Es ist ein weicher Ton, etwas höher als der berühmte Kammerton A. Eigentlich ist es kein einzelner Ton, sondern ein ganzer Klangraum, der sich beim Anschlagen der Schale mit dem Filzklöppel öffnet. Ein Raum, dessen Grenzen verschwimmen, der nicht zu enden scheint. Vielleicht erst jenseits der Zeit.
Die Yoga-Lehrerin Jasmin Eberhardt, 42, muss schmunzeln, als sie später diese Erlebnisbeschreibung hört, besinnt sich dann auf ihre pädagogischen Aufgaben und lobt den Yoga-Novizen: „Du hast ein gutes musikalisches Gehör.“ Die große Schale, mit der sie die Meditationsphase ihrer einstündigen Klangyoga-Sitzung eingeläutet hatte, ist auf A-is gestimmt, der Grundton des berühmten Meditationsworts „Om“. Während der Übungen setzte sie drei weitere tibetische Klangschalen ein, bei den Atemübungen, während der Meditationsreise und auch bei den „Asanas“, wie die Yoga-Stellungen in der Fachsprache genannt werden. Darunter sehr bekannte wie Sonnengruß, Baum, Kobra, Kerze und einige weitere, meist unterstützt durch die Klangschalen. „Töne lenken nicht ab, sondern schaffen eine eigene Atmosphäre, entspannen und helfen, die Chakren zu harmonisieren“, erklärt Jasmin Eberhardt. Ein sanfter Schlag auf die große Masterschale, „soll euch zum Ausklang unserer Stunde erden“, erklärt die erfahrene Yoga-Lehrerin. Danach bleiben die fünf Teilnehmenden noch ein Weilchen sitzen, atmen tief durch und kommen langsam wieder in der Gegenwart an. Jasmin wandelt derweil mit einem Koshi durch den Raum. Ein spielerisches Klang-Encore.

Klangyoga-Lehrerin Jasmin Eberhardt bei einer Klangmassage-Behandlung von Rückenproblemen. Foto: Privat
Alle strahlen sich an und wirken wie erneuert. Eberhardt arbeitet seit bald 20 Jahren mit Klangschalen, sie lebte einige Zeit in Indien und hat in den vergangenen Jahren das traditionsreiche Hotel ihrer Familie in Badenweiler in ein Yoga-Retreat mit ayurvedischem Restaurant verwandelt.
Szenenwechsel: Ein Firmenevent, bei dem die Meditations- und Soundbad-Expertin Ramona Breitsameter, 32, nur eine halbe Stunde Zeit für eine Entspannungssession mit Kristallklangschalen hat. Doch schon nach wenigen Minuten ist es mucksmäuschenstill, Breitsameters drei „Crystal Singing Bowls“ und ihre Stimme legen sich wie ein Vorhang über das Interieur und lassen die Außenwelt verschwinden: die Schalen „singen“, wenn Ramona Breitsameter mit einem weichen Stab über die Ränder streicht. Zuweilen schlägt sie eine der Schalen mit einem weiteren Stab an. Die Wirkung ist verblüffend: Bei einem „Probanden“ sinkt der Puls um zehn Schläge, wie der mit einem Blick auf seine Sportuhr verifziert, eine andere scheint wegzudösen. Alle wirken sehr gelöst. Der Firmengastgeber gesteht mit einem Augenzwinkern: „Nach meinem ersten Klangschalen-Erlebnis war ich so entspannt, dass ich prompt zu spät zu meinem nächsten Termin kam.“ Breitsameter hat sich auf Soundbäder spezialisiert, unter anderem mit Kleingruppen-Sessions in Augsburg, Aichach, Schrobenhausen und demnächst in Markt Indersdorf. Sie bietet auch Online-Soundbäder an.
Es gibt zahlreiche Typen und Anwendungen
So setzt Yasmin Eberhardt einen zweiten Satz Klangschalen ein, um Beschwerden zu lindern und Verspannungen zu lösen, etwa im Hals, Rücken oder Brustraum. Derartige Schalen wurden für „Klangmassagen“ sogar schon in Kliniken eingesetzt, etwa zur Schmerzlinderung bei Intensivpatienten; gesetzliche Krankenkassen übernehmen in der Regel jedoch nicht die Kosten. Ein weiterer Schalentyp sind „Planeten-Klangschalen“. Sie sind die nach „Planeten-Frequenzen“ gestimmt, die vor rund 50 Jahren der Schweizer Klangforscher Hans Cousto errechnet und als „Heilsame Frequenzen“ – so ein Titel eines seiner Bücher – gedeutet hat. Mit der unter Physikern und Astronomen bekannten „Schumann-Resonanz“ – benannt nach dem deutschen Physiker Werner Schumann – der gleichfalls Heilwirkungen nachgesagt werden, haben diese nichts zu tun.

Klangschalen gibt es seit mehreren Jahrtausenden. Je nach Herkunft bestehen sie aus unterschiedlichen Materialien und werden auf verschiedene Arten hergestellt. Foto: Horst Kramer
Verbreitet sind zudem die Klangschalen des deutschen Musiktherapeuten Peter Hess. Anspieltipp: Echolocation, auf Present Company. Eigene Klangschalen-Traditionen werden in Japan, Vietnam und in China gepflegt. Dort sollen die ersten Anschlag-Klangschalen schon vor mehr als 3000 Jahren benutzt worden sein. Die nepalesischen Klangschalen zeichnen sich durch „spürbare Schwingungen“ aus, schreibt Horst Oberle in „Das große Buch der Klangschalen“ (Güllesheim, 2022). Der gelernte Bankbetriebswirt und Logotherapeut beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit Klangschalen. Seinen Beschreibungen nach haben japanische oder chinesische Klangschalen anders als die nepalesischen ihren „Schwerpunkt im Klang“.
Klangschalen aus den Himalaya-Regionen sind in der Regel je nach Kupfer- und Zinkanteil aus Bronze oder Messing gefertigt und werden entweder in Formen gegossen oder per Hand durch Hämmern und Treiben hergestellt. Die japanischen Klangschalen werden laut Oberle hingegen aus einem Metallblock herausgedreht. Inzwischen sind industriell gefertigte Klangschalenhäufiger auf dem Vormarsch, scheinen aber nicht immer als solche gekennzeichnet zu sein – die jeweiligen Importeure sollten Genaueres wissen. Im Fairtrade-Fachhandel werden meist nepalesische Klangschalen angeboten, oft mit Hinweis auf die Werkstatt.

Die einnehmenden Töne, die Kristallklangschalen erzeugen können, sollen zu tiefer Entspannung verhelfen. Foto: Horst Kramer
Eine völlig andere Historie weisen die US-amerikanischen Crystal Singing Bowls auf, die Ramona Breitsameter einsetzt. Ihr Ursprung liegt wohl im kalifornischen Silicon Valley. Sie seien eine Art Nebenprodukt bei der Herstellung von Halbleitern gewesen, heißt es auf einer der einschlägigen Seiten wie bowlsofsound.com. Inzwischen sind sie in der westlichen Welt weit verbreitet. Ramona Breitsameter will übrigens keine Heilsversprechen abgeben. Sie sagt: „Regelmäßige Anwendungen können eine Verbesserung des Schlafs bewirken, bauen Stress ab und aktivieren unseren Parasympathikus.“
Wissenschaft und Wirkung
Viele Behauptungen und Theoreme rund um Klangschalen lassen sich wissenschaftlich nicht belegen. Für Millionen von Yogis und Yoginis weltweit steht indes ihre Wirkung außer Frage.
Horst Kramer
Hörtipp
Die Podcastfolge zur Schumann-Resonanz des österreichischen Astronomen und Science-Busters Dr. Florian Freistetter vom 9. August 2024, im Internet ist die Podcastfolge zu finden unter sternengeschichten.podigee.io.
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