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Automatisiertes Fahren:Das rollende Wohnzimmer

Wer den Rückspiegel zum Schminken nutzt, verliert den Straßenverkehr aus den Augen.

(Foto: Allianz)

Experten warnen vor einem Wandel des Fahrverhaltens. Immer mehr Menschen betrachten das Auto als dritten Lebensraum neben dem Zuhause und dem Arbeitsplatz. Wie umgehen mit den Ablenkungsmöglichkeiten?

Von Joachim Becker

Das autonome Fahren scheint in Deutschland noch in ferner Zukunft zu liegen. Doch die Neuausrichtung der individuellen Mobilität ist bereits in Ansätzen zu erkennen. Immer mehr Menschen betrachten das Auto als dritten Lebensraum neben dem Zuhause und dem Arbeitsplatz. Passend zu dem Gefühl, in einem rollenden Wohnzimmer zu sitzen, ändert sich auch das Verhalten hinter dem Steuer. Die Autofahrer lassen sich nicht nur durch Handy, Navigationsgerät und andere elektronische Spielereien ablenken. 41 Prozent der Befragten essen, trinken oder rauchen auch am Steuer. Zudem fährt jeder Dritte los, ohne sich anzuschnallen und die Spiegel oder den Sitz richtig einzustellen. 14 Prozent der Befragten berichten zudem, dass sie sich während der Fahrt noch mit Kleidung oder Make-up beschäftigen. Ganz schön viel Ablenkung für 20 Minuten durchschnittliche Fahrzeit.

In der Fahrprüfung wären das alles gute Gründe, um durchzufallen. Neue Untersuchungen des Allianz Zentrums für Technik (AZT) zeigen, dass nicht nur der schnelle Blick auf das Smartphone ein Risiko für den Fahrer darstellt. Auch die anderen fahrfremden Tätigkeiten erhöhen die Unfallgefahr. "Wir haben die Unfallraten der Fahrer mit und ohne Ablenkung verglichen und konnten nachweisen, dass auch scheinbar harmlose Aktivitäten im Fahrzeug mit dem Schadengeschehen der Autofahrer korrelieren", sagt Jörg Kubitzki, Unfallforscher am AZT. Seine Studien zur Ablenkung am Steuer zeigen, dass jeder zehnte Verkehrsunfall maßgeblich durch Ablenkung verursacht wird. In 30 Prozent spielt sie eine verstärkende Rolle. Ganz gleich, ob es das schnelle Sandwich zwischendurch oder der Morgenkaffee ist - wer es sich hinter dem Lenkrad derart gemütlich macht, achtet weniger auf den Verkehr.

"Das Auto ist kein Wohnzimmer", betont das AZT. Doch die gesellschaftlichen Realitäten sind offensichtlich andere. Immer mehr Fahrer werden von Assistenzsystemen in dem Glauben bestärkt, ihre Verantwortung wenigstens teilweise abgeben zu können. Längst warnen Unfallforscher, dass im Übergang zum teilautomatisierten Fahren erst einmal mehr Unfälle passieren könnten als bisher. Das Zusammenspiel von Mensch und Maschine klappt in Extremsituationen nicht immer reibungslos. Auch weil den meisten Fahrern das Training fehlt. Anders als Profis reagieren sie in Schrecksituationen nicht unbedingt optimal. Unbestreitbar bleibt aber: Mit steigendem Automatisierungsgrad wird die durchschnittliche Unfallschwere deutlich zurückgehen. Bremsassistenten reduzieren die Heftigkeit eines Aufpralls, Lenkassistenten können auf einen Impuls des Fahrers hin schon heute in letzter Sekunde ausweichen. Das Problem ist: Viele Fahrer kalkulieren diese Sicherheitsreserve in ihrem riskanten Fahrstil ein.

Was jetzt noch verboten ist, wird mit dem Autobahnpiloten erlaubt

Dieser Übergang zu einer neuen Rollenverteilung im Auto lässt sich nicht allein auf technische oder juristische Fragen reduzieren. Und das Rollenbild des idealen, stets aufmerksamen Fahrers, das uns die Fahrschule vermittelt, wird in einigen Jahren auch obsolet sein. Mit der behördlichen Straßenzulassung von Level-3-Fahrzeugen (die bis zum Jahr 2020 in allen Details geklärt sein dürfte), wollen die deutschen Marken Autobahnassistenten anbieten, die ohne Gegenverkehr autonom fahren können. Von der Einfahrt bis zur Ausfahrt wird dann all das erlaubt sein, was die Allianz-Studie an gefährlichen Ablenkungen aufführt. Und dann? Dann sind nicht mehr die Ablenkungen selbst, sondern die Unterscheidung zwischen den (schnell) wechselnden Rollen als Fahrer oder als Passagier das eigentliche Problem.

Die Gefahr besteht, dass die öffentliche Diskussion darüber erst dann einsetzt, wenn Level-3-Systeme auf den Markt kommen. Und die ersten Unfälle passieren. Statt einer reflexhaften Erregung ist dann eine sachliche Auseinandersetzung darüber vonnöten, wie sich die Autofahrer auf diese Zukunft vorbereiten können. Zum Beispiel mit Reaktionstests und -trainings in den Fahrschulen. Denn klar ist: Maschinen werden nie müde und können schneller reagieren als jeder Mensch.

© SZ vom 17.03.2018
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