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100 Jahre Audi:Den Zeitgeist vorempfinden

Die Ingolstädter Familie Witasek arbeitet seit drei Generationen bei Audi - und sie hat es nie bereut. Einsichten in ein deutsches Arbeitsleben.

Der erste Audi, der nach dem Zweiten Weltkrieg unter diesem Namen bei der Auto Union gebaut wurde, steht in einer gut gesicherten Halle neben dem Werk in Ingolstadt. Der Viertakter aus dem Jahr 1965 löst damals die knatternden DKW-Zweitakter ab. Die Hörner auf den verchromten Stoßstangen des grünen Audi 60L sind als Sonderausstattung separat zu bestellen und zu bezahlen.

Drei Generationen - ein Auto: Ernst Witasek, Christian Witasek und Marco Witasek (v.li.) begutachten den Audi 60L. Der Viertakter von 1965 war der erste Audi, der nach dem Krieg bei der Auto Union gebaut wurde.

(Foto: Foto: oh)

Das Auto fährt noch, derzeit öfter als sonst, denn im hundertsten Jahr von Audi gibt es viele Oldtimer-Treffen. Höhepunkt aller Festlichkeiten ist heute die Feier mit der Bundeskanzlerin in Ingolstadt. Das Jubiläum fällt mitten in die größte Krise der Automobilindustrie.

Ernst Witasek, 69, ist dabei, als der grüne erste Nachkriegs-Audi gebaut wird. Der Ruheständler erinnert sich an seinen Job als Nacharbeiter: "Man konnte mit dem Phasenprüfer alles prüfen. Das ist heute nicht mehr möglich." Witasek wirft zusammen mit Sohn und Enkel einen Blick unter die Motorhaube des Oldtimers. Man fachsimpelt familiär. Ernst Witasek ging noch "in die Union", sein Sohn Christian Witasek, 50, und der Enkel Marco Witasek, 20, sind beide "Audianer", wie sie heute am Stammsitz der Autofirma mit 50.000 Mitarbeitern in Ingolstadt sagen.

Fünf Tage ist der oberschlesische Spätaussiedler im Sommer 1960 in Deutschland, schon kann Ernst Witasek bei der Auto Union beginnen, früh um sechs Uhr: "Am ersten Tag ging ich im Anzug ans Fließband, etwas anderes hatte ich nicht. Da haben sie mir 60 Mark gegeben für einen Arbeitsanzug." Witasek spannt den Stoffhimmel in den DKW Junior. Der Bandarbeiter in der Karosseriemontage zählt zur Lohngruppe drei, da gibt es 1,67 Mark die Stunde. Das ist Spitze in Ingolstadt.

"Früher haben die Beamten die Audis gekauft." Dann kommt der Viertakter von Audi: "Das war der Durchbruch. Der hat damals dafür gesorgt, dass aus Audi kein reines Montagewerk für den VW Käfer geworden ist." Das bayerische Autowerk prosperiert und Familie Witasek auch. Man zieht weg aus der Drei-Zimmer-Wohnung in der Hochhaussiedlung in das eigene Haus im Stadtteil Etting. Großvater Witasek steigt auf zum Schichtleiter in einer Halle, wo 2000 Leute arbeiten. Sattlerei und Kabelfertigung sind noch nicht an Zulieferer vergeben. Viermal reist er nach Südafrika, um zu schauen, dass der Audi 100 C3 dort in bayerischer Qualität entsteht. "Mein Vater hat es mir immer vorgelebt", sagt Christian Witasek auf die Frage, warum auch er zu Audi ging. Das war 1973, es war gerade Ölkrise, und er hat es nicht bereut. Im Vorseriencenter sitzt er an der Schnittstelle zwischen Entwicklung und Produktion der Autos von morgen. "Bei Audi leben wir auf einer Insel der Glückseligkeit. Überall ist die Rede von Kürzungen und Insolvenzen, davon sind wir verschont."

Rückblick 2009: 100 Jahre Audi

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