Auto-Emissionswerte Fehler im System

Abgastest bei einem BMW 5er: Experten bemängeln eine zu ungenaue Messtechnik und zu geringe Befugnisse der Prüforganisationen.

(Foto: Getty Images)
  • Wie konnten Volkswagens Abgasmanipulationen so lange unentdeckt bleiben? Experten machen unter anderem ungenaue Messmethoden dafür verantwortlich.
  • Laut TÜV Nord haben Prüforganisationen beispielsweise keine Möglichkeit, die Motorsoftware zu überprüfen.
  • Auch die Messgeräte bei der Abgas-Untersuchung (AU) seien zu ungenau. Dieselautos würden den Test selbst ohne Partikelfilter bestehen.
Von Frank Schlieben

VW-Diesel mit manipulierten Emissionswerten sind zuerst in den USA aufgefallen. Jetzt nehmen die dortigen Behörden auch die 3,0-Liter-Sechszylinder-Diesel von Audi in die Mangel. Man kann darauf warten, dass auch die V6-Diesel von Porsche in den Sog des Skandals geraten. Warum sind diese Manipulationen in Deutschland nicht schon viel früher aufgefallen? Dafür gibt es verschiedene Gründe, einer davon ist die Typgenehmigung: Hier werden unter anderem die Verbrauchs- und Emissionswerte eines neuen Fahrzeugs ermittelt. Um bei beidem gut dazustehen, tricksen die Hersteller nach allen Regeln der Kunst. Ganz legal versteht sich.

Die Hersteller haben nach dem Gesetz verschiedene Möglichkeiten, ihre Fahrzeuge vorab so zu konditionieren, dass sie auf dem Prüfstand Fabel-Verbrauchswerte erreichen. So sparsam kann anschließend kein Normalfahrer mit einem Serienauto fahren. Kein Wunder, denn wer würde schon seine Reifen mit einem Druck weit über der vom Hersteller empfohlenen Maximalgrenze befüllen? Genauso merkwürdig wäre es, sämtlich Fugen am Fahrzeug abzukleben oder die Lichtmaschine stillzulegen, um einen höheren Verbrauch durch die Ladeleistung des Generators zu verhindern.

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Der neue Test soll realistischer sein

Diese und weitere Spritspar-Tricks sind bei Typgenehmigungstests in Europa erlaubt. Dagegen machen Umweltverbände seit Jahren Front (SZ berichtete). Durch die Einführung eines neuen Fahrzyklus sollen derlei Tricks möglichst bald beendet werden. Der so genannte Worldwide harmonized Light vehicles Test Cycle (WLTC) schränkt die Gestaltungsspielräume der Hersteller bei der Typgenehmigung ihrer Fahrzeuge deutlich ein. Experten gehen davon aus, dass die Verbräuche beim WLTC gegenüber dem NEFZ-Zyklus um bis zu 25 Prozent ansteigen werden. Vorausgesetzt der neue Zyklus tritt wie geplant in Kraft.

Skandal aus heiterem Himmel? Die Missstände in Sachen Abgas waren Experten längst bekannt

Denn laut LobbyControl und anderer Quellen existiert ein internes Papier, in dem sich die Bundesregierung darauf festgelegt hat, die Einführung des neuen Testzyklus von 2017 auf 2021 zu verschieben. Das entspricht der Position, welche die deutsche Automobilindustrie auch über den europäischen Herstellerdachverband ACEA gefordert hat.

Der Vorwurf eines zu engen Schulterschlusses zwischen Regierung und Automobilindustrie ist seit einigen Tagen auch Anlass für eine Auseinandersetzung zwischen dem TÜV Nord und dem Bundesverkehrsministerium. Guido Rettig, Chef der Prüforganisation aus Hannover, die einen Großteil der aktuell beanstandeten Typgenehmigungen für Volkswagen durchgeführt hat, reagierte mit scharfer Kritik auf den unterschwelligen Vorwurf, seine Prüfer hätten die Softwaremanipulationen von Volkswagen bemerken müssen. Rettig konterte, dass man seit Jahren von der Politik fordere, auch Motorsteuergeräte und Software im Rahmen des Genehmigungsverfahrens überprüfen zu dürfen. Diese Forderung sei von den Automobilherstellern stets mit dem Hinweis auf Betriebsgeheimnisse abgelehnt worden. Auch die zuständigen Ministerien seien der Argumentation der Hersteller bedingungslos gefolgt.