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Tipp Birdwatching

Verleiht wirklich Flügel

Foto: Horst Kramer

Bayerns Natur ist wie Kino gratis, nur noch schöner! Die besten Orte, wo man Vögel beobachten kann

Kaum sind wir am Lechufer angekommen, hören wir vertraute Laute: Eine Gruppe Graugänse zieht über unsere Köpfe hinweg, in typischer Keilformation und unterhält sich dabei lautstark. Einmal so durch die Lüfte schweben zu können wie diese Flugkünstler, bleibt ein alter unerfüllbarer Menschheitstraum. Sie zu beobachten und zu studieren, ist ein kleiner Trost. Und sehr unterhaltsam. Aufgeregtes Krähengekrächze lässt uns nach oben blicken: Zwei Rabenkrähen attackieren einen großen Rotmilan. Der geht allerdings sofort zum Gegenangriff über und schüchtert die beiden offenbar ein.

Das Spektakel spielt sich am Premer Lechsee ab, ein Stausee nördlich des Forggensees. Eine Region mit vielen Landschaftsschutz- und Flora-Fauna-Habitat-Arealen, die bei Menschen, die sich für Vögel interessieren, besonders beliebt ist.

Heimat von Flussuferläufern, Mittelsägern und Fichtenkreuzschnabeln: der Schwarze Regen bei Viechtach, ein Landstrich, den die ostbayerischen Tourismusprofis aus gutem Grund „Bayerisch Kanada“ getauft haben.

Foto: Horst Kramer

Vögel lassen sich im Grunde überall beobachten: im eigenen Garten, in städtischen Parks, auf Wiesen und Feldern, in Mischwäldern und an Waldrändern. Viele Vogelfans lieben offenes Gelände wie Moore, Weide- oder Heidelandschaften und vor allem Gewässer wie Seen, größere Flüsse und Flussmündungen. Nicht zuletzt, weil dort viele Zugvögel Kraft tanken. Zum Beispiel im Isarmündungsgebiet, im Europareservat Unterer Inn oder an den oberbayerischen Seen.

Derweil wandern wir am Ufer des Premer Lechstausees zur Mündung des Flüsschens Halblech. Dabei beobachten wir einige stolze Haubentaucher, mehrere disziplinierte Reiherenten-Familien, ein Stockenten-Trio, das nach anderen Ufern sucht, sowie ein kommunikatives Kanada-Gänsepärchen, eine eingebürgerte Art, die laut der Nabu-Vogel-App mittlerweile die häufigste Gänseart Deutschlands ist. Nilgänse sehen wir zwar nicht, hören aber ihre Rufe, wie uns „BirdNet“ bestätigt, eine App der TU Chemnitz und des New Yorker Cornell Lab of Ornithology. Letztere ist eines der weltweit renommiertesten Vogel-Institute der Welt, dennoch hat ihm die Trump-Regierung kürzlich Fördermittel gestrichen. Weder die Nilgänse noch die Kanadagänse sind „illegale Migranten“, sondern vermutlich Privatbesitzern oder aus einem Vogelpark ausgebüchst.

Spiegeleben wirkt die Oberfläche des Premer Lechsees. Der Haubentaucher zieht ziemlich zufrieden seine Bahn, seine Frisur sitzt

Spiegeleben wirkt die Oberfläche des Premer Lechsees. Der Haubentaucher zieht ziemlich zufrieden seine Bahn, seine Frisur sitzt. Foto: Horst Kramer

Am Halblech entdecken wir Rostgänse und eine in Südbayern seltene Rohrweihe. Doch bevor wir sie genauer studieren können, ist sie schon im Ufergebüsch untergetaucht. Aus einer Vogelbeobachtungshütte lassen sich leider nur noch Büsche und Gräser observieren, sie ist komplett verlandet. Der Grund: Der Lech-Wasserpegel sinkt wegen der Klimawandelfolgen. Diese sind für fast alle Alpenflüsse ein großes Problem.

Das Isarmündungsdelta südöstlich von Deggendorf zeigt sich resilienter, dank seiner Feuchtwiesen, der mäandernden Isar und ihren Altarmen. Es erstreckt sich auf rund zwölf Quadratkilometer – ein ökologisches Kleinod mit Lebensräumen für viele Vogelarten, die sich von einem Beobachtungsturm gut erforschen lassen. Das Holzbauwerk wurde vom Infozentrum Isarmündung errichtet, eine Einrichtung des Landkreises Deggendorf.

Das erste Schauspiel, das sich uns dort bietet, ist eine Gruppe lautstark startender Gänsesäger: mit lang ausgestrecktem Hals und einem Zehn-Meter-Sprint auf der Wasseroberfläche schaffen sie es schließlich, die Schwerkraft zu überwinden. Sie lenken dabei unseren Blick auf eine Kiesinsel in einem Isar-Altarm. Dank Fernglas und Teleobjektiv – die Grundausstattung aller Vogelfans, egal ob Profi oder Amateur – entdecken wir auf der Insel eine kleine Kiebitz-Kolonie, die hier mitten im Fluss zu brüten scheint. Normalerweise bauen die streng geschützten Flugkünstler ihre Nester auf Wiesen, Weiden oder Mooren, wie im Ampermoos, wo wir kürzlich Kiebitze entdeckt hatten. Aber mitten im Fluss – das ist ungewöhnlich.

Irgendetwas oder irgendjemand hat die Gänsesäger zur Flucht veranlasst

Irgendetwas oder irgendjemand hat die Gänsesäger zur Flucht veranlasst. Etwa wir? Kann eigentlich gar nicht sein, im Vogelbeobachtungsturm des Infozentrums Isarmündung sollten wir kaum zu erkennen sein. Foto: Horst Kramer

ier ein Kiebitz in einer erwartbaren Umgebung

Hier ein Kiebitz in einer erwartbaren Umgebung: eine Feuchtwiese im Ampermoos, die vom Landesbund für Vogelschutz eigens abgesperrt wurde. Foto: Horst Kramer

Auf einem Wanderweg laufen wir an ein Schilfgebiet, wo wir verdutzt innehalten: Was ist das für ein sirrender Ton durch die heiße Frühsommerluft? Sollten sich Zikaden nach Niederbayern verirrt haben? „BirdNet“ korrigiert die Vermutung und identifiziert den Verursacher als ein Vögelchen namens Rohrschwirl. Die Nabu-App, die seit einiger Zeit Vogelstimmen und -videos integriert hat, bestätigt ihre akademischen Kollegen und zeigt uns den nur 14 Zentimeter großen Grassänger in Video-Aktion. Er ist übrigens nicht der einzige Schwirl, der sich im Isardelta wohlfühlt. Franz Schöllhorn, der Leiter des Infozentrums, nennt als weiteres Beispiel den Schlagschwirl. Zudem führt er uns zu einer Brücke über einen der vielen Kanäle, von der sich manchmal Eisvögel studieren lassen. Diesmal zwitschert und zeigt sich dort ein Blaukehlchen, ein weiterer seltener Vogel im Isardelta.

Anderntags stolpern wir im Bayerwald fast über einen Fichtenkreuzschnabel. Als wir uns auf einer Bank am Pfahl ausruhen, ein Quarz-Bergstock in der Nähe der Kreisstadt Regen, landet der Vogel plötzlich vor uns auf dem Kiesweg. Er will wohl ein Stöckchen aufheben, vermutlich für die Ausbesserung seines Nestes. Dann erst entdeckt er uns, stutzt und entschwindet in den nächsten Baum – nachdem wir ihn fotografiert hatten. Glück muss man haben! Es verlässt uns auch nicht bei einer Wanderung am Schwarzen Regen unweit von Viechtach, wo wir eine Bachstelze mitten im Fluss auf einem Felsen wippen sehen. Gleich darauf vernehmen wir einen Flussuferläufer, der hier sogar seinen Nachwuchs großzieht. In Bayern ist der Flussläufer-Bestand vom Aussterben bedroht.

Unerwartete Begegnung für beide Seiten: Dieser Fichtenkreuzschnabel wollte sich nur das Stöckchen holen, um sein Nest zu verschönern

Unerwartete Begegnung für beide Seiten: Dieser Fichtenkreuzschnabel wollte sich nur das Stöckchen holen, um sein Nest zu verschönern, als er plötzlich zwei große Zweibeiner erblickt. Foto: Horst Kramer

Bachstelzen gelten mittlerweile als Kulturfolger. Dieses Exemplar ist im Schwarzen Regen unweit von Viechtach unterwegs.

Bachstelzen gelten mittlerweile als Kulturfolger. Dieses Exemplar ist im Schwarzen Regen unweit von Viechtach unterwegs. Foto: Horst Kramer.

Vögel beobachten erfordert Geduld. Ornithologinnen und Ornithologen müssen manchmal stundenlang auf das Auftauchen einer bestimmten Vogelart warten. Auch mit wachsender Erfahrung und Umsicht erhöhen sich die Chancen auf ersehnte Begegnungen: Als wir beim Rückweg vom Halblech nach Prem am Kaltenbrunner See entlang spazieren, treffen wir auf einen Landwirt bei der Mahd. Sollte der eingangs erwähnte Rotmilan in der Nähe weilen, so spekulieren wir, wird es nur Minuten dauern, bis er die Wiese nach Mäusen oder anderen Bewohnern abscannt. Und tatsächlich lässt sich der Greifvogel nach nur kurzer Zeit auch blicken. Die Kamera ist in Schnappschuss-Bereitschaft, als er genau über uns hinwegsegelt. Ein kleines Adrenalinevent, das Flügel verleiht.

Horst Kramer

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