Autobahnkirchen in Deutschland:Raus aus der Hektik

Von Kurzentschlossenen profitieren die Autobahnkirchen am meisten. Ein Coffee to go, ein Stoßgebet, weiter geht's. "Die Zeiten sind schnelllebiger geworden", weiß auch Michael Zimmer. Der 48-jährige Pfarrer leitet die Autobahnkirche St. Christophorus in Baden-Baden, die meistbesuchte Einrichtung dieser Art mit über hunderttausend Besuchern im Jahr. Für Zimmer hat der Drive-in-Charakter etwas Positives: "Die Leute können aus ihrer Hektik heraustreten, und wenn es nur für fünf Minuten ist." Viele kämen, um sich die 2000 biblischen Bilder anzusehen, die auf den Betonreliefs verewigt sind. Oder um die Form des Gebäudes zu bestaunen, die der Pfarrer nicht als Pyramide verstanden wissen will, sondern als "Zelt Gottes".

AUTOBAHNKIRCHE BADEN-BADEN

Pro Jahr lockt die St. Christopherus Autobahnkirche in Baden-Baden über 300 000 Besucher an. Sie ist damit im Erzbistum Freiburg die zweitgrößte Kirche überhaupt.

(Foto: DPA)

Dass Reisende nach dem Gebet automatisch vorsichtiger fahren (wie manche glauben), ist indessen nicht belegt. "Wenn man gebetet hat, kann man trotzdem in eine kritische Situation kommen", sagt Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer. Allerdings: "Pause zu machen, ist immer eine gute Idee." So sehen es auch die Versicherer im Raum der Kirchen (VRK), die sich auf Mitarbeiter von kirchlichen Einrichtungen spezialisiert haben. Die VRK, die das Internetportal "Autobahnkirche.info" betreiben, sprechen von einem regelrechten Autobahnkirchen-Tourismus.

Zwischen Hamburg und Berlin muss man Zuhause beten

Die "Rastplätze für die Seele" - so der offizielle Slogan - sind quer über die Republik verteilt. Jeden Sommer machen sie am "Tag der Autobahnkirchen" durch besondere Aktionen auf sich aufmerksam, inklusive Reisesegnung mit Live-Übertragung im ZDF. Nur im hohen Norden ist es mit der Frömmigkeit nicht ganz so weit her. Wer zwischen Hamburg und Berlin unterwegs ist, muss vorher zu Hause beten. Ansonsten ist die Auswahl recht groß: 18 evangelische, acht katholische und 14 ökumenische Autobahnkirchen stehen zur Auswahl - vom platzsparenden Tipi (Autohofkapelle Kirchheim, A7) bis zum viergeschossigen Neubau (Autobahnkirche Geiselwind, A3).

Manche Autobahnkirchen finanzieren sich nur durch Spenden (Adelsried), andere werden von Diözesen getragen (Baden-Baden). Auch ihre Entstehungsgeschichten sind höchst unterschiedlich: Mal werden sie gebaut, um einen Rastplatz zu verschönern, ein anderes Mal, um mehr Besucher in eine verwaiste Dorfkirche zu locken. Ganz unproblematisch ist das nicht immer. So dürfen die Drive-in-Kapellen maximal einen Kilometer von der Autobahnabfahrt entfernt liegen. Als in Brehna (Sachsen-Anhalt) ein Autobahnkreuz neu gestaltet wurde, erhöhte sich die Entfernung auf 1,6 Kilometer - seither gilt dort eine Ausnahme.

Universelle Gebetsräume gibt es nicht

Während Christen unterwegs gut versorgt sind, haben es Muslime und Juden ungleich schwerer. Moscheen, Synagogen oder universelle Gebetsräume findet man an deutschen Autobahnen nämlich nicht - sehr wohl aber an großen Flughäfen wie Frankfurt oder München. Dabei könnten die bestehenden Autobahnkirchen durchaus Nachwuchs gebrauchen. Immerhin sind zwei Drittel ihrer Besucher über 50 Jahre alt, so die Studie der Freiburger Religionswissenschaftler.

An übermäßigem Schwund leiden die meisten Autobahnkirchen trotzdem nicht, und das aus einem einfachen Grund: Der Verkehr nimmt zu. Allein in Baden-Baden, eine der größten Raststätten Süddeutschlands, stehen 121 Lkw-Parkplätze zur Verfügung. Die Fahrer kommen aus Italien, Polen und Spanien. Ihre einzige Gemeinsamkeit: der Glaube. "Man begegnet Menschen, die sonst nicht in die Kirche gehen", sagt Zimmer. Sein Kollege in Adelsried berichtet von ähnlichen Erlebnissen: Anzugträger, die nach der Lehman-Krise im Porsche vorgefahren kamen. Costa-Concordia-Überlebende auf der Durchreise.

Manche gehen auch nur auf die Toilette

Sie alle scheuen den Dorftratsch auf der heimischen Kirchbank, bevorzugen die Anonymität in der Fremde. Oder wollen einem natürlichen Bedürfnis nachgehen. "Dass Autobahnkirchen mit einer Toilette ausgestattet sind, ist nicht unwichtig", betont Pater Hoyer. Viele Besucher haben aber auch konkrete Wünsche. "Lieber Gott, lass uns einen schönen Urlaub verbringen", hat jemand ins Anliegenbuch geschrieben. Ein paar Seiten weiter: "Beschütze unseren Hund im Himmel." Und darunter in krakeliger Kinderschrift: "Diese Kirche ist einfach aba schön."

Der Nachteil der Unverbindlichkeit zeigt sich beim Blick auf die angeketteten Kerzenständer. "Hier wird alles geklaut, was nicht niet- und nagelfest ist", erzählt Wolfram Hoyer. Seine Kirche ist 365 Tage im Jahr geöffnet, rund um die Uhr. Wenn er nicht da ist, gibt es niemanden, der nach dem Rechten schaut. Einmal wurde sogar der Altar mit Fäkalien beschmiert. Der Pater seufzt - nicht gerade ein christliches Verhalten.

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