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Alkolocks:Wegfahrsperre für den Gewohnheitstrinker

Alkohol-Wegfahrsperre Alkolock

Ein Mann pustet in ein elektronisches Alkolock-Gerät, das die Zündung außer Kraft setzt, wenn der Fahrer unter Alkoholeinfluss steht.

(Foto: Herbert Pfarrhofer/dpa)

Vor allem junge Menschen verursachen betrunken Unfälle. Alkohol-Wegfahrsperren könnten Trunkenheitsfahrten verhindern. Sie sind relativ zuverlässig, aber auch teuer.

Normalerweise kontrolliert der Fahrer sein Auto. Doch es geht auch umgekehrt: Alkohol-Wegfahrsperren prüfen, ob der Fahrer getrunken hat. In den USA wurden diese sogenannten Alkolock-Systeme bereits in den 1980er-Jahren eingeführt. Wer mit Alkohol am Steuer aufgefallen ist, wird in 32 Bundesstaaten zum Einbau dieses Null-Promille-Automaten verpflichtet. Bevor sich der Motor starten lässt, muss der Fahrer damit seinen Atemalkohol messen. In Schweden wurden vor zehn Jahren 80 000 Fahrzeuge, unter anderem von Busunternehmen und Speditionen, mit Alkolock-Systemen ausgestattet. Nach erfolgreichen Tests gehören diese zur Standardausstattung in allen Behördenfahrzeugen. Auch bei Schulbussen beispielsweise in Finnland und Frankreich werden die Wegfahrsperren bereits eingebaut. In Deutschland werden sie von einigen Busunternehmen und Gefahrgutspeditionen auf freiwilliger Basis genutzt.

Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) will die Wegfahrsperre nun präventiv zur Pflichtausstattung bei allen Neufahrzeugen in Europa machen. Billig ist das Gerät nicht. 2000 bis 3000 Euro kostet der nachträgliche Einbau eines Alkolock-Systems. Der Apparat sieht wie das Handteil eines Funkgeräts aus. Unter dem Armaturenbrett befindet sich ein Steuergerät, das die Daten aufzeichnet. Austricksen lassen sich moderne Systeme nicht so leicht. Der Fahrer muss nicht nur einmal, sondern in regelmäßigen Abständen ins Mundstück blasen. Aufnahmen mit einer Innenraumkamera sollen zusätzlich sicherstellen, dass der Fahrzeuglenker nüchtern bleibt. Untersuchungen aus den USA und Kanada zeigen, dass Manipulationsversuche äußerst selten sind.

Bei Kontrollen in Hessen hatte jeder sechste Lkw-Fahrer Alkohol im Blut

Jeder sechste Lkw-Fahrer hatte bei einer Polizeikontrolle in Hessen im vergangenen Jahr Alkohol im Blut. "Das Hauptproblem sind aber gar nicht mal die Berufskraftfahrer, die durch Kontrollen eher auffliegen, sondern die privaten Gewohnheitstrinker, die sich ihren Zustand schönreden", sagt UDV-Leiter Siegfried Brockmann. Eine Auswertung von 429 schweren Verkehrsunfällen mit Allianz-Versicherten ergab zum Beispiel, dass der Anteil der alkoholisierten Fahrer bei den 21- bis 24-Jährigen fast doppelt so hoch ist (18 Prozent) wie bei den 25- bis 64-Jährigen (elf Prozent). Weil Alkoholkonsum die ohnehin höhere Risikobereitschaft junger Menschen weiter steigere, sei er die Ursache für viele schwere Unfälle. Aber ist das ein hinreichender Grund, Neuwagen durch Alkohol-Wegfahrsperren spürbar teurer zu machen? Zumal jüngere Menschen meist mit älteren Fahrzeugen unterwegs sind.

Über das Für und Wider der Alkolocks wird seit Jahren diskutiert. Ohne psychologische Begleitung bringt die Technik nicht viel, das zeigen Erfahrungen aus Nordamerika und Australien. Viele Trunkenheitsfahrer werden rückfällig, Alkolock-Programme in Finnland, Belgien und den Niederlanden sind deshalb an Rehabilitationsmaßnahmen gekoppelt. Die EU-Staaten haben vor zwei Monaten einen Kompromiss beschlossen. Von 2024 an müssen Neuwagen nicht nur mit erweiterten Notbrems- und Spurhalteassistenten ausgestattet sein, vorgeschrieben ist auch eine Anschlussmöglichkeit für Alkohol-Wegfahrsperren im Auto. Das Gerät selbst aber wird nicht verpflichtend.

© SZ vom 28.01.2020/cku
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