Süddeutsche Zeitung

Automesse in Shanghai:Prügel im gelobten Land

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Deutsche Autohersteller waren Zielscheibe einer Medienkampagne beim chinesischen Staatsfernsehen. In der Branche rätselt man über die Hintergründe. Und versteckt den wachsenden Ärger hinter den steigenden Absatzzahlen.

Von Marcel Grzanna

Hass-Liebe China: Seit Jahren schleppt die Volksrepublik die Autobranche durch schwere Zeiten. Hier verkauften die Hersteller im Jahr 2012 sagenhafte 15,5 Millionen Fahrzeuge, ein Ende der Rekorde ist nicht in Sicht. Allein im März waren es 1,4 Millionen Autos, plus 20 Prozent. Unternehmen klammern sich an China wie Schiffbrüchige an eine Boje im offenen Meer. So investierten die deutschen Konzerne dort in diesem Jahrzehnt an der Seite ihrer Partnerfirmen mehr als 20 Milliarden Euro in neue Fabriken und Entwicklungszentren. Doch es gibt auch eine dunkle Seite: übertriebene Regulierung, unsinnige Kontrollen, erzwungene Technologietransfers und sogar eine negative Medienkampagne gegen Daimler und Co.

All diese Sorgen werden bei der Automesse in Shanghai, die am Wochenende beginnt, von den Unternehmen beiseite gelächelt - zumindest öffentlich. Das hat man gelernt in China, zumal die Umsätze stimmen. Doch hinter den Kulissen staut sich der Frust.

China kritisiert deutsche Autobauer öffentlich

Die negative TV-Berichterstattung vergangenen Monate erinnerte die Konzerne an die vielen Ungewissheiten, die Investitionen in China begleiten. Binnen einer Woche wurde zunächst VW für die Handhabe seiner Getriebeprobleme kritisiert, danach kamen Daimler, BMW und Audi an die Reihe für die Nutzung angeblich giftiger Dämmstoffe. Die Beschuldigten müssen die Vorwürfe ernst nehmen, ob sie zutreffen oder nicht. VW sah sich sogar zu einem Rückruf von fast 400.000 Fahrzeugen genötigt.

Die Autobauer gehören zu denen, die in China am engsten an der Leine geführt werden. Ihre Produktion ist zum Beispiel nur an der Seite von staatlichen Firmen zugelassen. Deswegen fragen sich Manager und Branchenkenner, ob die nahezu gleichzeitige Kritik am deutschen Quartett Zufall sein kann. Man ist sich einig: Nein, da steckt Methode dahinter. Doch bei der Suche nach den Gründen gehen die Ansichten auseinander. Ist es politische Maßregelung? Stecken nationalistische chinesische Journalisten hinter den Berichten? Oder geht es um Unterstützung für heimische Produzenten? "Es ist alles sehr ominös, was hier passiert, und der Frust nimmt zu. Aber keiner will rebellieren, solange die Absätze stimmen", sagt ein Vertreter der deutschen Autoindustrie, der wie viele andere aus der Zunft nicht öffentlich über die atmosphärischen Störungen sprechen will.

Fünfjahresplan soll Chinas Autobauer stärken

Tatsache ist, dass der Automarkt fest in ausländischer Hand ist. Nur drei von zehn verkauften Fahrzeugen stammen aus chinesischer Herstellung. Der Regierung ist das ein Dorn im Auge. Der aktuelle Fünfjahresplan soll chinesische Hersteller aufpäppeln. Bis 2015 sollen sie einen Marktanteil von 40 Prozent erreichen. Mit allen Mitteln. Die Regierung verordnete Beamten im ganzen Land, bei der Wahl ihrer Dienstfahrzeuge auf Audi zu verzichten und stattdessen den heimischen Hongqi zu kaufen. Offenbar mit erstem Erfolg. Das China Business Journal berichtet, dass mehrere Hundert Vorbestellungen für den H7 von Hongqi eingegangen seien, noch vor der Markteinführung des Modells im Mai.

Jedes fünfte Auto, das in China verkauft wird, ist deutsch. Vor allem im Premiumsegment haben Daimler, BMW und Audi die Konkurrenz abgehängt. "Kein chinesischer Produzent wird in den nächsten zehn, vielleicht sogar 20 Jahren in der Lage sein, deutsche Luxusmarken herauszufordern", sagt Yang Jian vom Branchendienst Automotive News China. Die Gastgeber bedienen vor allem den Billigsektor, wo Margen und Renommee gering sind. Obwohl ausländische Hersteller seit fast drei Jahrzehnten in Gemeinschaftsunternehmen gezwungen werden, wo sie große Teile ihres Know-hows offenlegen müssen, wartet die Volksrepublik noch immer auf einen Verkaufsschlager "made in China". Der Gedanke frustriert ambitionierte Beamte. Ungeduldig suchen sie nach der Antwort auf die Gretchenfrage, was das Geheimnis bei der Entwicklung eines Top-Autos ist. Und vergessen, dass jahrzehntelange Erfahrungen die Basis für deren Erfolg bilden.

Das Misstrauen ist groß, dass viele Regelungen und Kontrollen nur dazu dienen, Einblick zu gewinnen in Unternehmensbereiche, die geheim bleiben sollen. Manche klagen, dass es kaum noch möglich sei, ein Unternehmen vernünftig zu führen, weil alle naselang ein neuer Inspektor irgendeiner Behörde vor der Tür steht. "Es wird immer strenger, und der Aufwand ist riesig. Aber wenn du nicht mitspielst, dann bekommst du die nötigen Papiere nicht", sagt ein Insider. Also machen die Unternehmen gute Miene zum bösen Spiel.

Relikte aus der Planwirtschaft

Nicht alles ist allerdings Schikane, viele Probleme sind auch Relikte aus der Planwirtschaft. Manche Schreibtischtäter sitzen noch an derselben Stelle wie vor zwei Jahrzehnten, als der Staat auf breiter Basis damit begann, Unternehmen zu privatisieren. Diesen Beamten die gleiche Flexibilität abzuverlangen, die in einem global tätigen Konzern nötig sind, ist unmöglich.

Umso ärgerlicher ist es, dass eine Berichterstattung wie die im Fernsehen gezielt gegen Qualitätsstandards der Hersteller gerichtet ist, obwohl die wenigsten chinesischen Unternehmen auf vergleichbar verlässlichem Niveau produzieren. Der Pekinger Branchenanalyst Zhang Zhiyong fasst das Problem so zusammen: "Die Deutschen haben die größten Marktanteile, also haben sie auch die Pflicht, die allerbesten Autos zu bauen. Das TV hat sie daran erinnert."

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Quelle:
SZ vom 19.04.2013
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