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Autofreie Innenstädte:Die Welt unter dem Schleier

Smog in Paris

Paris erstickt im Smog, die Stadt reagiert mit Fahrverboten für Autos.

(Foto: AFP)

Smog, das giftige Gemisch aus Rauch und Nebel, geistert weiterhin durch Großstädte. Doch bislang werden konventionelle Autos selten aus der City verbannt. Dabei zeigen einige Beispiele, wie es funktionieren könnte.

Ein T-Shirt also. Für Heiko Bruns, Vorsitzender des Vereins Autofrei e.V., erbringt das Kleidungsstück den schlagenden Beweis, dass sich die Zeiten eben doch ändern. "Wenn man vor zehn Jahren ein T-Shirt getragen hat, auf dem das Wort Autofreiheit vorkam, gab es nur zwei Reaktionen", sagt Bruns. Die eine: "Willst du gleich eins auf die Fresse?". Die andere: "Oder lieber später?".

Seit 1998 setzt sich der Verein für "ein Leben gegen den Strom ein", wie es die Mitglieder selbst formulieren. Zumindest von der Grundstimmung ist der Satz nicht mehr ganz aktuell. Wer heute kein Auto besitzt - in den Zentren deutscher Großstädte sind das mindestens 40 Prozent -, gilt nicht mehr automatisch als Öko-Spinner. "Politisch", sagt Bruns, "fehlt uns aber die Unterstützung." Wenn überhaupt, gebe es in Deutschland nur Symbolprojekte, etwa das Ziel Münchens, zur Radlerhauptstadt zu avancieren. Schlecht findet das Bruns nicht. "Sobald aber etwas zu Lasten des Autoverkehrs geht, wird's problematisch. Dann endet die Euphorie."

Smog in Paris

Unter der Glocke

Paris als warnendes Beispiel

Es gibt viele Gründe, konventionelle Fahrzeuge aus den Innenstädten zu verbannen. Den aktuellsten liefert Paris, wo Mitte März zum ersten Mal seit 1997 ein Fahrverbot verhängt wurde. Die gemessenen Feinstaubwerte hatten an einigen Stellen im krebserregenden Bereich gelegen. Als Feinstaub-Obergrenze gelten in der EU ein Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter sowie ein Tagesmittelwert von 50 Mikrogramm. Letzterer darf an maximal 35 Tagen pro Jahr überschritten werden. In Deutschland war das zuletzt nur noch an 13 von 385 Messstationen der Fall.

Entwarnung bedeutet das trotzdem nicht. So geht das Umweltbundesamt davon aus, dass jedes Jahr 47 000 Menschen an den Folgen des Feinstaubs vorzeitig sterben. Allein in Deutschland. Das Umweltbundesamt fordert daher, die strengeren Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation (20 Mikrogramm) als Leitwert anzuerkennen. Auf politischer Ebene müsse endlich das Programm "Saubere Luft" der EU-Kommission umgesetzt werden, das eine drastische Einschränkung der lokalen Emissionen vorsieht.

Gemischte Bilanz bei den Umweltzonen

Ideen, wie man dies erreichen könnte, gibt es viele. Am bekanntesten sind die 48 deutschen Umweltzonen, in die Dreckschleudern erst gar nicht einfahren dürfen. Ihre Bilanz ist gemischt, gerade in Ballungszentren, in denen sich die nächste Autobahn oder Fabrik nur ein paar Meter neben der Umweltzone befindet. "Dieser Anteil der Schadstoffbelastung ist durch lokale Maßnahmen (. . .) nahezu nicht beeinflussbar", heißt es etwa im Luftreinhalteplan der Stadt Köln. Dort wird die Feinstaubgrenze inzwischen knapp eingehalten; der Grenzwert für Stickstoffdioxid ist aber immer noch zu hoch.

Andere Regionen leiden noch stärker. In 13 Städten wurde vergangenes Jahr der zulässige Tagesmittelwert für Feinstaub an mehr als 35 Tagen überschritten, darunter Gelsenkirchen, Stuttgart und Tübingen. Der dortige Oberbürgermeister Boris Palmer, ein Grüner, galt einst als glühender Verfechter einer Citymaut, durch die seine Stadt entlastet werden sollte. Nach massivem Druck der Autolobby hat er sich von seinem Vorhaben wieder verabschiedet.

Dicke Luft in Freiburg

Auch im (ebenfalls grün regierten) Freiburg herrscht dicke Luft. Trotz gut ausgebauter Radwege und ÖPNV-Verbindungen wälzt sich täglich eine Pendlerlawine mitten durch die Stadt. Autos ohne Umweltplakette dürften dort eigentlich gar nicht fahren, weil die Strecke mitten durch die Umweltzone verläuft. Doch das Regierungspräsidium pocht auf eine Ausnahme, da es sich bei der B31 um eine wichtige Verbindung in den Schwarzwald handelt. Schnelle Verbesserungen sind nicht zu erwarten - nun soll eine Studie herausfinden, wie man das Problem langfristig in den Griff bekommt.

Nimmt man die hiesigen Bemühungen als Maßstab, geht es jenseits der Landesgrenzen geradezu radikal zu. Im Nobel-Skiort Zermatt sind Autos seit Jahrzehnten verboten - mit dem Segen der Bevölkerung, die über die Regelung zweimal abgestimmt hat. Das Tiroler Bergdorf Serfaus hat 1985 eine eigene U-Bahn für Wintersportler eröffnet. Aktuell entsteht in Abu Dhabi die Ökostadt Masdar City, eine Metropole, die komplett ohne Autos funktionieren soll. Kein Punkt der Stadt, so sehen es die Pläne vor, darf mehr als 200 Meter von einer Haltestelle entfernt liegen.

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