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Architektur-Vision "SkyCycle":Die anfängliche Euphorie ist verflogen

Mit dieser Meinung steht der ADFC nicht allein. Als Mark Ames zum ersten Mal vom SkyCycle hörte, war er baff. "Was für eine tolle Vorstellung, über die Stadt zu gleiten, während unten die Autos im Stau stehen", dachte sich der 32-Jährige, der hauptberuflich als Manager einer Modekette arbeitet. Gleichzeitig gilt Ames als einer der profiliertesten Fahrrad-Blogger Londons, weshalb ihn sogar die Stadtverwaltung in Verkehrsfragen konsultiert. Beim SkyCycle ist seine anfängliche Euphorie verflogen: "Es ist eine schöne Zukunftsvision, aber sie wird nicht funktionieren."

Besonders kritisch sieht der Blogger die Finanzierungsfrage. Rund sechs Milliarden Euro würde der SkyCycle kosten, so die offizielle Schätzung. "Wenn überhaupt, ginge das nur mit Investoren", sagt Ames. Aber die wollten irgendwann ihr Geld wiedersehen, weshalb alles auf eine Maut hinauslaufe. "Radfahren wäre nicht mehr die kostengünstige Alternative, die sie sein sollte." Die Planer halten dagegen: "Natürlich hört sich die Summe happig an", gesteht Thomas, "aber bei anderen Projekten nehmen wir das auch hin. Wenn die U-Bahn verlängert wird, kosten zwei Stationen so viel wie der gesamte SkyCycle."

Verschwindet der SkyCycle in der Schublade?

Die Gegner des Fahrrad-Highways fordern, das Geld lieber in die Verbesserung der bestehenden Infrastruktur zu stecken. "Die sollten wir kopenhagenisieren", sagt Ames und meint damit einen kompromisslosen Ausbau von Radwegen. Zumindest ein bisschen hat sich Boris Johnson dieses Vorschlags nun angenommen. In Zukunft sollen die Superhighways getrennt vom restlichen Verkehr verlaufen; 1,25 Millionen Euro stehen für Verbesserungen bereit. Und der SkyCycle? Soll wohl am liebsten in der Schublade verschwinden. Auf Nachfragen, ob man die Idee weiterverfolge, reagiert das Rathaus ausweichend: "Der Bürgermeister ist immer interessiert an innovativen Projekten", beteuert Pressesprecherin Sarah Gasson. Ob damit auch der SkyCycle gemeint ist, bleibt offen. Die Verkehrsbetriebe sagen - nichts.

Während die Einwohnerzahlen in der britischen Hauptstadt weiter steigen, schlägt Boris Johnson womöglich eine einmalige Chance in den Wind, auch wenn das der Fahrradliebhaber ungern zugibt. Unverhofft musste er aber kürzlich trotzdem Stellung beziehen. In der Radiosendung "Ask Boris", in der sich der Bürgermeister jeden Monat den Fragen seiner Wähler stellt, konfrontierte ihn ein Anrufer mit dem SkyCycle. Wie er denn nun zu dem Projekt stehe, wollte der Mann wissen. Der Bürgermeister antwortete ziemlich direkt: "Als Radfahrer denke ich nicht, dass es das ist, was die Stadt braucht."

Mini-SkyCycle in Kopenhagen

Von solchen Aussagen wollen sich die Planer nicht entmutigen lassen. "Vielleicht kann uns die britische Regierung Mittel zur Verfügung stellen", hofft Sam Martin. Dann wäre zumindest das Geldproblem gelöst. Architekt Thomas befürchtet, dass es noch mindestens ein Jahrzehnt dauert, bevor der SkyCycle verwirklicht wird - wenn nicht in London, dann zumindest in Paris oder Berlin. "Das Problem der wachsenden Städte gibt es überall auf der Welt", sagt Thomas. "Es wird nicht verschwinden, und das zwingt uns dazu, neu zu denken."

Während London also weiter über den ganz großen Wurf diskutiert, schreitet die Fahrradstadt Kopenhagen peu à peu voran. Im Juni ist dort im Hafenviertel eine Miniaturversion des SkyCycles eröffnet worden, die 220 Meter lange "Cykelslangen". Die Radelschlange hat zwar nur die Dimension einer größeren Hafenbrücke, ist aber an 300 Kilometer Radschnellwege angeschlossen, die radial vom Zentrum in den Großraum Kopenhagen führen. Bis 2015 soll die Hälfte des Personentransports in Dänemarks Hauptstadt per Fahrrad geschehen - weltweit Spitze!

© SZ vom 06.09.2014

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