Autonomes Fahren Roboter an Bord

BMW testet hochautomatisiertes Fahren schon länger auf der Autobahn - hier ein 5er im Raum München.

(Foto: ka.plewka; BMW Group)
  • Verkehrsminister Alexander Dobrindt hat angekündigt, einen Teil der A 9 für selbstfahrende Autos öffnen zu wollen. Der baden-württembergische Wirtschaftsminister Nils Schmid will Ähnliches mit der A 81 machen.
  • Im Jahr 2035 sollen zehn Prozent aller Autos selbständig fahren können.
  • Es fehlen aber noch klare Regeln und ein rechtlicher Rahmen. Wer haftet bei Unfällen oder Verkehrsverstößen - der Fahrer oder gar der Autohersteller?
  • Zur Überwachung müssen unzählige Daten erhoben werden. Unklar ist, was mit ihnen passiert und wer sie in welcher Form nutzt.
  • Dennoch können selbstfahrende Autos, richtig eingesetzt, für mehr Sicherheit sorgen und das Leben komfortabler machen.
Von Thomas Fromm

Wenn es um sehr langfristige Projekte geht, können Politiker manchmal sehr schnell sein. Zum Beispiel bei der Frage, Autobahnen für fahrerlose Autos freizuräumen. Kaum hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) die A 9 zur Teststrecke für die Autos der Zukunft erklärt, zog der baden-württembergische Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) nach und kündigte an, dass auch sein Land eine geeignete Roboter-Bahn gefunden hat: Die A 81, die - wie praktisch - direkt durch die Hinterhöfe von Porsche, Daimler und Bosch führt. "Was in Bayern möglich ist, muss auch bei uns möglich sein", sagte Schmid. Was frei übersetzt heißt: Was Audi und BMW in Bayern kriegen, kriegen unsere auch.

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Und weil die Deutschen seit Monaten neidisch nach Kalifornien schauen, wo so etwas schon länger geht, könnte man auch sagen: Was die Konzerne an der Westküste kriegen, kriegen sie bald auch bei uns. Oder, wie es Audi-Chef Rupert Stadler formuliert: "Tested on German Autobahn". Klingt doch gleich schon ganz anders.

Die Übungspisten stehen also, an der Serienreife der fahrenden Computer feilen BMW, Audi und Daimler mit Hochgeschwindigkeit, und spätestens seit Google seine ersten selbstfahrenden Kugeln gezeigt hat, könnte man sagen: Die Konzerne haben den Turbo eingeschaltet.

Der rechtliche Rahmen fehlt

Was zurzeit noch fehlt, ist der Rest. Es ist eben einfacher, Autobahnen zu Teststrecken zu erklären, als den rechtlichen Rahmen für dieses wohl größte Auto-Experiment seit Erfindung des Autos festzuzurren. Ohne klare Regeln aber wären die autonomen Vehikel wie Geisterfahrer im rechtsfreien Raum unterwegs. Es beginnt mit der entscheidenden Frage nach den unzähligen Daten, die so ein durchdigitalisiertes Auto produziert und die ständig mitfahren. Bleiben die im Auto? Wenn nicht, wo sind sie dann? Was wird aus der Privatsphäre, was ist mit Datenschutz?

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Dann das Thema Haftung. Wer fährt? Der Fahrer? Das Auto selbst? Auch bei selbstfahrenden Autos sollen die Fahrer, so sieht es der Gesetzgeber vor, die Kontrolle nicht komplett abgeben. Auch deshalb gilt: Ohne Führerschein kein Auto, auch kein selbstfahrendes. Kommt es zu einem selbst verschuldeten Unfall mit Fahrer, ist der Fahrer verantwortlich. Wenn aber das Auto autonom fährt und in die Leitplanken knallt? Ein Programmierfehler, ein kaputter Sensor vielleicht? Weil eine Maschine in dem Sinne nicht schuldig sein kann, wird der Versicherer fragen: Welche Verantwortung trägt der Hersteller? Im Zeitalter autonomen Fahrens, wenn aus kleinen technischen Pannen große Unfälle werden können, sind das Themen, die viel Geld und noch mehr Image kosten können.

Um zu wissen, wer wirklich fuhr, müsste man den Innenraum permanent überwachen - ein seltsames Szenario.

Aber ein realistisches. Der Mensch, bisher alleiniger Lenker im Auto-Cockpit, bekommt Hunderte Sensoren und kleine Computer zur Seite gestellt und verliert so die alleinige Hoheit über das Auto. Das könnte die Straßen sicherer machen, denn die meisten Unfälle werden von Fahrern verschuldet. Sensoren und Computer trinken kein Bier, sind nicht übermüdet, denken auf der Autobahn nicht an Beziehungsstress, achten auf den Sicherheitsabstand, sie biegen richtig ab, und rasen nicht (zumindest solange mit der Elektronik alles in Ordnung ist). Und man kann mit ihnen bequem durch Autobahnstaus und verstopfte Innenstädte segeln. Insofern: Ja doch, selbstfahrende Autos können, richtig eingesetzt, für mehr Sicherheit sorgen, und das Leben komfortabler machen. Wenn aber doch etwas passiert? Wer haftet dann?

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Das Risiko verlagert sich vom Fahrer hin zum Entwickler

Die Allianz, Europas größter Versicherer, hat schon grünes Licht gegeben: Ja, man werde auch solche Autos versichern. Aber eben anders. Denn, so ein Manager neulich: Das Risiko verlagere sich vom Fahrer hin zum Entwickler. Entwickler, das wäre dann der Ingenieur des Autoherstellers. Also der Autohersteller selbst. Eine neue Risikobetrachtung, die den Unternehmen so gar nicht gefallen dürfte. Egal, ob es im Alltag dann um schwere Unfälle oder nur Ordnungswidrigkeiten geht: Den Nachweis, dass ihre Bordcomputer richtig tickten, müssen sie dann bringen.

So viel kann man jetzt schon sagen: Für Computerexperten und Verkehrsanwälte werden das goldene Zeiten!

Etwas Zeit gibt es noch. Studien gehen davon aus, dass um das Jahr 2035 herum zehn Prozent der Autos autonom fahren können. Es sollte machbar sein, die kniffligen juristischen Probleme bis dahin zu lösen. Und was Dobrindts A-9-Pläne betrifft: Gut möglich, dass man sich hier schon früher ein paar Gedanken über solche Fragen machen muss.