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Die Teilnahme von Kindern an klinischen Studien ist durch viele Vorschriften stark eingeschränkt. Das verhindert die Behandlung von bis zu 80 Prozent der kleinen Patienten.

Sybille Hessler

Foto: Ilona Stelzl/lolaslicht

In den vergangenen Jahren hat es erhebliche Fortschritte auch in der Kindermedizin gegeben. Frau Hessler, wo sehen Sie weitere Verbesserungsmöglichkeiten, und welche Hürden müssten dafür abgebaut werden? 

Sybill Hessler – Mit Blick auf den Wirtschaftsstandort Deutschland und auf die Investitionsneigung der Branchen in Forschung und Entwicklung lassen sich einige Trends schon jetzt erkennen. Die Automobilbranche inklusive der Zulieferindustrie, bislang der wichtigste Wirtschaftssektor in Deutschland, befindet sich im Rückgang. Die Pharmaindustrie gewinnt dagegen an Bedeutung, weil die Unternehmen gemessen an ihrem Umsatzanteil sehr viel Geld in Forschung und Entwicklung stecken. Ipsen erzielt weltweit einen Jahresumsatz von rund 3,5 Milliarden Euro und gibt jeden fünften Euro davon für die Entwicklung und Marktreife neuer Medikamente aus. Von den 5.000 Mitarbeitenden sind 700 im Forschungsbereich tätig, und da sind die Kollegen für die Durchführung klinischer Studien nicht mitgezählt. Unsere Forschung hört nicht mit der Zulassung eines neuen Wirkstoffs auf, sondern es werden auch nach Zulassung die Wirkstoffe kontinuierlich weiterentwickelt. Wenn innovative Pharmaunternehmen weiterwachsen wollen, um die Versorgung zu verbessern, geht das nur über Forschung und Entwicklung und damit über klinische Studien. Die Hürden für deren Durchführung abzubauen, ist ein wesentlicher Faktor, um den Forschungsstandort Deutschland wieder nach vorne zu bringen. Genehmigungsverfahren durch Ethikkommissionen und gegebenenfalls zusätzlich durch das Bundesamt für Strahlenschutz, zuzüglich aufwändigster Vertragsverhandlungen mit den klinischen Forschungseinrichtungen, führen zu langen Verzögerungen. Wir sprechen von Jahren und nicht Monaten. In anderen Ländern geht das aufgrund weniger Bürokratie viel schneller. Daher wird Deutschland als Studienstandort im globalen Kontext immer unattraktiver. Langfristig werden wir uns diese Bürokratie aufgrund des Fachkräftemangels auch nicht mehr leisten können. Kurzfristig sorgt sie dafür, dass wir im internationalen Vergleich zurückfallen und unsere Patienten darunter leiden, dass sie nicht frühzeitig Zugang zu innovativen Therapien haben. Weiters werden unsere ärztlichen Wissenschaftler dadurch immer weniger frühzeitig in die klinische Entwicklung eingebunden.

 

Florian Heinen – Der Blick in die Vergangenheit zeigt manchmal, was man in Zukunft wieder besser machen könnte. Ich erinnere mich daran, in den 1990er-Jahren eine Studie mit Ipsen durchgeführt zu haben, bei der es um die Behandlung von Cerebralparesen ging, also von kindlichen Bewegungseinschränkungen als Folge einer Hirnschädigung. Das untersuchte Mittel war Botulinumtoxin, ein starkes Gift, das damals niemand in der Kindermedizin einsetzen wollte. Der Aufwand für diese Studie würde heute das Acht- bis Zehnfache an Zeit und Kosten verursachen. Es hat aber funktioniert, wir konnten Innovation realisieren, den Kindern exzellent helfen. Damit waren wir dann auch die ersten, die den Ultraschall genutzt haben, um herauszufinden, an welcher Stelle das Mittel am besten injiziert werden soll. Diese Methode ist heute Standard beim Einsatz von Botulinumtoxin weltweit. Dass der Aufwand für klinische Studien heute so viel höher ist als damals, lähmt uns. Um das zu verbessern, brauchen wir treuhänderische Strukturen zwischen Politik, Klinik und Pharmaindustrie, mit denen neue Therapien in Echtzeit in Register übertragen werden. Wir sind als Kinderkliniker und Fachgesellschaft hier sehr aktiv im Innovationsfonds der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Das heißt, wir erhalten sowohl Geld und Strukturen vom Staat als auch Mittel von der Industrie, stellen aber gleichzeitig sicher, dass weder die Industrie noch eine einzelne Klinik rechts überholen kann. Es geht um einen fairen Umgang mit Daten, die in einem Register allen Akteuren zugänglich sind. In einem Projekt haben wir das schon erfolgreich durchgeführt, und ich sehe darin ein gutes Modell für weitere Innovationen und dauerhafte Strukturen.

 

Marion Teichmann – Es gibt einen Bereich im Gesundheitssystem, an dem selbst die Zahnärzte gescheitert sind, und das ist der Abbau der Bürokratie. Die Begründung ist immer die Patientensicherheit. Wir haben mehr als 40 Verordnungen dafür, wie man einen Mundspiegel aufbereitet. Da wundert es mich nicht, dass die jungen Ärzte keine Lust mehr auf eine eigene Praxis haben. Die Kapazitäten an Personal und Arbeit, die wir für Bürokratie verschwenden, fehlen uns in der Versorgung der Patienten. Im Durchschnitt ist eine Kassenpraxis fast einen Tag in der Woche nur mit Bürokratie beschäftigt. Trotzdem müssen Zahnmedizin und Kieferorthopädie für Kinder in der gesetzlichen Krankenversicherung bleiben. Hier geht es um Startchancengerechtigkeit.

„DER BEGRIFF, DER UNS IM ZUSAMMENHANG MIT KINDERSCHUTZ AM HÄUFIGSTEN UMTREIBT, IST DIE ZUSTÄNDIGKEIT. WER SICH DAHINTER VERSTECKEN KANN, FÜR EINE AUFGABE ODER EIN PROBLEM NICHT ZUSTÄNDIG ZU SEIN, MUSS AUCH KEINE LÖSUNG DAFÜR FINDEN.“

Julia Hauer – Es gehört vielleicht zum deutschen Charakter, immer alles 200 Prozent perfekt machen zu wollen. Dass die Teilnahme von Kindern an klinischen Studien durch zu viele Vorschriften sehr stark eingeschränkt wird, verhindert zum Beispiel die Behandlung von bis zu 80 Prozent der ohnehin besonders schwachen Patienten. Das ist für die Versorgung viel schlechter, als wenn wir unsere Hürden in der Bürokratie an gewissen Stellen abbauen würden, mit einer medizinisch sicheren, aber gewissen regulatorischen Grauzone leben könnten und dafür acht von zehn Kindern behandeln anstatt nur zwei.

 

Sybill Hessler – Dasselbe Problem erleben wir ja auch, wenn es um die anonymisierte Auswertung und Veröffentlichung von Verläufen bei Seltenen Erkrankungen geht. Durch unsere sehr hohen Standards bezüglich der Datenschutz-Grundverordnung wird oft von einer Auswertung und Veröffentlichung der Daten abgesehen, aus Angst, dass die generelle Einwilligung der Eltern zur anonymisierten Datennutzung eventuell dieses Projekt nicht mit einschließen könnte. Dabei geht es hier um den Austausch von vorhandenem Wissen, welches sehr wichtig für die Behandlung neu erkrankter Kinder ist.

 

Florian Trini – Der Begriff, der uns im Zusammenhang mit Kinderschutz und Bürokratie am häufigsten umtreibt, ist die Zuständigkeit. Wer sich dahinter verstecken kann, für eine Aufgabe oder ein Problem nicht zuständig zu sein, muss auch keine Lösung dafür finden. Dadurch verzögert sich die Behandlung von Kindern enorm, und das kann nicht die Zukunft der Kindermedizin sein.

 

Florian Heinen – Neben der Verantwortung für ein Nein, wenn wichtige Entscheidungen aufgrund von Bedenken nicht getroffen werden, müssen wir auch deutlicher machen, was Kinder in der Medizin wirklich brauchen: Kompetenz, Kontinuität und Zeit, nicht Pseudo-Effizienz einseitiger Ökonomisierung. Kindergesundheit und Kinderschutz – klug koordiniert – sollten künftig mehr Priorität in unserem Gesundheitssystem haben!

Jacob Neuhauser

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Der runde Tisch teilnehmer

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    Dr. Christina Berndt

    gehört seit März 2000 der Redaktion der Süddeutschen Zeitung an, heute als Leitende Redakteurin im Ressort Wissen.

    1988 begann sie ihr Studium der Biochemie mit dem erklärten Ziel, Wissenschaftsjournalistin zu werden. Für ihre Doktorarbeit am Deutschen Krebsforschungszentrum erhielt sie den Promotionspreis der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Auch für ihre journalistischen Arbeiten erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen – 2021 war sie Wissenschaftsjournalistin des Jahres. Viele ihrer Bücher, darunter „Resilienz – Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft“, wurden Bestseller.

  • Prof. Dr. Julia Hauer

    Prof. Dr. Julia Hauer

    ist seit November 2021 Chefärztin und Klinikdirektorin des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin, eine Kooperation der München Klinik und des TUM Klinikums an den Kinderkliniken München Schwabing und München Harlaching.

    Sie studierte Medizin an der LMU München und schloss dort ihre Dissertation in Immunologie ab. Als Postdoktorandin forschte sie am Pariser Hôpital Necker im Bereich Gentherapie. Hauer absolvierte ihre klinische Aus- und Weiterbildung zur Kinder-Hämatologin und Onkologin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, wo sie auch habilitierte. Bevor sie an die TUM kam, war Hauer als Professorin und Leitung des Bereichs Kinderhämatologie und Onkologie an der TU Dresden sowie als Gruppenleiterin am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Dresden tätig.

  • Univ. Prof. Dr. med. Prof. h.c. Florian Heinen

    Univ. Prof. Dr. med. Prof. h.c. Florian Heinen

    leitet seit April 2003 die Abteilung Pädiatrische Neurologie, Entwicklungsneurologie und Sozialpädiatrie im Dr. von Haunerschen Kinderspital, LMU Klinikum, Ludwig-Maximilians-Universität München.

    Der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin sowie für Neurologie mit Schwerpunkt Neuropädiatrie ist seit 2009 zusätzlich Ärztlicher Direktor des iSPZ Hauner MUC, des Munich University Center for Children with Medical and Developmental Complexity. Seit 2022 ist er zudem Präsident der Gesellschaft für Neuropädiatrie.

  • Dr. Sybill Hessler

    Dr. Sybill Hessler

    ist seit Oktober 2022 Medical Affairs Director für die DACH-Region der Ipsen Pharma GmbH.

    Sie studierte Medizin an der Universität Hamburg, an der sie auch promovierte. Nach acht Jahren Arbeit als Assistenz- und Fachärztin am Universitätskrankenhaus Eppendorf wechselte sie 1998 als Medical Managerin in ein forschendes Pharmaunternehmen und verantwortete dort verschiedene Indikationen im Bereich Onkologie und Immunologie. Nach weiteren Stationen, in denen sie unter anderem als Leiterin der Medizinischen Abteilung und der Medical Marketing-Abteilung tätig war, wechselte sie schließlich zur Ipsen Pharma GmbH.

  • Melanie Huml

    Melanie Huml

    ist seit Januar 2024 Vorsitzende der Kinderkommission des Bayerischen Landtags.

    Die gebürtige Bambergerin studierte Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und ist approbierte Ärztin. 2003 wurde sie Abgeordnete im Bayerischen Landtag (CSU), dem sie bis heute angehört. Von Oktober 2007 bis Januar 2023 war sie Mitglied im Bayerischen Kabinett, zunächst als Staatssekretärin, ab 2013 als Staatsministerin für das neu gegründete Ministerium für Gesundheit und Pflege, von 2021 bis 2023 als Staatsministerin für Europaangelegenheiten und internationale Beziehungen.

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    Dr. med. dent. Marion Teichmann

    ist seit 2021 Landesvorsitzende des Berufsverbandes der Deutschen Kieferorthopäden Bayern und seit 2023 stellvertretende Vorsitzende des Vorstands der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns.

    Von 2002 bis 2008 studierte sie Zahnmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Nach der Promotion an der Poliklinik für Kieferorthopädie der LMU absolvierte sie von 2010 bis 2013 die Weiterbildung zur Fachzahnärztin für Kieferorthopädie und war danach drei Jahre als angestellte Kieferorthopädin tätig. 2016 eröffnete sie ihre eigene kieferorthopädische Praxis in Markt Indersdorf.

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    ist seit November 2024 Projektleiter des neueröffneten Amalie Nathan Hauses für Kinder- und Jugendschutz in Fürth, eine Initiative der Stiftung Kinderförderung von Playmobil.

    Der Oberarzt für Orthopädie und Unfallchirurgie am Klinikum Fürth gehört darüber hinaus dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin (DGKiM) an. Trini studierte Medizin und schloss 2008 sein Staatsexamen in Humanmedizin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg ab. Am Klinikum Fürth war er sieben Jahre als Arzt in Weiterbildung für Orthopädie und Unfallchirurgie tätig, dann fünf Jahre als Facharzt und seit Juli 2023 ist er dort Oberarzt. Seit 2017 ist er im Klinikum Fürth auch Kinderschutz-mediziner (DGKiM), seit fünf Jahren koordiniert er dort die Kinderschutzgruppe.

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