Honig schmeckt nicht nur auf dem Butterbrot – er ist auch ein natürliches Heilmittel. Das macht sich die Apitherapie zunutze, die auf Bienenprodukte setzt. Im Namen steckt die Honigbiene „Apis mellifera“ und der griechische Begriff „therapeia“, für „Krankenpflege“.
Als Therapieform ist sie in Mitteleuropa weitgehend unbekannt. Dabei reichen die Anfänge der Apitherapie etwa 6000 Jahre in die Geschichte zurück. Hierzulande war ein derartiger Gebrauch von Honigprodukten lange eher ein Nebenprodukt der Imkerei – bis der Bamberger Imker Wilhelm Hemme beim Studium der Berichte des Weltbienenverbands Apimondia auf den Begriff „Apitherapie“ stieß – und schließlich zum Pionier wurde: Er gründete 1986 den Deutschen Apitherapie Bund (DAB), eine Vereinigung von Freunden der Apitherapie, die sich bis heute um das Wissen rund um den Honig als Therapieform einsetzt. Inzwischen gibt es sogar eine weltweite Apitherapie-Community. In ihr haben sich Ärzte und andere Fachleute zusammengeschlossen, die leidenschaftliche Fürsprecher der Verwendung von Honig und anderen Produkten aus dem Bienenstock zur Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten bei Mensch und Tier sind. Stefan Stangaciu, Facharzt für Familienmedizin und Gründer der Community, mahnt aber auch zur Vorsicht: „Gleichzeitig sind wir uns bewusst, dass nicht alle Menschen auf alle Behandlungen gleich reagieren. Daher empfehlen wir ein schrittweises Vorgehen mit genauen Aufzeichnungen, die es erlauben, die Behandlungsmethoden zu überwachen und bei Bedarf anzupassen.“
Ob Propolis keimhemmende Wirkung auch beim Menschen hat, ist wissenschaftlich nicht bewiesen.
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Ganz ohne sie so zu nennen, haben viele Menschen schon einmal Apitherapie ausprobiert: Warme Milch mit Honig zum Einschlafen oder frischer Ingwertee mit Honig für den Magen sind bekannte Rezepte aus der Apitherapie. Bei der Behandlungsmethode werden aber nicht nur die bekannten Bienenprodukte wie Honig, Blütenpollen, Propolis und Gelée royale verwendet, sondern auch Bienengift, Bienenstockluft, Apilarnil und Wachs. Die Therapie will unter anderem Linderung bei Erkältungskrankheiten, Hautproblemen, Erkrankungen des Bewegungsapparates und Magen-Darm-Beschwerden bringen und versteht sich als ganzheitliche Methode: Es werden nicht nur die Symptome betrachtet, sondern der ganze Mensch mit seiner Konstitution und seinen Emotionen. Die Behandlungsmethoden sind vielfältig, da verschiedene Ansätze in die Apitherapie einfließen wie etwa Phytotherapie, Ayurveda oder Aromatherapie. Zudem wird auch das alte Wissen der Traditionellen Chinesischen Medizin über Akupunkturpunkte genutzt. Allerdings gibt es in der Wirkungsweise Einschränkungen, wie Apitherapie-Spezialist Stangaciu betont: Sie wirke auch nicht von heute auf morgen, vor allem bei chronischen Erkrankungen sei Geduld gefragt. Außerdem sei zu beachten, dass sich die Wirkung der Bienenprodukte bei jedem Menschen individuell entfalten könne, da jene keine standardisierten, industriell hergestellten Substanzen seien und in ihrer Zusammensetzung variieren könnten.
Der Hauptprotagonist der Apitherapie ist Honig. Er enthält Enzyme, Antioxidantien, Flavonoide genauso wie eine Vielzahl von Vitaminen, darunter Vitamin C, Vitamin B1, Vitamin B2-komplex, Vitamin B6, Vitamin H (Biotin), Pantothensäure und Folsäure sowie Mineralstoffe wie Magnesium, Calcium, Natrium, Kalium und Phosphor. Diesen sagt man unter anderem eine mögliche antibakterielle und entzündungshemmende Wirkung nach. Doch Bienen erzeugen noch mehr Erstaunliches, zum Beispiel Propolis: Der von den Insekten produzierte und gegen Bakterien und Pilze im Bienenstock wirkende Kittharz wird in der Apitherapie als Tinktur mit Honig bei Husten mit starker Schleimbildung eingesetzt, ferner Propolis mit Honig bei der Behandlung von Herpes, Propoliscreme bei trockenen Ekzemen oder Neurodermitis und Propolismundspülungen zur Mund- und Zahnpflege. Werbeaussagen, die sich auf die Gesundheit beziehen, seien, wie auf verbraucherzentrale.de nachzulesen ist, für Propolis in Nahrungsergänzungsmitteln nicht erlaubt. Eine Stärkung des Immunsystems durch solche Produkte sei nicht nachgewiesen, Propolis in Nahrungsergänzungsmitteln nicht vergleichbar mit jenem, das für Arzneimittel verwendet werde. Wer eine Allergie gegen Bienen- oder Wespenstiche hat, sollte generell derartige Produkte eher vermeiden.

Es kann nur eine geben: Die Bienenkönigin, hier durch die Markierung gut erkennbar, hat eine Lebenserwartung von bis zu fünf Jahren. Während ihrer Zeit als Larve wird sie mit Gelée royale ernährt, dem Futtersaft, den die Ammenbienen in ihren Kopfdrüsen erzeugen. Foto: Adobe Stock
Gelée royale, das Elixier, mit denen Honigbienen ihre Königinnen aufziehen, enthält zahlreiche Vitamine, Mineralstoffe, Enzyme, Antioxidantien und Aminosäuren und hat den – wissenschaftlich nicht nachgewiesenen – Ruf, immunstärkend, verjüngend und vitalisierend zu wirken. In der Apitherapie wird Gelée royale vielfältig eingesetzt, beispielsweise bei Infektionskrankheiten, sogenannten „ernährungsbedingten Mangelerscheinungen“ und Wechseljahresbeschwerden. Doch bei der Anwendung ist Vorsicht geboten: Denn Gelée royale enthält auch Inhaltsstoffe, die mitunter zu teilweise schweren allergischen Reaktionen führen können.
Ungewöhnliche Methoden
In der Apitherapie kommen zudem auch noch Methoden zum Einsatz, die eher ungewöhnlich erscheinen – zum Beispiel Bienengift. Die Idee, Bienengift zu verwenden, entstand aus der Tatsache, dass Imker kaum an Rheuma oder Gelenkproblemen leiden. Bienengift wird in der Apitherapie für eine spezielle Form der Akupunktur verwendet, der sogenannten Apipunktur. Das Bienengift wird an bestimmten Akupunkturpunkten injiziert. Eine weitere Darreichungsform ist die Bienengiftsalbe, die in der in der Alternativmedizin zum Beispiel bei chronischer Arthritis eingesetzt wird. Um Bienengift zu gewinnen, müssen heute übrigens keine Bienen mehr sterben: Erfahrene Imker montieren dazu eine mit Kupferdrähten bespannte Glasplatte unter dem Bienenstock und setzen diese unter Strom. Da die Bienen den Strom nicht mögen, versuchen sie, die Glasplatte zu durchstechen, was ihnen jedoch nicht gelingt. Das Gift spritzt auf die Platte und kann später vom Imker gewonnen werden.
Die wohl ungewöhnlichste Anwendung in der Apitherapie ist die Bienenstockluft: Einzelne Bronchitis- und Asthmapatienten berichteten über positive Erfahrungen nach der Inhalation dieser speziellen Luft. Hierzu wird durch eine Inhalationsmaske mit einem Schlauch, der in den Bienenstock führt, die 35 Grad warme Bienenstockluft eingeatmet. Ein Filter soll verhindern, dass Bienen oder Pollen eingeatmet werden können. Die Luft enthält flüchtige Aerosole mit Spuren von Honig, Propolis und Wachs und damit auch deren Wirkstoffe, die eine wohltuende Wirkung auf die Atemwege haben sollen.
Auch Bienenwachs kommt in Apitherapien zum Einsatz, vor allem für Wickel bei Erkrankungen des Bewegungsapparats. Außerdem wird es Salben hinzugefügt oder für die Erstellung von Ohrenkerzen verwendet. Ein Mittel in der Apitherapie ist das in Deutschland noch recht unbekannte Apilarnil – der Extrakt aus einer Drohnenzelle, der sowohl aus der Drohnenlarve als auch aus den Bestandteilen der Wabe (Honig-, Bienenbrot- und Propolisspuren) besteht. Es gilt als „männliches“ Pendant zu Gelée royale und wird von Apitherapeuten in Verbindung mit anderen Bienenprodukten bei Erschöpfungszuständen, Infektionen und Stoffwechselproblemen eingesetzt.
Barbara Brubacher
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