Autodesigner-Nachwuchs Nur nicht zu provokant

Provokante Entwürfe sind gut für Studien wie diesen Mazda. In die Serie schaffen es solche Entwürfe fast nie.

(Foto: dpa-tmn)

Sein Kollege Philipp Römers, 35, ein führender Exterieur-Designer bei Audi, hat den klassischen Weg eingeschlagen: Schülerpraktikum bei Mercedes, Studium in Pforzheim, danach weiter zu VW und zu Audi. Römers hat am Golf VII mitgewirkt, an der zweiten Touareg-Generation und am neuen Passat B8. "Wenn wir morgens ins Designstudio kommen, betreten wir eine neue Welt", sagt Römers. "Denn mit unseren Entwürfen planen wir mindestens vier Jahre voraus."

Je extravaganter und provokanter ihre Ideen ausfallen, desto schwieriger gerät die Umsetzung. Neben mehreren Designern, die an einem Modell arbeiten, haben schließlich auch Trendforscher, Marketingbeauftragte, Sicherheitsexperten und nicht zuletzt der Vorstand ein Wörtchen mitzureden. So kann es schnell passieren, dass die Formen von Showcars, die am Messestand ein echter Hingucker sind, am Ende nicht einmal ansatzweise auf der Straße landen. Oder Autos werden wie der Golf zum Opfer ihres eigenen Erfolgs. Wer wagt es, am Aussehen des meistverkauften deutschen Autos zu drehen, solange die Kunden den Status quo kaufen?

Hauptsache futuristisch: Entwurf von Tobias Benedini.

(Foto: Benedini)

"Das birgt ein hohes Frustpotenzial"

Design-Professor Lutz Fügener kennt solche Debatten aus eigener Erfahrung. "Am Anfang musste ich über jede Schraube streiten", sagt der Experte, der selbst eine Designfirma leitet und seine Karriere mit dem Projekt "Neue S-Bahn Berlin" begann. "In diesem Job muss man Idealist sein und gleichzeitig ständig Kompromisse eingehen. Das birgt ein hohes Frustpotenzial."

Befragt man diejenigen, die tagtäglich vor dieser Herausforderung stehen, fallen die Antworten beschönigend aus: "Natürlich gehört es zum Entwicklungsprozess, dass wir die Richtung immer wieder nachjustieren", sagt Römers. Beierlein erinnert sich an diverse Entwürfe, die er dem Vorstand erfolglos präsentierte: "Man muss ein Gespür dafür entwickeln, den Bogen nicht zu überspannen. Sonst zeichnet man für den Papierkorb."

Fahr zur Hölle

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Frustration hin oder her: Wenn das eigene Baby zum ersten Mal über die Straße rollt, erscheint das manchem Designer wirklich wie eine Geburt. Für Ulrich Beierlein kam dieser Moment, als "sein" Audi A7 in Produktion ging: "Dieses Auto hatte keinen Vorgänger, wir haben mit einem weißen Blatt Papier angefangen. Als er dann nach fünf Jahren Entwicklung endlich vom Fließband rollte, hatte ich feuchte Augen. Ich dachte: Die bringen wirklich meine Idee in Serie, und das gleich hunderttausendfach."

"Es geht um Mobilität als Ganzes"

BMW-Chefdesigner Karim Habib beschreibt das Gefühl noch poetischer: "Wir treten an, die Welt zu verändern, denn wir verbreiten nicht nur PS, sondern ein Lebensgefühl. Es geht um Mobilität als Ganzes." Die Bedeutung des Autodesigns werde in Zukunft sogar noch wichtiger: "Tatsache ist doch, dass man in Europa heute kein schlechtes Auto kaufen kann", sagt Habib. "Das Erlebnis gewinnt an Bedeutung - und Designer verhelfen Autos dazu, sich von anderen Marken abzusetzen."

Schöner dröhnen

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Welche Fähigkeiten muss man sonst noch mitbringen, um in diesem Beruf zu bestehen? Habib zögert nicht lange: "Ohne Zeichentalent geht es nicht. Nur so kann man schnell einen Gedanken auf Papier bringen." Philipp Römers sieht es ähnlich: "CAD-Programme sind nützlich, aber noch lange kein Allheilmittel. Für die gute Idee reicht ein kleines Blatt Papier." Auch Teamfähigkeit ist wichtig, weil Autodesigner nicht im stillen Kämmerlein arbeiten, sondern immer in der Gruppe. Ob es um Leuchten geht, um Sitzmuster oder um das Layout des Navigationssystems: Für nahezu jede Komponente gibt es in der Industrie eigene Fachleute - und sie alle müssen konstruktiv zusammenarbeiten.

Dementsprechend früh wird auf Teamwork gesetzt. Im Studium sollen die angehenden Autodesigner sich gegenseitig helfen und ihre Entwürfe kritisch beäugen. An Lucas Lörrachers Strandsegler hat an diesem Morgen niemand etwas auszusetzen - außer er selbst. "Das Fahrzeug sieht wirklich gut aus", sagt er, "aber eigentlich braucht es kein Mensch." Das dritte Semester ist dem Berufsleben also gar nicht mal unähnlich: So manche gute Idee versandet klanglos im Zeichenblock.