Süddeutsche Zeitung

Autobahnkirchen in Deutschland:"Manchmal ist außer mir und Gott niemand da"

Gerade zehn Minuten verbringen Besucher durchschnittlich in einer Autobahnkirche. Sie suchen dort neben der Andacht vor allem eines: Ruhe. Und es kommen auch die, die ohne Begleitung fast nie in die Kirche gehen - Männer.

Von Steve Przybilla

Die Abfahrt zu Gott war nicht freiwillig. Geduldig kramt der ukrainische Lkw-Fahrer nach seinem Lieferschein, den die deutschen Polizeibeamten sehen möchten. Zwischen München und Augsburg haben sie ihn herausgewunken, A8, Ausfahrt Adelsried, mitten in der Baustelle. Dass der Parkplatz vor Deutschlands ältester Ausbahnkirche liegt, kann man für einen Zufall halten. Oder Schicksal. Je nachdem, wie man es mit dem Glauben hält.

Der Lkw-Fahrer hat sich entschieden, die Zwangspause sinnvoll zu nutzen. In Jogginghose und Pantoffeln schlurft er durch die gläserne Eingangstür. Er bekreuzigt sich, kniet nieder und senkt den Kopf. Kein Wort, keine Beichte - einfach nur Stille. Ein paar Sekunden vergehen, bevor sich der Mann wieder erhebt. Er lächelt. Ein flüchtiger Blick auf das 2,50 Meter mal zwei Meter große hängende Holzkruzifix, dann steigt er wieder in seinen Lkw. Die Reise kann weitergehen.

"Ich pastoriere nicht"

Drinnen sitzt ein groß gewachsener, stämmiger Mann. In der Ecke zwischen den Rosenkränzen und Infobroschüren ist Pater Wolfram Hoyer trotzdem kaum zu erkennen. Er hält sich gerne im Hintergrund. "Ich pastoriere nicht", sagt der 45-jährige Dominikanerbruder, der das Gotteshaus seit acht Jahren leitet. Im Sommer sitze er meist draußen, mit einer Pfeife im Mund und einem Buch in der Hand. "Manchmal ist außer mir und Gott niemand da", sagt Hoyer. Aber selbst wenn viel los sei, komme er beim Lesen in der Regel gut voran. Denn: "Die Leute wollen ihre Ruhe, wenn sie in die Autobahnkirche kommen."

Das Haus ist klein und effizient gebaut, eine typische Nachkriegskonstruktion mit viel Glas und roten Dachziegeln. Eingeweiht wurde es am 12. Oktober 1958, finanziert durch den Augsburger Papierfabrikanten Georg Haindl. Der spendable Unternehmer hatte sich zuvor gewundert, warum in Bayern an fast jeder Ecke ein Kreuz steht - nur nicht an den aufstrebenden Autobahnen. Mit seiner Idee traf Haindl den Nerv der Zeit: Die Kirche wurde "noch vor ihrer Weihe von einem Besucheransturm überrollt", heißt es in der Chronik, in der von "mindestens 1000 Fahrzeugen" die Rede ist.

Die Massen in der Kirche: Klingt ziemlich romantisch, ein bisschen nach guter alter Zeit, stimmt aber wirklich. Die Fotos von damals zeigen einen proppenvollen Parkplatz: Käfer neben Käfer, Stoßstange an Stoßstange. Männer mit Krawatte und Einstecktuch, Frauen mit Hut und langen Kleidern. Und heute? Steht nur das Auto des Paters vor der Autobahnkirche. "Täuschen Sie sich nicht", sagt Hoyer, "hier ist mehr los, als Sie denken."

Zehn Minuten in der Autobahnkirche

Tatsächlich treten innerhalb der nächsten halben Stunde sechs Personen vor den Altar. Sie kommen und gehen. Die "durchschnittliche Verweildauer" in einer Autobahnkirche beträgt gerade mal zehn Minuten, wie eine Studie des Zentrums für kirchliche Sozialforschung an der Katholischen Hochschule Freiburg herausfand. Eine weitere Erkenntnis: Es kommen vor allem die, die ohne Begleitung fast nie in die Kirche gehen - Männer.

Vor der Tür stellt der nächste Besucher sein Vehikel ab, ein Fahrrad. "Ich schaue seit der Eröffnung jede Woche vorbei", erzählt Peter Tokar (64). Der ursprünglichen Zielgruppe entspricht er nicht ganz, denn er wohnt im Nachbardorf Rommersried - nicht gerade eine Fernreise. "Wenn ich unterwegs bin, schaue ich nur selten in Autobahnkirchen vorbei", erzählt Tokar und zündet eine Kerze an. Einmal habe er auch in Baden-Baden gehalten, an einem pyramidenförmigen Gotteshaus direkt an der A5. "Tolle Architektur", meint der Kirchgänger. Aber sonst? "Gehe ich zu Hause in die Kirche."

Raus aus der Hektik

Von Kurzentschlossenen profitieren die Autobahnkirchen am meisten. Ein Coffee to go, ein Stoßgebet, weiter geht's. "Die Zeiten sind schnelllebiger geworden", weiß auch Michael Zimmer. Der 48-jährige Pfarrer leitet die Autobahnkirche St. Christophorus in Baden-Baden, die meistbesuchte Einrichtung dieser Art mit über hunderttausend Besuchern im Jahr. Für Zimmer hat der Drive-in-Charakter etwas Positives: "Die Leute können aus ihrer Hektik heraustreten, und wenn es nur für fünf Minuten ist." Viele kämen, um sich die 2000 biblischen Bilder anzusehen, die auf den Betonreliefs verewigt sind. Oder um die Form des Gebäudes zu bestaunen, die der Pfarrer nicht als Pyramide verstanden wissen will, sondern als "Zelt Gottes".

Dass Reisende nach dem Gebet automatisch vorsichtiger fahren (wie manche glauben), ist indessen nicht belegt. "Wenn man gebetet hat, kann man trotzdem in eine kritische Situation kommen", sagt Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer. Allerdings: "Pause zu machen, ist immer eine gute Idee." So sehen es auch die Versicherer im Raum der Kirchen (VRK), die sich auf Mitarbeiter von kirchlichen Einrichtungen spezialisiert haben. Die VRK, die das Internetportal "Autobahnkirche.info" betreiben, sprechen von einem regelrechten Autobahnkirchen-Tourismus.

Zwischen Hamburg und Berlin muss man Zuhause beten

Die "Rastplätze für die Seele" - so der offizielle Slogan - sind quer über die Republik verteilt. Jeden Sommer machen sie am "Tag der Autobahnkirchen" durch besondere Aktionen auf sich aufmerksam, inklusive Reisesegnung mit Live-Übertragung im ZDF. Nur im hohen Norden ist es mit der Frömmigkeit nicht ganz so weit her. Wer zwischen Hamburg und Berlin unterwegs ist, muss vorher zu Hause beten. Ansonsten ist die Auswahl recht groß: 18 evangelische, acht katholische und 14 ökumenische Autobahnkirchen stehen zur Auswahl - vom platzsparenden Tipi (Autohofkapelle Kirchheim, A7) bis zum viergeschossigen Neubau (Autobahnkirche Geiselwind, A3).

Manche Autobahnkirchen finanzieren sich nur durch Spenden (Adelsried), andere werden von Diözesen getragen (Baden-Baden). Auch ihre Entstehungsgeschichten sind höchst unterschiedlich: Mal werden sie gebaut, um einen Rastplatz zu verschönern, ein anderes Mal, um mehr Besucher in eine verwaiste Dorfkirche zu locken. Ganz unproblematisch ist das nicht immer. So dürfen die Drive-in-Kapellen maximal einen Kilometer von der Autobahnabfahrt entfernt liegen. Als in Brehna (Sachsen-Anhalt) ein Autobahnkreuz neu gestaltet wurde, erhöhte sich die Entfernung auf 1,6 Kilometer - seither gilt dort eine Ausnahme.

Universelle Gebetsräume gibt es nicht

Während Christen unterwegs gut versorgt sind, haben es Muslime und Juden ungleich schwerer. Moscheen, Synagogen oder universelle Gebetsräume findet man an deutschen Autobahnen nämlich nicht - sehr wohl aber an großen Flughäfen wie Frankfurt oder München. Dabei könnten die bestehenden Autobahnkirchen durchaus Nachwuchs gebrauchen. Immerhin sind zwei Drittel ihrer Besucher über 50 Jahre alt, so die Studie der Freiburger Religionswissenschaftler.

An übermäßigem Schwund leiden die meisten Autobahnkirchen trotzdem nicht, und das aus einem einfachen Grund: Der Verkehr nimmt zu. Allein in Baden-Baden, eine der größten Raststätten Süddeutschlands, stehen 121 Lkw-Parkplätze zur Verfügung. Die Fahrer kommen aus Italien, Polen und Spanien. Ihre einzige Gemeinsamkeit: der Glaube. "Man begegnet Menschen, die sonst nicht in die Kirche gehen", sagt Zimmer. Sein Kollege in Adelsried berichtet von ähnlichen Erlebnissen: Anzugträger, die nach der Lehman-Krise im Porsche vorgefahren kamen. Costa-Concordia-Überlebende auf der Durchreise.

Manche gehen auch nur auf die Toilette

Sie alle scheuen den Dorftratsch auf der heimischen Kirchbank, bevorzugen die Anonymität in der Fremde. Oder wollen einem natürlichen Bedürfnis nachgehen. "Dass Autobahnkirchen mit einer Toilette ausgestattet sind, ist nicht unwichtig", betont Pater Hoyer. Viele Besucher haben aber auch konkrete Wünsche. "Lieber Gott, lass uns einen schönen Urlaub verbringen", hat jemand ins Anliegenbuch geschrieben. Ein paar Seiten weiter: "Beschütze unseren Hund im Himmel." Und darunter in krakeliger Kinderschrift: "Diese Kirche ist einfach aba schön."

Der Nachteil der Unverbindlichkeit zeigt sich beim Blick auf die angeketteten Kerzenständer. "Hier wird alles geklaut, was nicht niet- und nagelfest ist", erzählt Wolfram Hoyer. Seine Kirche ist 365 Tage im Jahr geöffnet, rund um die Uhr. Wenn er nicht da ist, gibt es niemanden, der nach dem Rechten schaut. Einmal wurde sogar der Altar mit Fäkalien beschmiert. Der Pater seufzt - nicht gerade ein christliches Verhalten.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1900639
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 01.03.2014/reek
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.