Süddeutsche Zeitung Logo

Anzeigen-Spezial

Home Icon
Bienenexperte

Unersetzlich fürs Ökosystem

Foto: Ralf Braun-Reichert

Dr. Ralf Braun-Reichert, Leiter des Umweltzentrums „Haus am Strom“, über die Bedeutung der Bienen

Herrliche Blumen, üppige Pflanzen – Urlaub im Freistaat wäre nur halb so schön, wenn es nicht seine Naturpracht gäbe. Diese haben wir nicht zuletzt auch den Bienen zu verdanken. Ihren Dienst kann man nicht hoch genug einschätzen, findet Dr. Ralf Braun-Reichert, Bienenexperte und Leiter des Umweltzentrums „Haus am Strom“ im niederbayerischen Jochenstein bei Passau. Wir haben mit ihm über Honig- und Wildbienen sowie über die unverzichtbare Rolle der Insekten als Bestäuber gesprochen.

Herr Braun-Reichert, was fasziniert Sie an den Bienen?
Dr. Ralf Braun-Reichert: Ich bin Biologe. Im Studium stand irgendwann die Entscheidung an, ob ich mich eher auf Pflanzen oder auf Tiere spezialisiere, ich konnte mich aber nie richtig entscheiden. Bei den Bienen hat mich gereizt, dass beides eine Rolle spielt. Wer sich mit Bienen auseinandersetzt, muss sich auch mit Pflanzen auskennen. Viele Bienenarten sind Spezialisten, sie brauchen eine ganz spezielle Pflanze, um zu überleben. Manche Bienen sammeln zum Beispiel nur auf Glockenblumen, andere nur auf Hahnenfuß. So wurden die Bienen zu meinem Studiumsschwerpunkt. Hier am Umweltzentrum mache ich zum Beispiel Vorträge oder biete Exkursionen in der Region an.

Für den Apfelbaum sind Hummeln, wie hier die Ackerhummel, von großer Bedeutung. Denn zur Obstblüte herrschen oft kalte Temperaturen, bei denen nur Hummeln fliegen können. Foto: Ralf Braun-Reichert

Was hat denn die Region um Passau den Bienen konkret zu bieten?
Die Donau spielt hier eine wichtige Rolle, weil sie eine Einwanderungsachse darstellt, über die neue Arten nach Deutschland kommen. Die größte Achse ist der Rhein, aber das Besondere an der Lage im Donautal ist, dass neue Bienenarten, die aus südlichen Regionen einwandern, hier zum ersten Mal, wenn man so will, deutschen Boden betreten. Es gibt Bienen- und auch Wespenarten, die nirgendwo anders in Deutschland vorkommen außer hier rund um Passau. Manche wandern mit der Zeit weiter, manchen bleiben aber auch. Die Löwenzahn-Sandbiene zum Beispiel mag warme, magere Standorte und tritt in Deutschland nur an der Donau bei Passau auf.

Wie spezialisiert sind die Bienenarten, die hier leben?
In Deutschland kommen etwa 600 verschiedene Bienenarten vor, etwa ein Drittel davon ist sehr spezialisiert. Allgemein gilt: Die kleinen Bienen übernehmen eher die kleinen Blüten und die größeren Bienen eher die großen. Bei Honigbienen und bei Hummeln, die übrigens zu den Wildbienen zählen, hat man außerdem festgestellt, dass sie „blütenstet“ sind. Das bedeutet, dass sie jeden Tag entscheiden, welche Blüten sie anfliegen wollen. Dabei wählen sie diejenigen aus, die an diesem Tag besonders viel Pollen tragen, und vermeiden so, dass sie auf Blüten landen, die kaum Pollen bieten. Wenn zum Beispiel gerade die Margeriten blühen, fliegen sie eben zwei bis drei Tage nur Margeriten an. So wird die Bestäubung gesichert und gleichzeitig die Bestäubungsleistung erhöht.

Sind bestimmte Pflanzen also von bestimmten Bienen als Bestäuber abhängig?
Absolut. Hier kommt zum Beispiel den Hummeln eine besondere Rolle zu, weil sie anders als Bienen auch bei kühleren Temperaturen ausfliegen. Bienen brauchen etwa 20 Grad, um zum Pollen- und Nektarsammeln loszuziehen. Hinzu kommt, dass bestimmte Blüten nur durch bestimmte Bienen bestäubt werden können. Die Tomate ist so ein Beispiel. Ihre Blüte hat eine Röhre, in der sich der Pollen befindet. Wenn sich eine Hummel oder eine Mauerbiene an diese Röhre hängt und summt, rieselt der Pollen durch die Vibration heraus. Andere Bienen beherrschen diese Technik nicht. Bei Bohnen oder Erbsen hingegen sind starke Bienen gefragt, die die kräftigen Blüten auseinanderdrücken können, um zum Nektar zu kommen. Kleinere Bienenarten schaffen das nicht.

Die große Holzbiene war früher nur in warmen Regionen wie dem Donautal verbreitet und kommt heute mit der Klimaveränderung bis nach Hamburg vor. Foto: R. Baumgartner

Spielen Bienen generell eine Sonderrolle als Bestäuber im Vergleich zu anderen Insekten?
Ja, denn sie sammeln nicht nur Nektar, sondern auch immense Mengen an Pollen für ihre Nachkommen, das tun andere Insekten nicht. Dafür benötigen Insekten, die sehr schnell mit den Flügeln schlagen, große Mengen an Nektar, zum Beispiel Schwebfliegen oder Nachtfalter. Damit müssen auch sie viele Blüten besuchen und sind effiziente Bestäuber für spezielle Blumen. Für die meisten Pflanzen sind Bienen aber die allerwichtigsten Bestäuber. Viele Pflanzen haben sich an die Bienen angepasst und lassen sich nur von ihnen bestäuben. Für das Ökosystem sind Bienen daher absolut unersetzlich. Was nicht heißt, dass alle anderen Insekten verzichtbar sind. Untersuchungen haben nämlich gezeigt: für die Bestäubung optimal ist eine Vielfalt an Insekten.

Ralf Braun-Reichert fängt mit einem Kescher Bienen und andere Insekten, um sie genauer zu bestimmen. Foto: Nicola Jacobi

An Bienen scheint es keinen Mangel zu geben, zumindest nicht an Honigbienen, ihre Zahl steigt. Gibt es eine Konkurrenz zwischen Honig- und Wildbienen?
Darüber wird derzeit viel diskutiert. Dass vermehrt Imker auch in Städten Bienenstöcke halten, ist eher eine Bereicherung. In anderen Regionen ist die Situation komplizierter. Weil viele Wiesen durch ständiges Mähen nicht mehr genug Nahrung bieten, bleiben als Nahrungsquelle für verschiedenste Bienenarten nur noch die Wiesen-, Weg- und Waldränder sowie Naturschutzgebiete. Dort kann sich tatsächlich eine Konkurrenzsituation entwickeln. Unter den Wildbienen gibt es Arten, die damit gut klarkommen, es gibt aber auch welche, die sofort verschwinden, sobald zu viele Honigbienen unterwegs sind. Aus meiner Sicht sind daher in solchen Gebieten einige wenige Imker-Stöcke in Ordnung, mehr aber nicht.

Was kann jeder Einzelne tun, um Bienen und anderen Insekten eine Nahrungsgrundlage zu bieten?
Gärten spielen eine wichtige Rolle, weil sie ein abwechslungsreiches und vielfältiges Blütenangebot bereitstellen. Inzwischen haben Gärten zum Teil einen Stellenwert wie Naturschutzgebiete, denn dort finden sich sogar Bienenarten ein, die auf der Roten Liste stehen. In Deutschland wird etwa die Hälfte der Fläche landwirtschaftlich genutzt. Früher waren Äcker und Wiesen noch echte Lebensräume für Insekten, im Getreide zum Beispiel wuchsen Mohn- und Kornblumen oder Disteln, heute ist das oft nicht mehr der Fall. Hinzu kommt die Verwendung von Dünge- und Spritzmitteln in der Landwirtschaft. Bienen und anderen Insekten, besonders Schmetterlingen, machen diese sehr zu schaffen. Es gibt vor allem zwei Dinge, die jeder tun kann: die ökologische Landwirtschaft unterstützen, das heißt am besten regional und bio einkaufen. Und den eigenen Garten insektenfreundlich gestalten – mit Pflanzen, die Bienen und andere Insekten gerne mögen, zum Beispiel Kräuter. An einem warmen Tag lassen sich an einem einzigen Salbei-Strauch schon mal fünf bis zehn verschiedene Bienenarten blicken.

Das Gespräch führte Nicola Jacobi.

Das Leben der Bienen

Bei Bienen denken die meisten Menschen an Honigbienen. Doch in Deutschland leben auch knapp 600 Wildbienenarten, unter anderem die Hummeln. Die Honigbiene war früher ebenfalls eine Wildbienenart. Dass sie heute nicht mehr in freier Natur vorkommt, liegt daran, dass sie durch die Züchtung nicht mehr wehrhaft gegen Krankheiten oder Parasiten wie die Varroamilbe ist. Die meisten Wildbienen sind anders als Honigbienen Einzelgänger. Weltweit gibt es etwa 20.000 Bienenarten, manche sind nur wenige Millimeter groß, wie zum Beispiel die Maskenbiene, andere bis rund fünf Zentimeter wie die Holzbiene. Bienen bewegen sich in einem festen Radius um ihren Bau oder ihren Stock herum, bei kleinen Wildbienen sind das etwa 100 Meter, bei Honigbienen zwei bis drei Kilometer. Honigbienen-Arbeiterinnen fliegen circa zehn- bis 20 Mal pro Tag aus – und rund 1000 Blüten pro Tag an. Für drei Kilogramm Nektar müssen sie etwa 100.000 Mal ausfliegen und über 150 Millionen Blüten besuchen. Was weniger bekannt sein dürfte: Etwa ein Drittel aller Bienen sind Kuckucks-Bienen, das heißt, sie sammeln selbst keine Pollen, sondern legen ihre Eier in gut ausgestattete Nester anderer Bienen. „Kuckucke sind im Grunde noch spezialisierter als die Bienen selbst, in deren Nester sie ihre Eier legen. Der Kuckuck einer Glockenblumenbiene legt seine auch nur zu dieser Biene“, erklärt Ralf Braun-Reichert, „wenn sich also irgendwo Kuckucks-Bienen beobachten lassen, deutet das darauf hin, dass dort ökologisch noch Vieles im Gleichgewicht ist, was die Bienen betrifft.“

jac

Zurück zu „Urlaub in Bayern“

Das könnte Sie auch interessieren

Die Süddeutsche Zeitung ist weder für den Inhalt der Anzeigen noch die darin enthaltenen Verlinkungen noch für ggf. angegebene Produkte verantwortlich.

Impressum