In den vergangenen Tagen hat es geregnet, endlich. Das ist nicht nur gut für alle sich nach Niederschlag sehnenden Pflanzen, sondern auch für Outdoorfans, die es nach Raftingabenteuern dürstet. Klar, Starkregen und zu hohe Pegelstände vereiteln das spritzige Vergnügen ebenfalls, aber bei zu wenig Wasser wird eben auch nichts draus. „In trockenen Wochen lässt sich die Iller von Fischen nach Sonthofen gar nicht bepaddeln, dann bleibt nur deren weiterer Abschnitt“, sagt Raftingexperte Tobias Frost, der heute unser Guide sein wird. „Die Strecke Richtung Kempten ist zwar gemütlich, aber wir wollen ja Action! Und genau die werden wir heut‘ haben!“, schwört uns der 29-Jährige ein, als wir uns zur Morgenrunde an der Basis von MAP-Erlebnis in Bihlerdorf treffen.
Das orangefarbene Gebäude, das mitten im etwas außerhalb von Sonthofen gelegenen Bihlerdorf steht und wie eine bunte Kuh auffällt, beherbergt nicht nur die Kommandozentrale, sondern in der urig ausgebauten XXL-Scheune eine Menge Equipment für die diversen Outdoorangebote, welche die Inhaber Jonas Hierholzer und Sebastian Drexler und ihr großes Team anbieten. Der Großteil des Materials hat mit Rafting zu tun: Schwimmwesten, Neoprenanzüge, Wasserschuhe, Paddel und natürlich Kajaks. Nach einer kurzen Einführung weist Tobi uns an, entsprechendes Equipment einzupacken. Oder besser umzupacken. Also raus aus Hose und Hoody, rein in den Neo, raus aus den Trekking- und rein in die Wasserschuhe. Zurück bleiben Rucksack, Klamotten und Wertsachen, Ehering inklusive. „Falls man kentert“, erklärt er, „zieht sich aufgrund der Kälte die Haut zusammen und da kann der Schmuck im Eifer des Gefechts abrutschen. Alles schon passiert.“ Ah, ok.

Die Iller ist weder besonders breit, noch sind die anspruchsvolleren Passagen in unzugänglichem Gelände. Zudem gibt es jederzeit Ein- und Ausstiegsplätze. Und tolle Guides, die sich bestens kümmern. So auch um Autor Christian Haas (r). Foto: Jonas Rickert
Dann springen wir in den Kleinbus und fahren zu einem etwa zehn Kilometer entfernten Parkplatz bei Fischen im Allgäu. Dort laden wir die Boote vom Anhänger, und Tobi, Vollblut-Paddler mit intensiver Ausbildungskarriere, die ihn auch immer wieder in die chilenischen Andenflüsse führt, klärt uns auf. Über den Fluss, Paddeltechniken und das knallrote Gummiboot, in dem wir zu zweit fahren, während Tobi allein im Hardshell-Kajak unterwegs ist. Und kaum hocken wir im Schlauchkanadier, erfasst uns die Strömung. Und es wartet gleich die erste Herausforderung: nicht zu nah an den Brückenpfeiler kommen! Also beherzt das Stechpaddel einsetzen. Tobi erinnert uns: „Der Hintermann steuert und gibt klare Kommandos. Der Vordermann paddelt stets auf einer Seite, durchaus auch mal wie ein Irrer, wenn es sein muss.“ Wann das genau sein soll, verraten enge Kurven, Schaumkronen und sein Briefing, das er uns vom Beiboot aus im Minutentakt zukommen lässt.
Welche Wildwasserstufe das hier sei, wollen wir wissen. „Manche sagen eins, manche zwei. Das hängt auch vom Wasserstand ab – und vom Vergleich mit anderen Flüssen“, sagt er lächelnd. Ob er gerade an seine wilden Andenflüsse denkt? „Eines aber ist gewiss: Die Iller ist der perfekte Einsteigerfluss fürs Wildwasserraften.“ Schließlich werde ordentlich was geboten, aber andererseits sei der Fluss weder zu breit noch mit engen Felspassagen versehen. „Nach Hindernissen kann man stets an Land, gegebenenfalls die Tour abbrechen.“ Das käme zwar sehr selten vor, aber es gibt Unentschlossenen eine wichtige Perspektive. Und Familien mit Kindern, die hier auch gern unterwegs sind. Im Hochsommer kann es sogar richtig voll werden auf dem Fluss.
U-Turns, Balance halten, „surfen“ – all das hat Autor Christian Haas bei seiner Raftingtour gelernt und ist entsprechend gut drauf.
Foto: Jonas Rickert
So, jetzt ist aber Zeit für weitere Moves! Wir lernen, wie man nach einem Fels ins Kehrwasser kommt, indem man einen U-Turn hinlegt und wie ein Irrer gegen den Strom paddelt. Verschnarcht man das, ist die Chance auf einen strömungsfreien Boxenstopp passé und der Fluss nimmt einen mit. Etwa zu einem besonders quirligen Weißwasser, das wir mit Hurra durchfahren. „An dieser Stelle übe ich mit Gruppen gern das Surfen“, verrät uns Tobi und zeigt uns im Kajak, wie das geht. Aha, von der Seite in den Schwall einfahren und dann auf der „Zunge“ die Stellung halten. Cool. Als er abdreht und plötzlich eine Eskimorolle vollzieht, fällt uns die Kinnlade runter. „So, und jetzt machen wir das zusammen im Kanadier!“ Die Kinnlade fällt offenbar noch tiefer, denn er schickt gleich hinterher: „Ja, aber natürlich ohne die Rolle.“
Spannend wird es auch so. Und erhebend, als wir für einige Schläge wirklich die Balance halten und, ja, surfen. Bis zu dem Moment, als Wasser über Bord kommt. Viel Wasser. Und das sehr schnell. Schwupps liegen wir im Wasser, was aber nicht schlimm ist. Im Gegenteil. Lachend schwimmen wir, die Paddel umschlossen und die Bootsleine in der Hand, ans Ufer. Es sind ja nur wenige Meter, bis wir festen Grund unter den Füßen haben und kurz danach auf der Kiesbank stehen. „Nochmal, nochmal!“, bitten wir Tobi, der unserem Wunsch nachgibt. „Ich mache hier eigentlich mit allen Gruppen einen längeren Stopp. Es ist einfach eine ideale Stelle, um das Surfen zu üben.“ Und siehe da, beim zweiten Mal halten wir dem Wasserdruck auch deutlich länger Stand, bis es uns – plitsch, platsch – wieder ins Wasser spült.

Ein Vorteil dieser Tour auf der Iller bei Kempten: Man kann immer wieder Stopps einlegen, wenn es sein muss, auch abbrechen. Foto: Jonas Rickert
Danach wird die Iller gemütlicher. Auch recht, genießen wir eben die Landschaft. Und es gibt einiges zu sehen: hier ins Wasser reichende Äste, dort ein Eisvogel, und war das im Gebüsch ein Biber? Bissspuren an so manchem Stamm sprechen jedenfalls für seine Existenz. Eindeutig hingegen ist die Tatsache, dass bald die Endstation unweit des „Schiffs“ naht. Doch vorab will das letzte Hindernis geschafft, vorab jedoch vom Ufer aus beäugt und besprochen werden. Wir sehen etliche Felsen, um die man erst rechts, dann links herumfahren und beherzt lenken muss. Ob wir’s wirklich tun sollen? Na klar! Ich geb erst mir einen Ruck, dann dem Boot. Und als das dreifache Manöver unfallfrei gemeistert ist, fühlen wir uns einfach königlich. Ob es als nächste Herausforderung gleich in die chilenischen Weißwasserflüsse gehen muss, sei mal dahingestellt. Aber an bayerischen Flüssen mit Wildwasserlevel eins bis zwei gibt es ja keinen Mangel, Stichwort Loisach bei Farchant, obere Isar bei Mittenwald und Tiroler Ache, der größte Zufluss des Chiemsees. „Aber ich sag’s euch“, meint Tobi zum Abschied, „an die Iller kommt kaum ein anderer Fluss ran.“
Weitere Informationen rund ums Rafting vor Ort
Einen Überblick kann man sich beispielsweise auf oberallgaeu.de/ verschaffen. MAP-Erlebnis bietet Raftingtouren an, diese dauern zwischen dreieinhalb und viereinhalb Stunden. Kinder dürfen ab zwölf Jahren teilnehmen, vorausgesetzt werden Schwimmkenntnisse und „normale“ Fitness. Es gibt noch weitere Anbieter von Raftingtouren in der Region, etwa das ebenfalls in Bihlerdorf gelegene Outdoor Zentrum Allgäu.
Christian Haas
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