Autonomes Fahren:Der Mensch gefährdet die Sicherheit

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Mercedes F015 Konzeptstudie CES Las Vegas

Mercedes stellt auf der CES mit der F015-Konzeptstudie das - seiner Meinung nach - Auto der Zukunft vor.

(Foto: AFP)

Die Hersteller wissen, wo sich der Heilige Gral befindet. Sie wissen auch, wie sie dorthin kommen wollen. Sie wissen nur nicht genau, wie lange es dauert und wer der Erste sein wird - und vor allem: Wer will denn wirklich aus diesem Gral trinken? Will der Mensch überhaupt loslassen? Er lebt ja gerne in dem Glauben, selbst über sein Schicksal und seine Gesundheit bestimmen zu dürfen. Er hockt lieber auf dem Fahrersitz als daneben, der nörgelnde Beifahrer ist, das zeigen zahlreiche Studien, meistens gar keine besserwisserische Nervensäge. Er hat einfach nur Angst aufgrund der Ohnmacht.

Nur: Der Mensch ist ein gar schrecklicher Autofahrer. Er wird müde, unkonzentriert - und natürlich aggressiv, weil die Hornochsen in den anderen Autos den Führerschein im Lotto gewonnen haben. Er sieht bisweilen nicht besonders gut, er trinkt Alkohol und fährt dennoch mit dem Auto, er schreibt trotz Verbot Textnachrichten oder sucht nach hinuntergefallenen Zigaretten. Die größte Gefahr für den Menschen im Straßenverkehr, das ist der Mensch.

Viele offene Fragen

Studien zeigen, dass Fehler von Menschen für 90 Prozent aller Unfälle verantwortlich sind. Aus dem Mund von Audi-Ingenieur Müller hört sich das so an: "Unser Ziel ist es, den Fahrer dann zu unterstützen, wenn er unterfordert oder überfordert ist. Dadurch wird das Fahren sicherer und im Kollektiv auch effizienter." Die Argumente klingen einleuchtend: Das selbstfahrende Auto ist stets fit und immer gleich gelaunt, es könnte mit anderen Autos oder über die Cloud mit Datenbanken kommunizieren, dadurch Staus und Unfälle vermeiden und durch die Fahrweise Benzin und damit Geld sparen.

Allerdings: Nur weil das möglich ist, ist es noch nicht realisierbar - oder erlaubt. Mercedes-Chef Zetsche zählt während seiner Ansprache einige der vielen offenen Fragen auf wie jene nach der Sicherheit der Daten oder die, wer bei einem Unfall haften muss. Wie knifflig das ist, das zeigt sich schon während der Vorbereitung auf die Testfahrt im A7. In Kalifornien gibt es zwar Gesetze für das Testen autonom fahrender Autos, doch verlangt das Department of Motor Vehicles (DMV) eine eintägige Ausbildung und die Übernahme der Verantwortung bei einem Zwischenfall. Erst dann gibt es einen extra angefertigten Führerschein.

Der Fahrer kann beruhigt loslassen

Auch in Nevada gibt es Gesetze, die sich jedoch von denen Kaliforniens unterscheiden - an der Grenze muss deshalb das Nummernschild gewechselt werden. "An diesem Projekt sind beinahe so viele Anwälte wie Ingenieure beteiligt", sagt Müller deshalb. Das Auto der Zukunft, diese grandiose Vision der Menschheit, sie scheint noch weit weg zu sein - einzelne Elemente jedoch wirken greifbar, nah. Wie die Gegenwart.

Es ist nun Abend an der Westküste. Dunkel ist es, die Straße unbekannt und stark frequentiert. Keine idealen Bedingungen. Plötzlich erlebt der Fahrer diesen Moment, mit dem er zu Beginn der Fahrt nicht gerechnet hat: Er blickt auf die Anzeige und wünscht sich, dass der Autobahnpilot verfügbar ist. Er ist bereit, nach gerade einmal ein paar Stunden, dem System bei diesen schweren Bedingungen mehr zu vertrauen als seinen eigenen Fähigkeiten. Anders als beim Einschlafen und sich Verlieben weiß er nun recht präzise, was passieren wird: nichts. Er kann beruhigt loslassen.

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