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Abgastechnik bei Dieselautos:Der Trick sind Temperaturen wie im Backofen

Bosch Diesel Abgas VW Golf GTD Diesel

Der mit der neuen Bosch-Technik ausgerüstete VW Golf Diesel soll deutlich sauberer sein als das Standardmodell.

(Foto: dpa)
  • Zulieferer Bosch will mit einem neuen Katalysatorsystem die Abgasreinigung von Dieselmotoren um bis zu 70 Prozent verbessern.
  • Das soll über ein optimiertes Thermomanagement gelingen, das die Temperaturen im Abgasstrang auch im Stadtverkehr im hohen Bereich hält.
  • In zwei Jahren soll der Superdiesel auf den Markt kommen - und wirklich billig ist das alles nicht.

Kann das wirklich die Zukunft des Diesel sein? Der zwei Jahre alte Wagen rollt über die Autobahn nach München. Aufwendige Messtechnik zeigt, wie gering die Schadstoffe sind, die der Motor dabei ausstößt: Kein Vergleich zu den Rußschleudern früherer Generationen. Die Mercedes C-Klasse 220 CDI verfügt nicht nur über einen Partikelfilter, sondern auch über eine Abgasreinigung mit Harnstoff (Adblue). Die aufwendige Nachbehandlung für Stickoxide (NOx) ist seit 2015 Standard bei vielen neuen Dieselmodellen. Zumindest auf dem Prüfstand wurden solche Autos mit der Emissionsstufe Euro 6 fast so sauber wie Benziner. Doch die Realität ist nicht ganz so blütenweiß.

Bei der Einfahrt von der Autobahn auf den Mittleren Ring schlagen die Messgeräte plötzlich Alarm. Die NOx-Abgaswerte steigen rasant und werden schlechter als bei zehn Jahre alten Dieselstinkern. Was ist da los?

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Eine neue Technik soll den Stickoxidausstoß von Dieselmotoren auf ein Minimum reduzieren. Firmenchef Volkmar Denner ist bei deren Vorstellung euphorisch - im Gegensatz zu namhaften Autoexperten.   Von Stefan Mayr

Neue Diesel seien sauber, versprechen die Hersteller. Deshalb dreht sich die aktuelle Diskussion vor allem um die Nachrüstung von Euro-5-Selbstzündern. Aber auch fabrikneue Autos verbessern die Luft in den Städten nicht gerade.

Die Testfahrt vor wenigen Wochen bei rund zehn Grad Celsius Außentemperatur zeigt, wo das Problem liegt: Beim gleichmäßigen Mitschwimmen im Stadtverkehr kühlt die Abgasanlage aus - selbst wenn sie vorher auf der Autobahn deutlich über 200 Grad heiß war. Erst bei solchen Backofentemperaturen funktioniert das Chemiewerk im Abgasstrang richtig. Wenn es zu kalt wird, reagiert das System verschnupft: Statt Stickoxide in harmlosen Stickstoff und Wasserdampf umzuwandeln, kann sich der Harnstoff als klebrige Masse zum Beispiel im Abgaskühler absetzen. Das Ergebnis ist ähnlich unappetitlich wie die gelben Ränder in einer Toilette.

Im Stadtverkehr kühlen moderne Dieselmotoren aus

Kein Wunder, dass Städte wie München bei der Luftbelastung mit der roten Laterne hinterherfahren. Am Mittleren Ring im Münchner Westen strömen die Fahrzeuge von drei Autobahnen zusammen. Im dichten Verkehr kühlen auch moderne Dieselmotoren aus. Dann wird die Abgasreinigung bisher abgeschaltet - genau wie beim Kaltstart. Bauteilschutz nennen das die Hersteller, die sich damit in einer rechtlichen Grauzone bewegen und bisher nicht belangt werden können.

Dass moderne Diesel tatsächlich so schmutzig sind, wie ihnen immer wieder nachgesagt wird, gilt bei topografischen Besonderheiten wie in Stuttgart besonders. Aufgrund der Kessellage strömen Pkw und Lkw mit wenig Energieeinsatz und mäßig warmem Motor den Berg hinab in die Innenstadt. 70 000 Fahrzeuge kommen pro Tag am Neckartor vorbei, wo eine Messstation entsprechend kritische NOx-Werte liefert. "Der lokale Beitrag der Dieselmotoren lag 2015 hier bei circa 50 Prozent", sagt Andreas Kufferath. Der leitende Bosch-Antriebsentwickler fügt hinzu: "Wenn alle Fahrzeuge über unsere neue Abgasreinigung verfügen würden, könnten wir die Schadstoffwerte am Neckartor deutlich unter die vorgeschriebenen Grenzwerte senken."