Geschichten rund ums Haar in der Kunsthalle München
Foto: Nico Koster
Haare sind uns zutiefst vertraut. Sie wachsen, fallen aus, verändern sich – oft ohne unser Zutun. Wir pflegen sie liebevoll oder bekämpfen sie hartnäckig, inszenieren sie mit Stolz oder empfinden sie als Last. Kaum ein Teil unseres Körpers ist so formbar und so sichtbar – und zugleich so aufgeladen mit Bedeutung. Denn Haar ist nie nur Haar.
Die Ausstellung „HAAR – MACHT – LUST“ in der Kunsthalle München geht diesem Phänomen nach und zeigt, wie sehr sich in Haaren Fragen von Schönheit und Begehren, von Macht und Kontrolle, von Zugehörigkeit und Widerstand spiegeln. Haar ist intim und öffentlich zugleich: Es rahmt unser Gesicht, prägt unser Auftreten und sendet Botschaften, die weit über das Persönliche hinausgehen. Seit jeher erzählen Frisuren davon, wer wir sind, wer wir sein wollen – und wer wir sein dürfen.
Ein anregender Streifzug durch 3.000 Jahre Kunst- und Kulturgeschichte
Schon in den großen Erzählungen des Altertums spielt Haar eine zentrale Rolle. Der biblische Samson etwa verdankt seine übermenschliche Kraft seinem ungeschnittenen Haar. Als ihm im Schlaf die Locken genommen werden, verliert er Macht und Freiheit – ein eindrückliches Bild dafür, wie eng körperliche Erscheinung, Identität und gesellschaftliche Stellung miteinander verwoben sind. Auch in der griechischen Mythologie wird Haar zum Ausdruck existenzieller Grenzerfahrungen: Medusa ist eine Figur, in der Schönheit und Schrecken auf unheimliche Weise ineinandergreifen. In künstlerischen Darstellungen wird ihr Haar – als lebendiges Geflecht aus Schlangen – zum Sinnbild dieser Spannung: faszinierend, bedrohlich und von fatalem Eigenleben.

Sandro Botticelli, Profilbildnis einer jungen Frau, 1475–1480, 55,4 x 43 cm – Foto: Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin/Christoph Schmidt; Public Domain Mark 1.0
Haarmotive ziehen sich wie ein roter Faden durch die Kunst- und Kulturgeschichte: In barocken Porträts bieten voluminöse Frisuren und Perücken eine Bühne für malerische Virtuosität, Bänder aus Echthaar bewahren in der Alltagskultur die Nähe zu Verstorbenen und Geliebten – und geschorene Köpfe werden zu drastischen Zeichen von Unterwerfung und Entwürdigung. Immer wieder stehen Haare für Zugehörigkeit oder Ausschluss. Sie können Lust wecken oder Angst hervorrufen, Nähe stiften oder Grenzen markieren.

Herlinde Koelbl, Punk (aus dem Projekt Haare), 2007, Fotografie, 100 x 80 cm – Foto: Herlinde Koelbl

Laetitia Ky, Fighter, 2023, C-Print auf Diasec-Plexiglass Satin, 120 x 80 cm, Courtesy LIS10 Gallery – Foto: Laetitia Ky

Naro Pinosa, Kopf der Medusa (Bernini), 2023 digitale Collage – Foto: Naro Pinosa
Gestern wie heute: HAAR – MACHT – LUST
Mit über 200 Kunstwerken aus drei Jahrtausenden entfaltet die Ausstellung ein vielstimmiges Panorama dieser Möglichkeiten. Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Medienkunst, Designobjekte, Schmuck und Mode aus bedeutenden internationalen Sammlungen zeigen, wie Künstler:innen das Haar immer wieder genutzt haben, um gesellschaftliche Normen sichtbar zu machen – oder bewusst zu hinterfragen. Der Blick reicht von Haardarstellungen in frühen Hochkulturen über mittelalterliche Vorstellungen von behaarten, sogenannten „wilden“ Menschen bis zu Schwarzen Frisuren als politischem Statement und zeitgenössischen Reflexionen über Identität und Selbstbestimmung.
Dabei wird deutlich: So unterschiedlich Zeiten und Kulturen auch sind, die zugrunde liegenden Fragen ähneln sich. Was gilt als schön? Was als anstößig? Wessen Haar wird bewundert – und wessen kontrolliert? „HAAR – MACHT – LUST“ lädt dazu ein, diese Fragen neu zu stellen und das scheinbar Nebensächliche in den Blick zu nehmen. Denn in einer einzigen Locke steckt oft mehr Geschichte, Politik und Emotion, als wir auf den ersten Blick vermuten.
Begleitend zur Ausstellung erscheint im Hirmer Verlag eine reich bebilderte Publikation (336 Seiten, deutsch), herausgegeben von Juliane Au und Roger Diederen. Die Beiträge vertiefen die zentralen Themen der Schau und verorten das Phänomen Haar in Geschichte und Gegenwart.
Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung
Theatinerstraße 8 | 80333 München
Telefon +49 (0) 89/22 44 12
kontakt@kunsthalle-muc.de
www.kunsthalle-muc.de/haar
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