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Die Priorisierung ökonomischer Prinzipien im Gesundheitswesen sei eine Fehlentwicklung, kritisiert Klaus Arntz, Professor für Angewandte Ethik an der Universität Augsburg. Schließlich seien Patienten keine Kunden. Kindern, daran zu erinnern wird er nicht müde, stehen sogar besondere Rechte zu. Aber wer macht sie für sie geltend?

Klaus Arntz, Professor für Angewandte Ethik an der Universität Augsburg

Foto: Andrea Göppel

Weltweit wird dem Markt für Kindermedizin sehr hohes Wachstum vorhergesagt – in Europa allerdings längst nicht so stark wie in Nordamerika und in Asien. Worauf könnte das zurückzuführen sein?

ARNTZIn allen genannten Regionen sind die Geburtenraten mehr oder weniger stark im Sinken begriffen. Das Wachstum eines Marktes wird aber nicht nur von demografischen Faktoren bestimmt, sondern auch von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einflussgrößen. In Regionen mit sich nach vorn entwickelnden Volkswirtschaften, Innovationsfreude und relativ hohen verfügbaren Einkommen bewegt sich auch das elterliche Interesse an Ernährung, Gesundheit und Wohlbefinden der Kinder auf einem hohen Niveau. Hier schafft möglicherweise die Dynamik der Nachfrage überdurchschnittlich hohes Wachstum.

 

Alternde Gesellschaften, wie wir sie in Deutschland haben, müssten doch eigentlich alles daransetzen, um ihren knappen Nachwuchs gesund in und durchs Leben zu bringen. Warum passiert das nicht im wünschenswerten Maß?

ARNTZUnbeschadet der hohen fachlichen Kompetenz zahlreicher Kinderkliniken in Deutschland wird vor allem die Integration der Kindermedizin in die Grundversorgung kritisch gesehen. In den USA gibt es eine klar strukturierte akademische Studienordnung für angehende Kinderärzte und -ärztinnen. Das befördert womöglich das Interesse an dieser Fachrichtung und erhöht als Nebeneffekt auch die gesellschaftliche Akzeptanz.

 

Die Pharma- und die Krankenhauswirtschaft klagen unisono, dass die Vergütungssysteme nicht genügend Anreize bieten, um bei den einen die Forschung und bei den anderen die Versorgung in der Pädiatrie wirtschaftlich attraktiv zu machen. Was setzen Sie diesem Argument entgegen?

ARNTZDie fehlende oder geringere ökonomische Attraktivität für die pädiatrische Versorgung kann ein Aspekt sein. Der sollte jedoch für das persönliche Interesse der Beteiligten von eingeschränkter Relevanz sein.

 

Strenge gesetzliche Vorschriften machen es schwierig, spezielle Arzneien für die Jüngsten zu entwickeln. Bei Medikamentenstudien zum Beispiel ist die Bildung von Kontrollgruppen mit gesunden Minderjährigen nahezu unmöglich. Wie erklärt man das den Eltern todkranker Kinder?

ARNTZDie nationalen und mitunter auch europaweit geltenden Vorschriften zu Forschungsprojekten, in denen Kinder involviert wären, sind eine richtige und nachvollziehbare Vorgabe für die in diesem Kontext generell zu erfüllende Forderung nach einer „informierten Zustimmung“. Deren Erteilung ist nur gültig, wenn die Teilnehmer oder Patienten vor Beginn einer klinischen Studie oder Behandlung umfassend und verständlich über alle Risiken aufgeklärt werden. Hier liegen besondere Herausforderungen für die Kindermedizin, da bei den betroffenen Kindern das in diesem Themenfeld wichtige Autonomie-Prinzip nicht vorausgesetzt werden kann.

 

Die Prävalenz chronischer Krankheiten wie Asthma, Diabetes und Fettleibigkeit steigt auch bei Kindern. Glauben Sie, dass unser marktorientiertes Gesundheitssystem hierauf genügend vorbereitet ist?

ARNTZDie zunehmende Bedeutung chronischer Erkrankungen in der Kindermedizin deckt sich mit den Erfahrungen in der Erwachsenenmedizin. Es handelt sich um ein therapeutisches und ökonomisches Phänomen. Die angemessene Reaktion sollte nicht erst bei der kurativen Medizin ansetzen, sondern bereits bei präventiven Maßnahmen. Die nachhaltigen Veränderungen der Lebensgewohnheiten – Ernährung, Bewegung – müssen nicht neu propagiert werden, sondern sind hinreichend bekannt. Eine Marktorientierung greift hier zu kurz.

 

In der Medizin schreitet die Digitalisierung, Stichwort Telemedizin, schnell voran. Entspricht das auch den Bedürfnissen von Kindern und ihren Eltern?

ARNTZDigitalisierung und Telemedizin können die kompetente ärztliche Beratung flankieren und ergänzen, aber sicher nicht ersetzen. Insofern bleiben das ärztliche Gespräch mit den Betroffenen und die zwischenmenschliche Interaktion von entscheidender Bedeutung für den Behandlungserfolg. Hier sind die Altersgrenzen für die Kommunikation von besonderer Bedeutung. Den Eltern oder den Erziehungsberechtigten kommt daher eine aus anderen Bereichen vertraute Aufgabe zu.

 

Im Gesundheitswesen ist der wirtschaftliche Einsatz von Ressourcen ökonomisch notwendig. Aber muss dieser Grundsatz auch für die vulnerable Gruppe der Kinder gelten? Steht dem nicht ein moralisches Gebot entgegen, wonach die Kleinsten des besonderen Schutzes bedürfen?

ARNTZAufgrund ihrer besonderen Verletzlichkeit gehören Kinder fraglos zu den Kerngruppen der Vulnerabilität. In der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen, eine Ergänzung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, sind spezifische und universell gültige Schutz-, Förder- und Beteiligungsrechte für Kinder und Heranwachsende unter 18 Jahren festgelegt. Kinder bedürfen daher des besonderen Schutzes – auch seitens aller in der Kindermedizin involvierten Personen. Um es mit Hannah Arendt zu formulieren: Das Recht, Rechte zu haben, gilt auch für Kinder. Sie sind allerdings darauf angewiesen, dass die für sie Verantwortlichen diese Forderung für sie erheben.

 

Und im Zweifel deren Erfüllung für sie einklagen?

ARNTZJa.

 

Wie viel Markt dürfen wir der Kindermedizin zugestehen, um trotzdem nicht an unserer moralischen Verantwortung zu scheitern?

ARNTZDie Priorität der Marktorientierung im Gesundheitswesen ist eine Fehlentwicklung. Sie implementiert ein ökonomisches Paradigma in einen Bereich, wo es nur eine untergeordnete Bedeutung hat. Oder anders formuliert: Patienten sind keine Kunden. Das zeigt sich nicht erst medizinisch, sondern bereits grammatikalisch, indem fundamental die Passivität – die Verletzlichkeit und die Vulnerabilität – akzentuiert wird. In der Pädiatrie gilt das in ganz besonderer Weise.

Karen Engelhardt

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    Prof. Dr. Julia Hauer

    ist seit November 2021 Chefärztin und Klinikdirektorin des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin, eine Kooperation der München Klinik und des TUM Klinikums an den Kinderkliniken München Schwabing und München Harlaching.

    Sie studierte Medizin an der LMU München und schloss dort ihre Dissertation in Immunologie ab. Als Postdoktorandin forschte sie am Pariser Hôpital Necker im Bereich Gentherapie. Hauer absolvierte ihre klinische Aus- und Weiterbildung zur Kinder-Hämatologin und Onkologin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, wo sie auch habilitierte. Bevor sie an die TUM kam, war Hauer als Professorin und Leitung des Bereichs Kinderhämatologie und Onkologie an der TU Dresden sowie als Gruppenleiterin am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Dresden tätig.

  • Univ. Prof. Dr. med. Prof. h.c. Florian Heinen

    Univ. Prof. Dr. med. Prof. h.c. Florian Heinen

    leitet seit April 2003 die Abteilung Pädiatrische Neurologie, Entwicklungsneurologie und Sozialpädiatrie im Dr. von Haunerschen Kinderspital, LMU Klinikum, Ludwig-Maximilians-Universität München.

    Der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin sowie für Neurologie mit Schwerpunkt Neuropädiatrie ist seit 2009 zusätzlich Ärztlicher Direktor des iSPZ Hauner MUC, des Munich University Center for Children with Medical and Developmental Complexity. Seit 2022 ist er zudem Präsident der Gesellschaft für Neuropädiatrie.

  • Dr. Sybill Hessler

    Dr. Sybill Hessler

    ist seit Oktober 2022 Medical Affairs Director für die DACH-Region der Ipsen Pharma GmbH.

    Sie studierte Medizin an der Universität Hamburg, an der sie auch promovierte. Nach acht Jahren Arbeit als Assistenz- und Fachärztin am Universitätskrankenhaus Eppendorf wechselte sie 1998 als Medical Managerin in ein forschendes Pharmaunternehmen und verantwortete dort verschiedene Indikationen im Bereich Onkologie und Immunologie. Nach weiteren Stationen, in denen sie unter anderem als Leiterin der Medizinischen Abteilung und der Medical Marketing-Abteilung tätig war, wechselte sie schließlich zur Ipsen Pharma GmbH.

  • Melanie Huml

    Melanie Huml

    ist seit Januar 2024 Vorsitzende der Kinderkommission des Bayerischen Landtags.

    Die gebürtige Bambergerin studierte Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und ist approbierte Ärztin. 2003 wurde sie Abgeordnete im Bayerischen Landtag (CSU), dem sie bis heute angehört. Von Oktober 2007 bis Januar 2023 war sie Mitglied im Bayerischen Kabinett, zunächst als Staatssekretärin, ab 2013 als Staatsministerin für das neu gegründete Ministerium für Gesundheit und Pflege, von 2021 bis 2023 als Staatsministerin für Europaangelegenheiten und internationale Beziehungen.

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