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Akustik-Design in der Autoindustrie:"Brummig, voll und bärig"

Türenschlagen, Blinker-Klacken, Motorenröhren: Kein Geräusch wird dem Zufall überlassen.

Bahlsen macht es vor: Wird in der Fernsehwerbung ein Butterkeks mit lautem Krachen abgebissen, ist das eine Botschaft - Krach für Knusprigkeit. Schließlich sollen Geräusche den Kunden etwas mitteilen.

Sound-Design an 500 PS: der Zehnzylinder-V-Motor des Lamborghini Gallardo

(Foto: Foto: Lamborghini Deutschland)

Was auch im Automobilbau gilt, wo alles Hörbare eigens gestaltet wird. Das Zuschlagen einer Tür, das Klacken des Blinkers, der Ton der Hupe - Beispiele für Akustik-Design.

Panda mit Ferrari-Sound?

"Sie können aus einem Porsche eine akustische Ente machen oder den Fiat Panda auf Ferrari-Sound umschalten", sagt Bernd Müller, Ingenieur für Motorakustik in der Porsche-Entwicklungsabteilung. Am Computer im Tonstudio, mit dem die Ideal-Geräusche neuer Modelle entwickelt werden, ist alles möglich; nur eine Grenze gibt es bei den digitalen Spielereien: Die Tüftler müssen aufpassen, dass die am Computer entwickelten Zielvorgaben auch technisch umsetzbar sind.

Die Vivaldis der Automobilindustrie

Störgeräusche ausschließen und ein markentypisches Klangbild erzeugen - das sind die Aufgaben der Sound-Designer. Für das Anlassgeräusch heißt das: kein Schleifen, denn das klingt, als würde es das Auto nicht weit schaffen. Und ein voluminöser, kräftiger Sound zeugt von der Power des Motors. "Brummig, kräftig, voll und bärig" soll ein Porsche klingen, sagt Chef-Akustiker von Sivers.

Er spricht gern vom erlebten Fahren, das die Kunden "mit dem Hintern, mit den Augen und den Ohren" machten. "Diese Ingenieure sind für mich die Vivaldis der Automobilindustrie", schwärmt Porsche-Sprecher Jürgen Pippig.

Tatsächlich macht der Ton immer mehr die Musik. Zunächst ging es nur darum, Außengeräuschvorschriften einzuhalten. Als diese strenger wurden, entstanden die ersten Akustik-Abteilungen.

Von Standuhren und Küchenweckern

Bestimmte Aufgaben mussten ohnehin erledigt werden: Denn fällt eine unbearbeitete Tür ins Schloss, klingt sie wie ein rasselnder Kasten voller Schrauben. Heute aber sollen Geräusche Image transportieren. Hochwertige Autos sollen auch hochwertig klingen, Limousinen für Langstrecken dürfen nicht zu laut sein, Sportwagen hingegen kräftig brummen. BMW machte den Versuch, das Blinker-Klacken der Oberklasse dem soliden Ticken einer englischen Standuhr anzupassen. Aber: Beschleunigt auf die vorgeschriebene Blink-Frequenz, klang die Standuhr wie ein Küchenwecker.

Wird ein neues Modell entwickelt, basteln zum Beispiel bei Porsche etwa zehn Ingenieure im Tonstudio am perfekten Sound. In anderen Unternehmen sind auch Psychologen, Chemiker oder Physiker dabei. Ohnehin sind die Abteilungen oft mit mehr als 100 Mann besetzt.

Nicht eben billig

Was das alles kostet, bleibt ein Geheimnis; über Zahlen spricht man nicht gern. Insider schätzen jedoch, dass beispielsweise die Entwicklung eines neuen Porsche-Modells rund eine Milliarde Euro kostet - davon gehen zwei bis fünf Prozent ins Sound-Design.

Stehen die Ideale, kommen die für die Baureihe Verantwortlichen ins Tonstudio, kriegen per Kopfhörer die volle Dröhnung und bewerten. Dann geht das Tauziehen los: Akustiker gegen Optiker, Haptiker gegen Olfaktoriker.

"Der Kunde will eine Atmosphäre, die ihm signalisiert, welche Marke er fährt", sagt Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Center Automotive Research (CAR) an der Fachhochschule Gelsenkirchen. Und: "Es gibt ganz wenige Produkte, die so stark nach emotionalen Gesichtspunkten gekauft werden wie Autos; bei Sportwagen macht die Emotion 100 Prozent aus."

Großer Lauschangriff

Im Porsche-Studio lässt Akustiker Müller Cayenne-Türen in Endlosschleife zuschlagen: Prototyp, Wunschgeräusch und das davon leicht abweichende der Serienversion. Den Soll-Klang bestimmen die Akustiker aus vielen Komponenten - dem Klang des Vorgängermodells, neuen technischen Entwicklungen oder per großem Lauschangriff auf Konkurrenzfahrzeuge, die akustisch ausgeschlachtet werden.

Und es wird am potentiellen Kunden geforscht, wenn auch nicht im großen Stil, wie bei DaimlerChrysler - dort richtete man im vergangenen Jahr in Berlin das Customer Research Center ein, in dem Psychologen König Kundes Reaktion auf Geräuschproben analysieren.