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50 Jahre Citroen DS:Mein Gott, eine Göttin!

Gar nicht so einfach gewesen damals, 1955: Frankreich war nicht gut drauf, hatte unter anderem Ärger mit den Kolonien, und dann kam im Oktober auch noch ein Produkt von einem Urgestein der französischen Industrie, das aussah wie ein flügelgestutzter Jagdflieger aus früheren Dekaden, aber paradoxerweise vier Räder hatte. Konnte doch nichts werden.

Andreas Schätzl

Wurde aber was. Und zwar sowohl ein kommerzieller Erfolg als auch eine Legende. Eine zum Anfassen. Und zum Fahren. Letzteres wie Gott in Frankreich. Citroen hatte gezeugt, eine Göttin war geboren: La Déesse, säkularisiert "DS".

Innovationen, Innovationen!

Die hydropneumatische Federung machte die Sänfte auf vier Rädern möglich. Und sorgte gleichzeitig für eine konstante Bodenfreiheit unter jeglicher Last. Revolution: Der Druck zwischen Gas und Flüssigkeit, französisch wohlklingend "Allianz von Luft und Wasser" betitelt, ersetzte die Metallfedern der klassischen Fahrwerksaufhängungen. Und damit kein Ende: Via Handhebel im Innneraum konnte man die Bodenfreiheit gar noch selber verstellen! Wer sich so selbst erhöhte, versank beim Ausschalten des Motors allerdings wieder in den Tiefen...

Letztlich war aber auch diese Innovation nur einer der Ausflüsse einer wahrhaft revolutionären automobilen Technologie. Sie bestand in einer vom Motor angetriebenen zentralen Hockdruck-Pneumatik, und diese speiste respektive steuerte nicht nur die hydropneumatische Aufhängung mit "Trimmkorrektoren" hinten und vorne, sondern auch noch andere fürs Fahren lebenswichtige und zugleich komfortgenerierende Komponenten.

Zum Beispiel die Zweikreisbremse, deren Bremskraftverteilung sich je nach Beladung des Fahrzeugs mehr nach vorne oder nach hinten orientierte. Die Pneumatik machte bremsen mit sehr viel weniger Pedaldruck möglich - vive la Servobremse! Übrigens hatte die Déesse laut ihren Schöpfern als erstes Großserienauto auch noch Scheibenbremsen.

Mein Gott, eine Göttin!

Sensationen

Oder die Servounterstützung der Lenkung, die trotz des Hydrohelferleins für damalige Verhältnisse erstaunlich direkt und rückmeldend gewesen sein soll.

Die Hydraulik lieferte zudem die Energie für die Schaltung mit automatischer Kupplungsbetätigung - heute zu Zeiten der sequenziellen (Direkt-)Schaltegetriebe eine Selbstverständlichkeit, aber damals eine weitere Sensation: schalten ohne kuppeln - incroyable.

Das alles wäre indes wenig ohne gebührende Außenhaut. Und so war es nicht weiter verwunderlich, dass der Ingenieur André Lefèvre und der Zeichner, Designer und Bildhauer (!) Flaminio Bertoni, beide noch von André Citroen persönlich eingestellt, ganz eng zusammen arbeiteten - galt es doch, die aufwändige Technik zum einen unterzubringen, zum anderen selbstbewusst darzustellen.

Das Ergebnis ist bekannt. Zwar erfuhr der fast fünf Meter lange Fronttriebler im Laufe seiner 20jährigen Lebensdauer zahlreiche Veränderungen, unter anderem stärkere Motoren, Automatikgetriebe und eine neue Front mit - eine weitere wegweisende Innovation - lenkbaren Scheinwerfern hinter Glas, aber man verzichtete tunlichst darauf, an dem französischen Prestigeobjekt Grundlegendes abzuändern.

Lebensretterin

A propos Prestige: Bereits 1959 wurde eine Version mit Trennscheibe zwischen Vordersitzen und Wagenfond eingeführt, die für Chauffeur-Betrieb ausgelegt war und bei Bedarf mit Funktelefon ausgestattet werden konnte. Sie hieß Prestige.

Mein Gott, eine Göttin!

In gewisser Weise ging dieses Modell auf "Le Général" zurück: Charles de Gaulle, seit Ende 1958 Staatspräsident der V. Republik, schätzte die fahrende Göttin von Anfang an sehr. Und noch mehr, als sie ihm bei einem der insgesamt mindestens sieben Attentate, die im Zuge seiner Algerienpolitik in den Jahren 1962 und 1963 auf ihn verübt wurden, vermutlich das Leben rettete: Wie in Frederik Forsyths Thriller "Der Schakal" dokumentiert und in Fred Zinnemanns (kon)genialer Verfilmung eindrucksvoll bebildert, wurde de Gaulles Limousine von zahlreichen Kugeln durchsiebt, er selbst aber nicht getroffen. Zwei Reifen waren perdu, die DS raste trotzdem unbeeindruckt weiter und brachte den Staatspräsidenten in Sicherheit zu einem Militärflughafen.

Stilbewusste Unterwelt

Offensichtlich besaß auch die französische Unterwelt in jenen Zeiten Nationalgefühl - und Stilbewusstsein. Kein "film noir" ohne eine Déesse mit verbrecherischem Inventar, besonders dann nicht, wenn sie von Jean-Pierre Melville gedreht wurden. Die DS wurde zur Gangsterlimousine schlechthin, einmal sogar als Krankenwagen. Auf diese Funktion hatte die Break-(= Kombi-)Ausführung in Frankreich allerdings ohnehin praktisch ein Monopol gepachtet.

Und wenn die Göttin - die schon sehr bald auch topless, als Cabriolet, brillierte - einmal nicht vor der Kamera agierte, dann kam sie schon mal dahinter zum Einsatz: Kameraleute schätzten sie über alle Maßen für Aufnahmen bei der Fahrt - wegen der vibrationsfreien Fortbewegung à la Sänfte. Très comfortable, vraiment.

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