Historische Ausstellung Als das Bier per Bahn kam

Bier wurde in weiß getünchten Waggons verfrachtet.

(Foto: DB Museum Nürnberg)

Viele Waren wurden früher auf der Schiene transportiert - aber nicht im Container wie heute, sondern oftmals in Spezialwaggons. Eine Schau in Nürnberg erinnert an die einstige Vielfalt der Güterzüge.

Von Marco Völklein

Wer sich den Spaß erlaubt und mal eine Zeitlang im, sagen wir, Bahnhof von Schwetzingen, südlich von Mannheim, die Frachtzüge beobachtet, die auf der stark frequentierten Güterbahnstrecke durchs Rheintal rauschen, der wird feststellen, dass das eine ziemlich eintönige Sache ist. Da rollt ein Containerzug nach dem anderen am Bahnhofsgebäude vorbei; wer Glück hat, sieht auch mal einen Zug mit Kesselwagen oder einen mit Waggons zum Autotransport. Das war's dann aber auch schon.

Vor einigen Jahrzehnten war das noch ganz anders. Alle möglichen Güter wurden auf der Schiene transportiert - in dafür extra konstruierten Spezialwaggons. "Da war eine unglaubliche Vielfalt geboten", sagt Oliver Götze, der Direktor des DB-Museums in Nürnberg. In einer Sonderausstellung mit insgesamt acht historischen Güterwaggons und zwei Güterzuglokomotiven zeigt sein Haus seit dem 12. April, wie sich der Warenverkehr auf der Schiene in den vergangenen mehr als 150 Jahren entwickelt hat.

Solche Fracht ist heutzutage kaum mehr denkbar: In den Fünfzigerjahren fuhren Zirkustiere wie diese Giraffe per Bahn zum nächsten Spielort.

(Foto: DB Museum Nürnberg)

Als Allererstes räumen die Ausstellungsmacher dabei mit einer Legende auf. Denn dieser zufolge sind bereits bei der ersten Eisenbahnfahrt in Deutschland, also bei der Fahrt des "Adlers" am 7. Dezember 1835 auf der Strecke von Nürnberg nach Fürth zwei Fässer Bier auf Lok oder Tender transportiert worden. "Das stimmt aber nicht", sagt Rainer Mertens, der Vize-Chef des Museums, der die Sonderschau zusammen mit seiner Kollegin Julia Voigt konzipiert und kuratiert hat. Vielmehr sei der Transport von Gütern auf der ersten deutschen Eisenbahntrasse zunächst einmal untersagt gewesen. Erst sieben Monate später erwirkt der Nürnberger Bierbrauer Georg Lederer eine Ausnahmegenehmigung des Eisenbahndirektors, um am 11. Juli 1836 zwei Fässer Bier zum Bahnhofswirt nach Fürth zu bringen, erzählt Mertens. "Damit wird der Beginn des Güterverkehrs auf der Schiene in Deutschland eingeläutet."

Danach wächst der Güterverkehr ähnlich rasch wie das gesamte Eisenbahnnetz. Die Bahn wird für viele Jahrzehnte zum wichtigsten Transporteur von Gütern und damit auch "zum Motor der mobilen Gesellschaft", wie Museumsdirektor Götze sagt. Die Bahn fördert die Industrialisierung, im Gegenzug ermöglicht sie die Versorgung der teils explosionsartig wachsenden Bevölkerung in den Metropolen mit Nahrungsmitteln und Konsumgütern. Nur dank der in den Zwanzigerjahren entwickelten Fisch-Kühlwagen können Menschen in Regionen fern der Meeresküsten nahezu fangfrische Seefische essen. Und auch die Entsorgung der Städte wird vielerorts über die Schiene abgewickelt: Spezialwaggons, ausgestattet mit großen, geruchsneutralen Tanks, fahren die Fäkalien aus den Städten aufs Land, wo diese auf "Rieselfeldern" ausgebracht werden.

In Fisch-Kühlwagen wurde die Ware mit Eis gekühlt.

(Foto: DB Museum Nürnberg)

Ohnehin entwickelt sich über die Jahre eine bunte Vielfalt an Spezialwaggons. Um das Bier beispielsweise von den fränkischen Brauereien aus Nürnberg, Kulmbach oder Hof in andere Städte und Länder zu bringen, werden Bierwagen gefertigt. Die zeichnen sich zunächst nur durch ihren weißen Anstrich aus, der die Sonnenwärme besser reflektiert. Später werden Doppelwände zur besseren Isolierung eingezogen, die Kühlung in den Waggons erfolgt noch bis ins 20. Jahrhundert mit Natureis. In der Nürnberger Sonderschau werden gleich zwei Bierwagen gezeigt.

Ein weiterer Höhepunkt der Sonderausstellung ist ein Bananenwagen aus den Fünfzigerjahren. Mit dem wachsenden Wohlstand der Wirtschaftswunderzeit stieg in Westdeutschland der Konsum von Südfrüchten stark an. Von Mitte der Fünfzigerjahre an lässt die Bundesbahn deshalb gedeckte Güterwagen aus der Zeit vor 1945 zu Bananenwagen umbauen. Die erhalten unter anderem eine 100 Millimeter dicke Isolierschicht aus Styropor, die mit Blech verkleidet ist. Zudem werden Presskohleöfen (später auch Propanheizungen) eingebaut, damit die Bananen während des Transports reifen können.

Käfer verließen das VW-Werk in den Fünzigerjahren per Bahn.

(Foto: SZ Photo)

Zu sehen ist außerdem ein Klappdeckelwagen aus der Zeit der preußischen Staatsbahnen, der für den Transport von Kalk entwickelt wurde. Da die Fracht während des Transports auf keinen Fall nass werden durfte, konstruierten die Entwickler an der Oberseite dicht schließende Deckel, über die die Waggons beladen wurden. Zudem sind die Deckel wie ein Giebeldach angeordnet, damit Regenwasser besser abfließen konnte. Entladen werden musste dieser Wagentyp noch per Hand mit Schaufel und Schubkarre. Erst in den Zwanzigerjahren entwickelten Ingenieure dann neue, sogenannte Selbstentladewagen.

In einem Spezialwagen wurden Fäkalien aus Fürth transportiert.

(Foto: DB Museum Nürnberg)

Ohnehin zeigt die Schau, dass bis weit in die Siebzigerjahre Güterverkehr vor allem mit viel Handarbeit verbunden war. Auf einem Foto ist zu sehen, wie Arbeiter Gurken in einen gedeckten Güterwagen stapeln, jede einzeln, Stück für Stück. Erst mit der Einführung der Europalette in den Sechzigerjahren geht die Transportbranche einen "ersten Schritt in Richtung Rationalisierung", wie Ausstellungsmacherin Voigt sagt. Etwa zur gleichen Zeit wird der Container entwickelt, der erste Containerzug der Bundesbahn fährt 1966 von Bremen in Richtung Süddeutschland. Die Vielfalt der Güterwaggons auf der Schiene nimmt danach stetig ab. Fisch-Kühlwagen etwa, in denen die Ware mit Eis bedeckt wurde und die mit Ablaufrinnen im Boden versehen waren, um das Schmelzwasser abzuleiten, kommen laut Mertens letztmalig zu Beginn der Achtzigerjahre zum Einsatz.

Die Sonderschau "Bier, Bahn und Bananen" mit umfangreichem Begleitprogramm läuft bis voraussichtlich Ende Oktober im DB-Museum in Nürnberg. Infos unter www.dbmuseum.de.