bedeckt München 23°

Autonomes Fahren:Guck' mal - freihändig

Autonom fahrender Audi A7

Die Strecke vom Silicon Valley Richtung Las Vegas hat der Audi A7 weitgehend selbständig bewältigt.

(Foto: Jim Fets/dpa)

Unser Autor hat einen selbständig fahrenden Audi A7 ausprobiert und festgestellt: Dem Auto das Steuer zu überlassen, ist ebenso faszinierend wie furchteinflößend - wie es sich für eine anständige Zukunft gehört.

Das Loslassen ist ein Moment schrecklicher Ungewissheit, es fühlt sich an wie Einschlafen oder sich Verlieben: Es passiert erst langsam, dann plötzlich und unvermeidbar. Der Mensch will sich wehren, weil er nicht weiß, ob das, was danach passieren wird, wunderbar oder schlimm sein wird - vor allem aber deshalb, weil er nicht darüber bestimmen kann, ob es wunderbar oder schlimm wird. Weil er freiwillig die Kontrolle abgibt über dieses utopische Auto, in dem er gerade sitzt und das ihm mitteilt, dass er die Hände vom Lenkrad nehmen kann. Es ist gruselig, doch nur wer loslässt, der erlebt all die Sachen, die Träumen oder Verliebtsein oder futuristische Fahrzeuge so mit sich bringen.

Es ist Sonntagnachmittag. Anfang 2015. Gegenwart. Es ist die laut Audi weltweit erste pilotierte Fahrt auf einer öffentlichen Straße, bei der nicht ein Ingenieur oder Testfahrer am Steuer sitzt - oder besser: das Steuer loslässt -, sondern einer, der von Autos noch weniger Ahnung hat als von Liebe und Träumen. Bislang haben sich die Hersteller mit Innovationen im Bereich autonomer Automobile verhalten wie Köche, die ihr neues Rezept andauernd nur selbst probieren, von der Zusammenstellung der Zutaten schwärmen und davon, wie toll das irgendwann mal schmecken wird.

Der Kunde bekommt Bilder zu sehen, doch die interessieren ihn nur bedingt. Ein Blick in die Zukunft ist ja ganz nett, doch eigentlich will er wissen: Wie fühlt sich das an? Was passiert mit einem, der bewusst die Kontrolle über sein Auto abgibt?

Consumer Electronics Show Autofirmen glänzen als Hightech-Konzerne
Consumer Electronics Show 2015

Autofirmen glänzen als Hightech-Konzerne

Hunderttausende Besucher pilgern Jahr für Jahr zur Elektronikmesse CES - das perfekte Publikum für Autohersteller, die sich dort als Hightech-Unternehmen inszenieren. Eine Automesse hingegen leidet.

Vom Silicon Valley nach Las Vegas

Audi hat das am Wochenende mit dem Projekt Highway Pilot probiert. Vielleicht ist es Zufall, dass sich dieser mattgraue A7 auf der Interstate 5 befindet. Diesen Highway nimmt man vom Silicon Valley in Richtung Las Vegas, zwei Orte für gewaltige Träume, gewaltige Investitionen und gewaltigen Wahnsinn. Wer Ideen hat und Glück, der kann im Valley und in Vegas stinkreich werden. Es ist aber auch möglich und sogar wahrscheinlich, an beiden Orten gehörig auf die Schnauze zu fliegen. Wie gesagt: Vielleicht ist es Zufall, dass dieses Auto nun auf dieser Straße fährt. Vielleicht aber auch nicht.

Das System ist nur auf Autobahnen und Highways einsetzbar, der Fahrer muss den Wagen also zunächst einmal selbst steuern: ausparken, durch die Stadt navigieren, an der Ampel anhalten, links blinken, die Auffahrt nehmen, eine Spur wählen.

Dann erscheint auf der Anzeige: Piloted Mode available.

Heißt übersetzt: Wenn du willst, dann kann ich nun für dich übernehmen. Der Fahrer drückt zwei hellblau leuchtende Knöpfe auf dem Lenkrad - und lässt los. Lenkrad und Sitz verschieben sich minimal, eine blaue Neonleiste unter der Windschutzscheibe versichert dem Fahrer, dass er nun nicht mehr der Pilot ist, sondern Passagier. Er könnte die Landschaft genießen, den Sonnenuntergang, die Windräder.