Nicole Staudinger, 43, hat nach ihrer Brustkrebserkrankung angefangen zu schreiben. Heute ist die Kölnerin Bestsellerautorin, Kommunikationstrainerin und vermittelt in ihren Büchern, auf der Bühne und im Coaching Schlagfertigkeit und Selbstbewusstsein mit einer ordentlichen Portion Humor. Damit trifft sie den Nerv eines großen Publikums. Im Interview spricht sie über Selbstsicherheit im Bademantel, warum man nicht erst zehn Kilo verlieren muss, um ins Spa zu gehen und weshalb die Frage „Was will ich?“ oft wichtiger ist als „Wie sehe ich aus?“
Frau Staudinger, in Ihren Büchern schreiben Sie über Schlagfertigkeit, Selbstfürsorge, Stärke, aber auch über das Zögern, das Aufschieben, das Nicht-gut-genug-Gefühl. Genau das erleben viele Menschen auch im Wellnessurlaub. Viele Menschen schieben den Wellnessbesuch auf, weil sie sich nicht wohl in ihrer Haut fühlen. Jeder hat ja so seine vermeintlichen Defizite: Zu dick, zu dünn, zu schlaff, zu blass und so weiter. Wie kann man sich trotzdem Wellness gönnen mit Wohlgefühl, aber auch mit Achtsamkeit und Respekt vor anderen?
Nicole Staudinger: Dahinter steckt eigentlich die Frage: Wieviel Vergleich ertrage ich? Für mich gilt hier der Satz: Der Vergleich ist des Glückes Tod.
Ein starker Spruch. Die anderen wirken ja immer schöner, dünner …
Genau. Das Gras auf der anderen Seite ist auch immer grüner. Ich war früher genauso. Das habe ich aber nach meiner Krebserkrankung komplett abgelegt. Meine Grundhaltung ist heute: Jeder Jeck ist anders. Wenn ich in der Sauna dauernd nach rechts und links schaue, finde ich immer jemanden, der schöner, sportlicher oder gepflegter ist, aber auch, dass jeder seine Schwächen hat. Perfekt gibt’s nicht. Ich versuche, einen liebenden Blick auf andere zu haben und auf mich. Der liebe Gott hat zu mir gesagt: Pass mal auf, du bekommst so richtig tolle Haare und Nägel, aber dafür musst du leider mit Cellulite am Po leben. So hat jeder seine Baustellen.

Nicole Staudinger über Selbstbewusstsein im Spa. Foto: Florian Schacken
Und dann lieber den Fokus auf das richten, was einem gefällt?
Ja. Und dafür braucht es nur eine Zutat: Dankbarkeit. Stellen Sie sich mal vor, wir würden morgens in den Spiegel schauen und feiern, dass wir überhaupt Wellness machen können. Das ist doch schon ein unglaubliches Privileg.
Was tun gegen Selbstzweifel oder wenn der innere Kritiker sehr laut ist?
Es läuft immer wieder aufs Gleiche hinaus: aufs Selbstbild. Was sehe ich im Spiegel? Worauf lenke ich meinen Blick? Das wird in der Kindheit geprägt. Das ist mit sechs Jahren schon weitgehend abgeschlossen. Aber wir können trotzdem heute etwas ändern. Wir haben selbst in der Hand, worauf wir uns konzentrieren. Und bitte: Der Blick darf nicht nur aufs Äußere gehen. Wenn mein Hintern – ob zu dick oder was auch immer – mich davon abhält, mein Leben zu leben, dann ist nicht der Hintern das Problem, sondern mein Blick auf ihn.
Was kann man dagegen machen?
Sich auf das Heute konzentrieren. Die meisten setzen sich Ziele wie: „Ich will bis zum Sommer fünf Kilo abnehmen.“ Kaum einer sagt: „Ich will bis dahin fünf Bücher lesen.“ Was sagt das? Dass der Sommer erst schön ist, wenn ich das Ziel erreicht habe? Das finde ich traurig. Lasst uns alle Kraft ins Heute legen.

Für Nicole Staudinger zählt der Spruch: „Der Vergleich ist des Glückes Tod“. Foto: Florian Schacken
Also nicht erst fünf Kilo abnehmen und erst dann ins Spa gehen.
Genau. Sonst gehst du nie. Ich war mal Coach bei Weight Watchers. Da kam eine Frau zu mir und sagte: „Ich habe ein tolles Ziel. Wenn ich im Sommer soundsoviel abgenommen habe, gehe ich das erste Mal mit meinem Sohn ins Freibad.“ Damals habe ich gesagt: „Toll, bleib dran.“ Heute würde ich sagen: „Schatz, geh heute!“ Die Wasserqualität ist gleich, ob in Badeanzuggröße 48 oder 40. Und die Zeit, die du gesund mit deinem Kind verbringen kannst, ist endlich.
Viele erleben ihren Körper als Projekt. Selbstoptimierung, Schönheits-OPs…
Die Frage ist doch: Was will ich von einem Wellnessbesuch? Will ich mal loslassen, runterkommen, mich um mich kümmern? Oder will ich von den anderen bewundert werden für meinen schönen Körper? Oder gehe ich da rein und vergleiche mich und bewerte auch jede andere Frau, die da rumgeht? Diese Frage ist der Schlüssel. Und sie kann sich natürlich ändern. Mit 13 will man etwas anderes als mit 45 oder 75 Jahren.
Hat Ihre Krankheit Ihre Einstellung verändert?
Absolut. Ich war vorher schon dankbar, aber ich habe das nicht verinnerlicht. Die Erfahrungen mit diesen ganzen Operationen und auch die Schmerzen, das hat mich verändert. Wenn du Zeit hast, über deinen Po nachzudenken, hast du offenbar gerade keine ernsthaften Probleme.

Alle Kraft ins Heute legen rät Nicole Staudinger. Foto: Stefan Neumann
Was tun, wenn im Spa ein blöder Spruch kommt?
Für Schlagfertigkeit hast du drei Sekunden. Bevor du sprachlos bleibst und den Wellness-Tag im Ärgermodus verbringst: Nimm eine Zwei-Silben-Antwort. Loriot sagte immer: „Ach was.“ Oder man sagt „Chill mal.“ Das reicht. Lass es abprallen. Nicht rechtfertigen, nicht ärgern. Und vor allem: sich selbst nicht so wichtig nehmen. Die meisten schauen eh nicht. Die sind mit sich selbst beschäftigt. Ich habe das schon häufig erlebt, dass Frauen sagen: „Hast du gesehen, wie der jetzt geguckt hat?“ Nee, hab ich nicht gesehen und der hat auch nicht geguckt. Es guckt keiner, weil alle mit sich beschäftigt sind.
Warum lohnt es sich, am Selbstbewusstsein zu arbeiten?
Weil es über alles entscheidet. Kommunikation ist 90 Prozent nonverbal, steht und fällt mit dem Selbstbild. Selbstbewusstsein heißt nicht „Ich bin die coolste Socke“. Es heißt: „Ich steh zu mir mit allen Stärken und Schwächen und darf auch Selbstzweifel haben. Am Ende haben wir alle nur etwa 80 Jahre Lebenszeit und die sollten richtig gut werden.
Jetzt zu Ihrem letzten Buch „Bin fast fertig, muss nur noch anfangen“. Warum das Thema „Aufschieberitis“?
Die Idee spukte neun Jahre in meinem Kopf herum und hat ihren Ursprung in mehreren bangen Wartezimmersituationen beim Arzt. Ich habe mir dann immer geschworen: „Wenn das hier gut ausgeht, dann mache ich mehr Sport, nehme mir mehr Zeit für Freunde, esse gesünder…“. Diese Vorsätze hielt ich aber nur kurz ein wie Neujahrsvorsätze. Irgendwann habe ich mir die Frage gestellt: „Was muss eigentlich passieren, damit du die Dinge, von denen du weißt, dass sie dir gut tun, auch dauerhaft umsetzt?“ Ich habe die innere Triebkraft gesucht. Und die sitzt im Bauch, nicht im Kopf. Um seine Vorsätze umzusetzen, hilft die eigene innere Haltung. Dazu müssen wir immer wieder überlegen, „Was will ich wirklich?“ Dann kann ich immer noch ein paar Techniken gegen das Prokrastinieren legen.
Und wie waren die Reaktionen auf das Buch?
Überwältigend. Ich bin mit den Leserinnen und Lesern in engem Kontakt. Das ist für mich ein Riesengeschenk. Viele schreiben mir. Manche seit elf Jahren. Jetzt kommen die Töchter dazu. Junge Frauen, die meine ersten Bücher mit ihrer Mutter gelesen oder als Hörbuch gehört haben. Das ist mein neuntes Buch. Da geht mir das Herz auf.
Gibt es ein neues Buchprojekt?
Ja, ich bin mittendrin. Es erscheint nächstes Frühjahr. Mehr darf ich noch nicht verraten, aber es geht weiter mit dem Thema Kommunikation.
Und jetzt zum Schluss. Wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zu Wellness?
Also momentan ist das Öffnen der Spülmaschine nach dem Spülgang – wenn der heiße Dampf rauskommt – mein Wellnessprogramm. Aus Zeitgründen. Aber im Ernst: Ich gehe mit einer Freundin ab und zu in die Sauna. Wir haben hier so tolle Saunen, da kann man den ganzen Tag verbringen.
Das Gespräch führte Patrizia Steipe

Über „Aufschieberitis“ geht es im Buch „Bin fast fertig, muss nur noch anfangen“. Foto: Knaur Verlag
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