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Allianz gegen Google:Was Audi, BMW und Daimler mit dem Kartendienst Here vorhaben

Mercedes-Konzeptstudie Generation EQ auf dem Pariser Autosalon 2016.

Auf dem Pariser Autosalon 2016 bildet der 24-Zoll-Monitor des Mercedes Generation EQ eine Navigationskarte ab.

(Foto: Daimler AG)

Hochpräzise Karten sind eine Voraussetzung für das autonome Fahren. Der Dienstleister, der den drei Herstellern gemeinsam gehört, vermisst deshalb die Welt neu - und fordert Google heraus.

Wer bremst, verliert: Straßenrennen sind auch in fernen Galaxien beliebt. Behauptet jedenfalls Regisseur George Lucas. Im ersten "Krieg der Sterne" jagen seine Protagonisten mit einem Affenzahn durch nächtliche Häuserschluchten. Dass die Stadtlandschaft Teil eines Kampfsterns ist, steigert den Nervenkitzel. Finde das Herz der Megamaschine und schlage das "dunkle Imperium": Diese Botschaft ist ziemlich aktuell. Auch im Autokosmos steht ein Showdown bevor. Vernetzte Schlitten und 3-D-Karten spielen dabei eine strategische Rolle - und ein Datenraum von bisher kaum bekannter Größe.

Zufall oder nicht, die Science-Fiction-Ästhetik färbt auf die Autowelt ab. Here, eines der führenden Software-Unternehmen für digitale Navigationskarten hüllt die nächste Dienste-Generation in eine spacige Düster-Optik: Die Straßen werden lediglich von Scheinwerfern erhellt. Unter einem sonnenlosen Himmel funken Autos ihre Sensordaten ins All. Das Signal ist deutlich: Ohne cloud-basierte Echtzeitdaten zu Staus oder freien Parkplätzen verharren die Fahrer in Umnachtung. Möge die Schwarmintelligenz mit ihnen sein.

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80 Prozent aller Navis nutzen Here-Karten

Die allwissende Astronauten-Perspektive prägt auch die Mercedes-Zukunft. Das legt jedenfalls die Pariser Messestudie "Generation EQ" nahe. Ihr weißes Interieur und ein Display-Band unter der Windschutzscheibe erinnern an den Leitstand eines Raumschiffs. Die lange Mattscheibe zeigt 3-D-Stadtlandschaften wie im Computerspiel - grüne Welle, Tempolimits und rote Gefahrenmeldungen inklusive.

Dahinter steckt die größte Kartendatenbank der Welt: Vor knapp einem Jahr kauften Audi, BMW und Daimler die Navigationssparte von Nokia. 80 Prozent aller Autos, die in Europa und Nordamerika mit integriertem Navigationssystem fahren, nutzen die Here-Karten. Die Transaktion war mit 2,8 Milliarden Euro nicht gerade billig, vor allem wenn man bedenkt, dass sich Navigationskarten kaum noch unterscheiden.

Zugang zu einer riesigen Datenmenge

Viel Geld für einen alten Hut also? "Sicher wollte niemand den Kartendienst in den Händen von Google sehen, aber das war nicht der Hauptgrund", sagt einer, der es wissen muss: "Audi, BMW und Daimler haben Here gekauft, weil sie Zugang zu einer Petabyte großen Datenbasis haben wollten, in der sich Milliarden von Ereignissen pro Woche speichern lassen", sagt Edzard Overbeek. Wovon der neue Here-Boss spricht, zeigt ein Vergleich: Alle jemals geschriebenen Bücher kommen zusammen auf 50 Petabyte. Google soll im Gesamtjahr 2009 bereits ein Datenvolumen von 24 Petabyte erreicht haben. Die Maßeinheit aus der Digitaltechnik hat 15 Nullen. Heute verarbeiten die Kalifornier fast dieselbe Datenmenge - täglich.

Die alte zweidimensionale Kartenwelt steht vor einer grundlegenden Transformation in die dritte Dimension und darüber hinaus. Wofür die unvorstellbare Datenfülle gebraucht wird, hat Here gerade in einem eigenen Pavillon auf dem Pariser Autosalon demonstriert: Die neuen HD Live Maps (englisch: hoch auflösende Echtzeitkarten) sollen zum Nervenzentrum für das autonome Fahren, Smart Citys und intelligente Verkehrssysteme werden. Wie groß die Aufgabe ist, fast alle Verkehrsteilnehmer mit Echtzeitdaten zu vernetzen, lässt die geringe Zahl der verbliebenen Wettbewerber erahnen. In der westlichen Welt arbeiten neben Here nur noch Google und Tomtom an digitalen Straßenkarten.