bedeckt München

Auto und Daten:"Das Auto wird zu einer Computing-Plattform"

Das schnelle Entwicklungstempo solcher Assistenzsysteme verändert die Spielregeln der Branche: "In der Fahrzeugelektronik findet eine Revolution statt. Das Auto wird zu einer Computing-Plattform", kündigt Ricky Hudi an. Der Audi-Bereichsleiter Elektrik-Elektronik plant in den nächsten Jahren mit der hundert- bis tausendfachen Rechenleistung im Auto. Eine Großrechner-Architektur vernetzt durch breitbandige Datenautobahnen (Ethernet) soll erstmals den angekündigten Elektro-SUV zum lernenden System machen. Wer die Entwicklung der Kabelsysteme und Steuergeräte im Auto von ihren Anfängen bis zur Gegenwart betrachtet, erkennt frappierende Ähnlichkeiten mit der Entwicklung der Nervensysteme im Laufe der Evolution: Ab einer gewissen Rechenleistung wird (künstliche) Intelligenz möglich.

Das Auto wandelt sich von der abgeschlossenen Blechbüchse zum hochvernetzten Computer. Dabei hat kaum jemand vorhergesehen, dass sich schließlich bis zu hundert Steuergeräte um Informationen balgen würden. Ohne die Altlasten eines gewachsenen Bordnetzes konnte Tesla mit den Software-Updates direkt in Richtung Zukunft starten.

Mit der verpflichtenden Einführung des automatischen Notrufs (eCall) wird das hochvernetzte Fahren zunehmend zum Massenphänomen: Ab 2018 bekommen alle Neufahrzeuge in Europa eine fest eingebaute Mobilfunk-Einheit. Auf Basis dieser Luftschnittstelle werden aber nicht nur neue Sicherheits- und Servicelösungen entstehen, sondern womöglich auch Datenlecks: "Die Hacker-Meldungen von 2015 sind erst der Anfang. Die Angriffszenarien rund um das vernetzte Fahrzeug werden in den nächsten Jahren massiv zunehmen", warnt Guido Dornbusch, Direktor Vorentwicklung des Zulieferers Novero.

Vernetzung lockt immer mehr Hacker an

Bislang haben Auto-Hacker nicht viel Schaden angerichtet. Es waren eher akademische Vorführungen, die den Spezialisten gute Jobs bei führenden IT-Firmen einbrachten. Doch das massenhaft vernetzte Auto macht die Sache auch für Hacker aus der Unterwelt interessant: Bei der Konferenz "Connected Driving: Safe & Secure" vergangene Woche in Bochum waren sich die Experten über die neue Gefahrenlage einig. "Das Software-Update für Millionen Diesel-Fahrzeuge dauert in den VW-Werkstätten ein Jahr. Bei schweren Softwareproblemen und insbesondere sicherheitsrelevanten Fehlern brauchen wir künftig viel schnellere Reaktionszeiten", erklärt Guido Dornbusch: "Neue Firmware over-the-air (FOTA) über einen zentralen Server in ein Auto herunterzuladen, dauert nur circa drei Minuten. Das ist ein Muss, um mit den Hackern Schritt zu halten."

Autohersteller lassen sich bei der Datensicherheit im Auto aber nicht gerne in die Karten schauen. Jeder behandelt die Software als Betriebsgeheimnis. Hierzulande wollen die Hersteller nicht einmal die Abgasreinigungsstrategie ihrer Dieselfahrzeuge preisgeben - was in den USA längst Pflicht ist. Wenn Autos künftig über die gesamte Lebenszeit abgesichert werden müssen, ist eine stärkere Kooperation aller Beteiligten nötig: Hersteller und Zulieferer müssen sich auf Software- und kabellose Übertragungsstandards einigen - die sich am Ende nicht selbst als Sicherheitslücken erweisen dürfen. "Jeder redet von dem Auto als dem rollenden Computer. Aber die Sicherheitsarchitektur ist eine ganz andere. In dem gewachsenen Fahrzeugbordnetz gibt es noch gar keine durchgängige Sicherheitskette. Die Hersteller haben ja nicht einmal die gleichen Standards von einem Modell zum anderen", mahnt Arndt Kohler von der IBM Security.

Persönliche Daten für 70 Euro - auf dem Schwarzmarkt

Wenn Autos zu Smartphones auf Rädern werden, könnten sie künftig genauso angreifbar sein wie die Elektronik-Zwerge. Beim weltweit führenden Betriebssystem Android beobachten Sicherheitsexperten seit fünf Jahren einen explosionsartigen Zuwachs von Schadprogrammen. "Die gute Nachricht ist: Auf dem Schwarzmarkt ist Autoelektronik noch kein größeres Thema. Ganz anders dagegen bei Android und iOS: Aufgrund des grassierenden Datendiebstahls kann man die kompletten Privatdaten eines Menschen inklusive Reisepass schon ab 70 Dollar kaufen", berichtet Ralf Benzmüller, Leiter Security Labs der Bochumer G Data Software AG. Ein beliebtes Geschäftsmodell sei es auch, die Daten auf einem Smartphone zu verschlüsseln und Lösegeld für die Entschlüsselung zu verlangen. Wenn sich das auf Autos übertragen lässt, würde es einen gefährlichen und teuren Wettlauf mit den Datendieben auslösen. Allen voran bei Tesla.

© SZ vom 20.02.2016/harl
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema