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Mobilitätswende:Verkehrsplaner verzweifelt gesucht

Eröffnung Pop-up-BikeLane in der Elisenstraße durch Dieter Reiter ; Popup

Endlich gibt es Geld für neue Radwege. Jetzt fehlen die Leute, die sie umsetzen.

(Foto: Florian Peljak)

Bund und Länder stellen endlich mehr Geld für neue Verkehrswege bereit. Nun aber fehlen die Leute, um die Mittel zu verbauen.

Von Marco Völklein

Ist das der Auftakt für die Verkehrswende in deutschen Städten, für viele neue und ausgebaute Radwege? Insgesamt 660 Millionen Euro aus dem "Sonderprogramm Stadt und Land" können die Bundesländer seit dieser Woche beim Bundesverkehrsministerium beantragen. Man wolle dafür sorgen, sagte Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) der Welt am Sonntag, "dass das Geld schnell und unbürokratisch dort ankommt, wo es den größten Nutzen stiftet. Also dort, wo die Menschen unmittelbar etwas davon haben und schnell Verbesserungen spüren".

Tatsächlich fließt - auch angesichts der Herausforderungen beim Klimaschutz - bis zum Jahr 2023 nach Berechnungen des Radfahrerverbandes ADFC so viel Geld in den Ausbau der Radinfrastruktur wie noch nie: insgesamt 1,46 Milliarden Euro. Neben den 660 Millionen Euro aus dem Sonderprogramm stellt der Bund unter anderem etwa 170 Millionen Euro für Radschnellwege zur Verfügung sowie 126 Millionen für Modellvorhaben des Radverkehrs.

Der Radfahrerverband ADFC begrüßt die Pläne: "Endlich kann es kommen - das Fahrradland Deutschland", sagt die Vize-Vorsitzende Rebecca Peters. Richtig sei es zudem, dass der Bund quantitative Zielvorgaben mache. "Das ist ein Riesenschritt nach vorn." So sollen bis Ende 2023 unter anderem 272 Kilometer straßenbegleitender Radwege entstehen, dazu 55 Bauwerke wie Radwegebrücken und Unterführungen sowie 4880 Beleuchtungsanlagen an Radwegen. "Jetzt ist es Sache der Kommunen, zügig Projektanträge zu stellen", sagt Peters. Wer bereits Pläne für konkrete Projekte in der Schublade habe, der könne über die Länder viel Fördergeld beantragen.

Doch genau da hapert es: In vielen Kommunen mangelt es an fachlich versierten Planern, die Projekte vorantreiben. Nach vielen Jahren des politischen Drucks in Berlin und in vielen Landeshauptstädten steht nun genügend Geld zur Verfügung. Doch es fehlen die Kapazitäten, dieses Geld auch "auf die Straße zu bringen", wie es in der Szene heißt.

Mit diesen drei Plakatmotiven werben die Kommunen in Nordrhein-Westfalen für den Beruf des Verkehrsplaners.

(Foto: AGFS Nordrhein-Westfalen)

Lange Abstimmungswege

Wer sich in Stadt- und Kreisverwaltungen umhört, der bekommt immer wieder eine Aussage zugerufen: Uns fehlen die Leute. Und tatsächlich ist zum Beispiel die grobe Konzipierung, die konkrete Planung und der abschließende Bau eines neuen Radwegs keine ganz triviale Angelegenheit. Dahinter stünden oft "Abstimmungswege" mit anderen Stellen in der Verwaltung, beispielsweise der Straßenverkehrsbehörde oder der Polizei, die "oft komplexer sind, als man auf den ersten Blick vermutet", berichtete Claudia Bierbaum, Fahrradbeauftragte des Landkreises Konstanz, bereits im Sommer im Verbandsblatt fairkehr des ökologisch orientierten Verkehrsclub Deutschland (VCD). Nicht zu vergessen, dass auch Bürger und Anwohner in die Planung eingebunden werden wollen und politische Entscheidungsträger ihr Plazet geben müssen.

Um also die Leerstellen in den Verwaltungen zu füllen, startet das Verkehrsministerium von Nordrhein-Westfalen nun zusammen mit der "Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte, Gemeinden und Kreise in Nordrhein-Westfalen" (kurz: AGFS) eine Kampagne. Unter dem Motto "Plane Deine Stadt" werden in den kommenden Monaten unter anderem Info-Pakete mit Broschüren und Postern an Gymnasien und Gesamtschulen verteilt; auch eine digitale Plattform wurde in dieser Woche freigeschaltet, sagt Barbara Terbrüggen von der Kölner Agentur P3, die den Auftrag für die Umsetzung der Kampagne erhalten hat. Mit "Planungswerkstätten" an den Schulen wollen die Kampagnenmacher zudem junge Leute für den Beruf des Verkehrsplaners begeistern.

Außerdem ist geplant, auch direkt an den Hochschulen vor allem angehende Bauingenieure anzusprechen. Die müssen sich im Laufe ihres Studiums für eine Richtung entscheiden. Doch viele gingen da "in eine andere Richtung, weil die Verkehrsplanung gar nicht präsent ist", sagt Terbrüggen. Vorträge an den Unis, Workshops und sogenannte "Summer Schools" sollen in dieser Phase den jungen Leuten "die verschiedenen Möglichkeiten aufzeigen und Lust machen auf die Verkehrsplanung".

Angesprochen werden dabei aber auch mögliche Quereinsteiger beispielsweise aus dem Fach Geografie oder aus anderen Bereichen des Ingenieurwesens. Wichtig sei eine handfeste planerische Grundausbildung, sagt Terbrüggen - ein kommunaler Verkehrsplaner müsse nicht nur Konzepte schreiben, sondern am Ende mitunter auch mal die Bauleitung vor Ort übernehmen. Ein weiteres Ziel der Kampagne sei es zudem, mehr Frauen für eine solche Tätigkeit zu begeistern.

Auch die Bahn braucht dringend Planer

Einen ganz ähnlichen Ansatz verfolgt im Übrigen auch die Deutsche Bahn (DB). Denn nicht nur im Bereich des Radverkehrs stehen - ganz im Sinne einer angestrebten "Verkehrswende" - mehr finanzielle Mittel zur Verfügung, auch auf die Eisenbahn soll nach dem Willen der Bundesregierung mehr Verkehr verlagert werden. Und auch hier werden dringend Leute gesucht, die dieses Geld verbauen können.

Die Personalverantwortlichen der DB zählen die Gruppe der Bauingenieurinnen und -ingenieure deshalb zu den "Engpassberufen". Zuletzt warb der Konzern unter anderem mit großen Reklamesäulen auf Umsteigebahnhöfen um diese Gruppe und stellte sich selbst als "größtes Ingenieurbüro Deutschlands" dar. Auf gut 1000 Kräfte schätzte die DB allein 2020 den Bedarf, auch weil viele ältere Planer in naher Zukunft in den Ruhestand gehen. In diesem und den kommenden Jahren dürfte der Personalbedarf ähnlich hoch sein. Und auch bei vielen Straßenbauverwaltungen der Länder sowie der neu gebildeten Autobahn-GmbH des Bundes sind Nachwuchsplaner dringend gesucht.

Raum für eigene Ideen, Platz für neue Konzepte

Kampagnen-Macherin Terbrüggen jedenfalls versucht, auch mit Vorurteilen aufzuräumen. Ein technisches Grundverständnis sei zwar Voraussetzung, ebenso Grundkenntnisse in Mathematik und Physik, sagt sie. "Ein Mathe-Genie allerdings muss man nicht sein." Hinzu komme, dass die Tätigkeit keinesfalls verstaubt sei; vielmehr hätten Planer "ganz viel Freiraum für eigene Ideen und neue Konzepte". Wen es motiviere, seine eigene Stadt und das eigene Lebensumfeld mitzugestalten, der sei in der Verkehrsplanung genau richtig.

Tatsächlich dürften nach Einschätzung des ADFC gerade bei der Radverkehrsinfrastruktur in Zukunft neue Konzepte zum Einsatz kommen. Zuletzt hatte der Verband im Rahmen eines von Scheuers Ministerium mit 130 000 Euro geförderten Projekts zahlreiche "Best-Practice"-Beispiele aus anderen Ländern gesammelt - und dabei geklärt, ob und gegebenenfalls wie diese in Deutschland umgesetzt werden könnten. Dazu zählen beispielsweise "Protected Bike Lanes", in den USA entwickelte Radfahrstreifen, die auf bestehenden (Auto-)Fahrbahnen verlaufen, von diesen aber klar abgetrennt sind. Aus den Niederlanden stammt das (allerdings unter Verkehrssicherheitsforschern umstrittene) Konzept der geschützten Kreuzungen, aus London die Idee der "modalen Filter", mit denen sich Wohnstraßen verkehrsberuhigen lassen. An solchen Ideen könnten sich deutsche Planer orientieren, sagt Melissa Gómez vom ADFC. "Wir müssen das Rad nicht noch einmal neu erfinden."

Klar aber ist, dass Verkehrsplaner einen langen Atem brauchen. Eine Idee grob zu entwickeln ist das eine. Die politische Entscheidung vorzubereiten und zu begleiten, Förderanträge zu stellen, die Planung zu konkretisieren und schließlich die Baumaßnahme umzusetzen - all das braucht Zeit. "Zusammen mit der Ausschreibungs- und Bauphase kann so ein Radwegeneubau schnell fünf Jahre dauern", sagt die Konstanzer Planerin Bierbaum. "Nach außen wirkt es dann so, als würde nichts passieren." Doch das Gegenteil ist der Fall.

© SZ
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