50 Jahre Porsche 911:Der Sportwagen

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Das Urmeter des Sportwagens: der Porsche 911. Im Bild die erste Generation von 1963.

(Foto: STG)

Seit 50 Jahren gibt es den Porsche 911. Er steht für vieles von dem, was man sich im Ausland von Deutschland verspricht. Dabei hatte ein Ingenieur noch vor dem Start geglaubt: Das wird nix. Er sollte sich täuschen.

Von Jochen Arntz

Man kann ein Land verstehen, wenn man seine Geschichte kennt, seine Gesetze und seine Bräuche. Man kann ein Land aber auch verstehen, wenn man seine Autos betrachtet. Besonders, wenn eines davon fast so alt ist wie dieses Land, wie die Bundesrepublik Deutschland. Wenn dessen Technik und Design sich genauso entwickelt hat wie die Gesellschaft, wie der Wohlstand und die Ansprüche der Menschen.

Seit bald fünfzig Jahren kennt man hier den Porsche 911, und nicht nur hier; dieser Sportwagen aus Stuttgart, diese Zahlenkombination, steht für vieles von dem, was man sich im Ausland immer noch von Deutschland verspricht: Technik, Ingenieurleistung und Solidität. Der Elfer steht aber auch für einen gewissen Widerspruch im deutschen Gemütswesen. Die Deutschen wollen ja gerne die ersten Umweltschützer sein, gleichzeitig aber bauen sie einen der besten, zumindest aber den alltagstauglichsten Sportwagen der Welt - und kaufen ihn auch noch selbst.

"Der Umwelt zuliebe"

Dieser schönen Ambivalenz konnte man sogar in der Kantine des Porschewerks in Zuffenhausen nachspüren. Hing doch dort der wunderbare Spruch: "Bitte nur eine Serviette, der Umwelt zuliebe". So ist das, aber wie soll einen das alles wundern, wenn selbst Reinhard Mey, der Sanfte, schon vor mehr als dreißig Jahren Porsche 911 fuhr? Und Herbert von Karajan, der Großartige, verrückt war nach jedem neuen Modell - und auch Marius Müller-Westernhagen, der Rotzige, eigens ins Porsche-Zentrum kam, um dort seinen Elfer abzuholen. Er hatte kein Problem mit diesem Auto, er wusste, dass er mit dem Elfer nicht zum Angeber werden muss, nur weil es so viele Angeber gibt, die gerne einen Elfer kaufen. Ach ja, Otto Waalkes holte seinen 1998 ab.

Wer die ganze Geschichte dieses Autos und dieses Landes kennen lernen will, der sollte selbst einmal nach Stuttgart-Zuffenhausen fahren. Das geht ja mit jedem Auto und auch gut mit dem Zug, wenn's sein muss. Im Porsche-Museum gibt es noch bis Ende September eine große Sonderausstellung zu den ersten 50 Jahren des Elfers, seinen bis heute sieben Generationen. Und zu einem verheerend schlechten Start.

Männer haben ja gerne recht. Und Porsche-Fahrer wahrscheinlich besonders gern. Aber Helmuth Bott, der Ingenieur, der wahrscheinlich mehr Porschekilometer gefahren hat, als viele andere vor und nach ihm, war sicherlich froh, dass er sich in diesem Fall entscheidend geirrt hat. Bott erprobte 1960 den neuen Sechszylindermotor, der in den neuen Porsche eingebaut werden sollte in einer Versuchskarosserie, der Motor hörte sich an wie ein Mähdrescher, drehte nur zäh hoch, und Bott sagte: "Das wird nix."

Der 901er

Was sich Jahrzehnte und eine ganze Erfolgsgeschichte später so anhört wie ein guter Witz, war damals echte Verzweiflung. Und dann gab es ja noch diese Kämpfe, wie der neue 911er (der am Anfang gar nicht so hieß, aber dazu später) aussehen sollte. Erwin Komenda, ein Design-Routinier, stand gegen den jungen Ferdinand Alexander Porsche. Am Ende setzte sich der Enkel des Firmengründers mit seinem Entwurf durch. Zum Glück kann man da nur sagen, wenn man eines der ersten Modelle des Elfers im Museum sieht, so zeitlos schön und zierlich noch. Es steht geparkt hinter Blumenkästen, in denen Farnbüsche wachsen.

Wem das seltsam vorkommt, der kennt die Sechzigerjahre der Bundesrepublik nicht. Denn genau so, wie das Museum jetzt das Auto präsentiert, sah der Porsche-Stand auf der Frankfurter Messe im Herbst 1963 aus, wo der neue Porsche 901 vorgestellt wurde. Ja, so sollte er heißen: Porsche 901. Aber dann kam Peugeot, die französische Firma, und machte geltend, dass sie sich seit jeher die Null in der Mitte für die Typenbezeichnungen ihrer Autos hatte schützen lassen. Porsche wollte es nicht auf einen Rechtsstreit um eine Null ankommen lassen, lenkte ein und überlegte sich, wie das neue Auto denn nun heißen sollte, wenn es nicht 901 heißen durfte. Die Lösung war gut, praktisch und irgendwie sehr schwäbisch. Da man ja schon eine 1 im Typennamen hatte, musste man keine neuen Formen prägen, wenn man noch eine 1 hinzunahm: Fertig war der 911.

Ein Auto, das mit seiner schlichten Eleganz so gut in die Sechzigerjahre passte wie die schmalen Krawatten der Männer und die klaren Kostüme der Frauen. Ein Auto, das sich dann aber erstaunlicherweise auch ganz harmonisch in die Siebzigerjahre einfügte, indem es außen breiter, im Innenraum flauschiger und im Motorraum deutlich stärker wurde. Ein 911er passte also auch gut in die Zeit, in der die Haare länger wurden. Das zeigt das schöne, frühe Exemplar der zweiten Generation im Museum, das sogenannte G-Modell. Es steht sehr lässig da mit einem Surfbrett auf dem Dach. Auch die Hippies in Kalifornien hatten nichts gegen Porsche, nur die breiten Turbos, die fuhren schon damals irgendwie andere Menschen.

Satt und reich

Am Anfang, Mitte der Sechziger, als die ersten Exemplare des 911 auf der Straße waren, verzweifelten übrigens nicht wenige Fahrer und viele Ingenieure des Hauses, weil sie feststellten, dass die Autos im Grenzbereich extrem schwer zu fahren waren. Sobald man in einer schnell gefahrenen Kurve vom Gas ging, brach das Heck aus. Irgendjemand hatte dann die Idee, Gewichte in der vorderen Stoßstange zu platzieren, um das Auto auszubalancieren. Für einen Fahrwerksingenieur eigentlich eine Blamage, gemacht wurde es trotzdem.

Aber das waren die Anfänge. Mitte der Achtzigerjahre, als auch die Bundesrepublik ein ziemlich sattes, reiches Land geworden war, da war auch der 911 so weit entwickelt, dass man sich kaum vorstellen konnte, was da noch kommen sollte. Die Motoren hatten mittlerweile 3,2 Liter Hubraum (1963 waren es nur zwei Liter) und 231 PS (1963 waren es 130), und Justus Frantz, ein damals bekannter Dirigent und Impressario hatte mit seinem Elfer sogar schon die DDR bereist. Selbst die Porsche-Leute waren vom 911 gelangweilt, setzten auf die neuen Modelle mit Frontmotor, den kleinen 924 und den riesigen 928.

Nur die Kunden, die wollten den Elfer weiterhin, und deshalb ist es fast ein Wunder, dass Porsche im Zuffenhausener Museum jetzt 50 Jahre 911 zeigen kann. Denn die Geschichte hätte zu Ende sein können, Ende der Achtziger. Aber dann fiel die Mauer und Porsche baute seit 1988 ein völlig neues Modell des 911, wenn man zwei deutsche Ereignisse so zusammenziehen kann. Der 964 genannte neue Typ des Elfers ist vielleicht keine Schönheit, aber er passte in die Zeit des Umbruchs. Er hatte jetzt auch Allradantrieb, aber die Kotflügel standen noch gerade im Blickfeld des Fahrers und wiesen den Weg in die neue Zeit. Im Land und bei Porsche. In der Bundesrepublik begriff man, dass die schöne Lebenslüge von der stets herbeigesehnten Wiedervereinigung wahr wurde, und bei Porsche begriff man, dass man den Elfer nicht loswerden würde. Warum auch, verkaufte er sich doch besser denn je. Und in den frühen Neunzigern, mit dem Modell 993, da wurde er auch schöner, schmaler wirkte er wieder, gestreckter und geformter.

Auch bei Porsche fiel die Mauer

Im letzten vollen Regierungsjahr von Helmut Kohl fiel dann auch bei Porsche die Mauer. 1997 war es vorbei mit dem, was immer als gesetzt galt: Denn seit 1997 ist der Porsche 911 nicht mehr luft- sondern wassergekühlt. Das allein hätte schon gereicht, um diesem neuen Modell einen schweren Stand zu verschaffen, aber dann hatte der 996er auch nicht mehr die runden Augen all seiner Vorgänger, sondern seltsam verlaufende Glasgebilde als Scheinwerfer. Bis heute führt das dazu, dass der 996 als Gebrauchtwagen billiger ist als sein Vorgänger und sein Nachfolger. Obwohl er ein sehr souveränes Stück Technik ist. So viel zum Thema Rationalität eines Porschefahrers.

Der einzige gepanzerte 911er entstand übrigens auch erst lange nach dem Kalten Krieg, und zwar nur deshalb, weil der Hersteller der Panzerung zeigen wollte, dass es geht. Auch dieses seltsame Auto hat den Weg ins Museum geschafft. So wie Helmut Kohls Strickjacke ins Haus der Geschichte in Bonn.

"Geil und laut"

In Zuffenhausen, das ist der Unterschied, kann man Geschichte jetzt auch ganz neu kaufen, zumindest dann, wenn man etwa 120.000 Euro dafür geben mag. Das zeigt die Ausstellung am Ende des Rundgangs. Dort steht nämlich das neue Sondermodell des aktuellen Elfers, anlässlich des großen Jubiläumsjahrs. Es hat Chrom hier und da, wo schon lange keiner mehr war, es hat schimmernd grün eingefärbte Instrumente, so wie die ganz alten Autos, und es hat Sitze mit Pepita-Stoffbahnen. Es ist herrlich nostalgisch und groß und schwer. Es ist nicht das, was Marius Müller-Westernhagen, der Elfer-Fahrer, einst vom Leben wollte: "Ich möcht zurück auf die Straße, möcht wieder singen, nicht schön, sondern geil und laut."

Aber das gibt es auch in der Zuffenhausener Ausstellung zum großen Jubiläum: Es ist der weiße 911 R aus dem Jahr 1967. Er wiegt nichts, leistet alles und sieht dabei so unscheinbar aus. Er ist die Geschichte, die man nicht mehr kaufen kann.

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