bedeckt München 30°

Automobilgeschichte:Ein Abwickler, der zum Retter wurde

Volkswagen Typ 1 in Wolfsburg

Wohl oder Wehe: britisches Werkschild und Volkswagen Typ 1 Ende der 1940er-Jahre.

(Foto: VW-Archiv)

Vor 70 Jahren bewahrte ein britischer Offizier das VW-Werk in Wolfsburg vor der Demontage - und brachte so den Käfer auf Touren.

Von Christof Vieweg

"Wolfsburg? Kenne ich nicht." Der Mann am Straßenrand schüttelt den Kopf. Von der Ortschaft, nach der sich der britische Offizier erkundigt, hat er noch nie gehört.

Es ist Anfang August 1945, wenige Monate nach Kriegsende. Deutschland liegt in Trümmern, wird von den Siegermächten regiert. Im Norden haben die Briten das Sagen und bestimmen somit auch über das Schicksal der großen Industriebetriebe.

Der Offizier, der sich auf den Weg ins unbekannte Wolfsburg macht, heißt Ivan Hirst. Er ist erst 29 Jahre alt, hat aber eine gewaltige Aufgabe vor sich. Hirst soll die Autofabrik übernehmen, die einst von den Nazis aus dem Boden gestampft worden war und in der man den "Kraft-durch-Freude-Wagen" bauen wollte. Doch der Traum ist geplatzt. Und weil niemand mehr an die braune Vergangenheit erinnert werden will, nennt sich die frühere "Stadt des KdF-Wagens" seit Ende Mai 1945 Wolfsburg. In der Bevölkerung spricht sich das aber erst langsam herum.

Wolfsburg hat den Krieg gut überstanden

Als Hirst dort ankommt, staunt er nicht schlecht. Von Hitlers Vorzeigestadt existieren nur breite Straßen, an denen vereinzelt ein paar Häuser stehen. Der Rest sind riesige Barackensiedlungen. Hier leben ehemalige Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, aber auch Flüchtlinge und andere heimatlose "Displaced Persons", die man dort einquartiert hatte. Insgesamt mehr als 20 000 Menschen.

Der gigantische Werkskomplex hat den Krieg gut überstanden. Nur rund ein Fünftel der Hallen sind beschädigt und für die Produktion unbrauchbar. Fast 90 Prozent der Maschinen funktionieren noch oder können repariert werden. "Abwicklung" lautet Hirsts Befehl. In den kommenden Monaten soll er alles so vorbereiten, dass die Maschinen demontiert und in die Heimat der Siegermächte transportiert werden können.

In Deutschland, so hatten es die Alliierten geplant, darf es künftig keine nennenswerte Industrieproduktion mehr geben. "Da die Briten das Kölner Ford-Werk als ausreichend für die zivile Automobilfertigung bestimmt hatten, kam das Volkswagenwerk auf die Demontageliste", erläutert der Dortmunder Historiker und VW-Chronist Markus Lupa die Absichten der Besatzungsmächte.

Erst die Schonfrist, dann die Rettung für den Volkswagen

Doch Ivan Hirst, der jetzt den Titel "Resident Officer at Works" trägt, hält nichts von diesen Plänen. Er will nicht als Totengräber fungieren. Hirst weiß, wie groß der Transportbedarf der Alliierten ist und wie dringend man die im Krieg beschädigten Fahrzeuge ersetzen muss. Warum nicht durch ein Auto wie den Volkswagen?

Auf dem Werksgelände sucht er nach einem gut erhaltenen Exemplar des einstigen KdF-Wagens und lässt es wie ein Militärfahrzeug lackieren - in Khaki. Damit will er seine Vorgesetzten beeindrucken und ihnen das Auto als Dienstwagen empfehlen. Der Coup klappt: Nachdem die Kommandeure den Wagen eingehend unter die Lupe genommen haben, setzen sie den Volkswagen am 10. August 1945 auf die Liste der laufenden Projekte des Wolfsburger Werks und gewähren ihm damit eine Schonfrist. Chronist Lupa: "Die Offiziere erkannten, dass sie mit der Fabrik nicht nur Autos, sondern auch Demokratie bauen konnten."

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite