen, teils schweren Unfällen. Die Deutsche Bahn, die für die Sicherheit an Bahntrassen zuständige Bundespolizei und andere Akteure versuchen daher regelmäßig, auf die besonderen Gefahren an Bahnübergängen hinzuweisen.

Wie oft kommt es an Bahnübergängen zu Unfällen?

Allein in Bayern wurden im Jahr 2020 etwas mehr als 50 Unfälle an Bahnübergängen gezählt, elf davon mit tödlichem Ausgang, erklärt die für den Schienennahverkehr im Freistaat zuständige Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG). Bundesweit ereigneten sich "fast wöchentlich folgenschwere Unfälle an Bahnübergängen", warnt der ADAC.

Wer trägt die Schuld an den Unfällen?

"Fast alle Unfälle an Bahnübergängen sind auf ein Fehlverhalten von Autofahrenden oder Fußgängern zurückzuführen", sagt Jürgen Hildebrandt, Leiter des Fachbereichs Verkehr, Technik und Umwelt beim ADAC Nordbayern. Hauptursachen seien meist Unkenntnis der Verhaltensregeln, Unaufmerksamkeit und Leichtsinn. Hinzu kommt: Züge haben einen langen Bremsweg. So kommt eine (relativ leichte) Regionalbahn, die mit 60 Stundenkilometern unterwegs ist, trotz einer sofort eingeleiteten Schnellbremsung laut ADAC erst nach knapp 100 Metern zum Stehen. Bei deutlich schwereren Zügen und höheren Geschwindigkeiten kann der Bremsweg laut BEG und Deutscher Bahn bis zu 1000 Meter betragen.

Wie lassen sich die Unfälle vermeiden?

"Jeder Unfall ist einer zu viel", sagt Axel Hennighausen vom Bahnbetreiber Agilis. Autofahrerinnen und Autofahrer sollten sich jedem Bahnübergang mit besonders großer Aufmerksamkeit nähern. Jeder Bahnübergang wird dem Kfz-Verkehr mit weiß-roten Baken angekündigt - zunächst 240 Meter vorher, dann 160 Meter und schließlich 80 Meter vor dem Übergang. Unmittelbar vor dem Kreuzungspunkt steht zudem das Andreaskreuz. Was viele nicht wissen: Es kennzeichnet nicht einfach den Bahnübergang, sondern beinhaltet vielmehr eine klare Anweisung, erklärt Hennighausen: Der Schienenverkehr hat Vorrang. Zudem warnen Züge unter anderem mit Pfeifsignalen an nicht technisch gesicherten Bahnübergängen die Verkehrsteilnehmer.

Wie sollten sich die Verkehrsteilnehmer am Bahnübergang verhalten?

Wichtig sei, sagt ADAC-Experte Hildebrandt, stets bremsbereit und mit höchstens 50 Kilometer pro Stunde auf einen Bahnübergang zuzufahren. "Überholen Sie nicht und überblicken Sie die Bahnstrecke nach beiden Seiten", rät er. Außerdem gelte: "Sofort anhalten, wenn sich am unbeschrankten Übergang ein Zug nähert." Denn die Ursache für die teils schweren Unfälle seien nicht selten Zeitdruck "und der Irrglaube, die Situation unter Kontrolle zu haben". Außerdem sinke das Risikobewusstsein bei vielen, wenn bei einem wiederholten Fehlverhalten nichts passiert sei.

Worauf sollte man noch achten?

An beschrankten Übergängen sollte man bereits stehen bleiben, sobald das rote Blinklicht aufleuchtet, sagt Hildebrandt. "Und nicht erst dann, wenn sich die Schranken senken." Umgekehrt gelte nach der Durchfahrt des Zuges: "Erst weiterfahren, wenn das rote Blinklicht erloschen ist und die Schranken vollständig geöffnet sind." Wichtig auch: Bereits von der ersten Warnbake an, also 240 Meter vor dem eigentlichen Bahnübergang, gilt ein Überholverbot. "Halten Sie sich bitte strikt daran", heißt es beim ADAC.

Verkehrssicherheit: Bei diesem Unfall in Nieder-Ofleiden in Hessen wurde der Lkw-Fahrer schwer verletzt.

Bei diesem Unfall in Nieder-Ofleiden in Hessen wurde der Lkw-Fahrer schwer verletzt.

(Foto: Bundespolizeiinspektion Kassel/dpa)

Was ist bei Halbschranken zu beachten?

Halbschranken sperren nur einen Teil der Fahrbahnbreite ab - und verleiten Auto-, Motorrad- und Fahrradfahrer mitunter dazu, sie zu umgehen. Auch Fußgänger ignorieren die Sperren immer mal wieder und versuchen, noch schnell über die Gleise zu huschen. Doch auch das kann tödlich oder zumindest mit schweren Verletzungen enden, warnt die BEG: "Klettern Sie niemals über Schranken und laufen beziehungsweise fahren Sie niemals an ihnen vorbei."

Was könnte der Gesetzgeber tun?

Die Zahl der Bahnübergänge wurde nach ADAC-Angaben in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich verringert und im Streckennetz der Deutschen Bahn seit 1950 sogar mehr als halbiert. Dennoch gibt es allein in Bayern laut BEG noch knapp 3300 Bahnübergänge, etwa jeder zweite davon ist unbeschrankt. Der ADAC fordert, dass zumindest die Absicherung allein durch Pfeifen nicht mehr zugelassen werden sollte. "Die Geräuschdämmung von modernen Kraftfahrzeugen schirmt hörbare Signale der Schienenfahrzeuge weitgehend ab", heißt es in einem Positionspapier. Außerdem empfiehlt der Klub, an den Bahnübergängen auf der Straße eine (durchgezogene) Haltelinie oder eine (gestrichelte) Wartelinie aufzupinseln. Diese Linien würden den Straßenverkehrsteilnehmern den Vorrang des Bahnverkehrs zusätzlich verdeutlichen.

Verkehrssicherheit: Diese Regeln gelten am Bahnübergang.

Diese Regeln gelten am Bahnübergang.

(Foto: Deutsche Bahn)

Was gilt, wenn sich ein Stau gebildet hat?

Sollten sich mehrere Fahrzeuge in einer Kolonne einem Bahnübergang nähern, sollte man einen Sicherheitsabstand zum vorausfahrenden Fahrzeug einhalten, rät der ADAC - damit bei einem Stau niemand auf dem Bahnübergang stehen bleiben muss. Ähnliches gilt, wenn sich auf der anderen Seite der Schienen ein Stau gebildet hat: Dann immer erst losfahren, wenn die Fahrzeuge auf der anderen Seite auch starten und es dort genügend Platz gibt.

Und was sollte man tun, wenn das Auto auf dem Bahnübergang liegen bleibt?

Sofort das Fahrzeug und den Bahnübergang verlassen, rät der ADAC. Und danach umgehend einen Notruf unter der Telefonnummer 112 absetzen.

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