Wer heute in eine Bar geht – sei es in Berlin, München, Kopenhagen oder Wien, braucht nicht mehr mit der Frage zu rechnen: „Wie, du trinkst nichts?“ Denn inzwischen ist der Trend zu null Alkohol zu mehr als nur einem Hype der Gen Z geworden. Unter dem Stichwort: „Sober Curious“, was so viel heißen soll wie „neugierig auf Nüchternheit“, steigt nicht nur bei jungen Erwachsenen das Bedürfnis nach Klarheit von Körper und Geist, besserer Schlafqualität und Fitness. Immer mehr Menschen reduzieren bewusst ihren Alkoholkonsum. Was früher nur während Dry January oder Schwangerschaftsmonaten Thema war, ist heute Teil eines neuen Lebensstils. Der Longevity-Trend, also der Wunsch nach einem langen, gesunden Leben und einem möglichst fitten Älterwerden, spielt dabei ebenfalls eine große Rolle. Null-Promille-Verfechter müssen sich inzwischen auch nicht mehr nur mit schnödem Wasser, Cola oder Apfelschorle zufriedengeben.
Sowohl bei Wein und Secco, als auch bei Spirituosen wird die alkoholfreie Auswahl immer größer. Die Klassiker der Cocktailwelt lassen sich genauso genussvoll als sogenannte „Mocktails“ mixen – das ist übrigens eine Wortschöpfung aus dem Englischen aus „to mock“, also vortäuschen, nachahmen, und „cocktail“. Den Anfang machte 2015 das britische Label „Seedlip“ mit seinem „distilled non-alcoholic spirit“. Gründer Ben Branson, ein ehemaliger Designer mit landwirtschaftlichem Hintergrund, setzt bis heute auf natürliche Botanicals, das sind Pflanzenstoffe wie Kräuter, Wurzeln oder Früchte, ein elegantes Flaschendesign und die Kooperation mit Spitzenbars weltweit.

Foto: Undone
Auch in Deutschland gibt es inzwischen einige alkoholfreie Null-Promille Labels: „Laori“ aus Berlin setzt auf fruchtig-würzige alkoholfreie Spirituosen aus Kräuter und Zitrusfrüchten wie Orange, Zitrone und Wacholder. „Dr. Jaglas“, ebenfalls aus Berlin, bietet mit dem Herben Hibiskus, San Limello, San Pompello und San Orangello interessante alkoholfreie Aperitifs, die die Apothekerfamilie aus ihrer Kräutermedizin-Erfahrung heraus entwickelt hat. Das Label „Undone“ aus Hamburg hat einen nullprozentigen Rum und den augenzwinkernden Slogan „This is not Rum“ herausgebracht, der „Siegfried Wonderleaf“ aus Bonn besticht durch komplexen Aromen-Vielfalt aus insgesamt 18 Botanicals. Mit dem „Entgeistert“ hat „The Duke“, eine Gin-Manufaktur aus München, ebenfalls eine alkoholfreie Gin-Alternative entwickelt, die ein bisschen nach Pfefferkuchen und Zitrone schmeckt und aus Wacholder, Zitronen, Rosmarin, Kubebenpfeffer, Nelken, Muskat hergestellt wird.
Den neuen Markt im Blick hat auch die deutsche Spirituosen-Brennerei „Schladerer“ aus dem Schwarzwald – die seit 1844 Hochprozentiges aus Obst produziert. Mit dem „Vincent alkoholfrei“ haben sie nun einen Bitter-Aperitif aus natürlichen Kräuterextrakten kreiert, verfeinert mit reifen Himbeeren – der sogar im fernen Berlin schon als DIE Alternative zum Campari gefeiert wird, so die Plattform „feineweine.berlin“.
Foto: Alfred Schladerer Schwarzwälder Hausbrennerei GmbH
Was alle Fans der Null-Prozent-Bewegung freuen dürfte: Die Schladerers stellen rund um den Sitz der Brennerei in Staufen auch besondere Obstsäfte mit Blick auf Nachhaltigkeit her: 2009 entstand aus der Idee, verschiedene Obstarten ohne Einsatz von Herbiziden, Fungiziden und Insektiziden anzubauen, das „Obstparadies Staufen“. Eingebettet in die fruchtbare Landschaft des Markgräflerlands werden hier nach alter Obstbautradition alte und neue Obstsorten im Einklang mit der Natur angebaut – inzwischen über 470 alte Apfelsorten, 270 alte Birnensorten und über 40 Pflaumen- und Zwetschgensorten, die neben Exoten wie Paw Paw, Kiwis, nordischen Zitronen, Maulbeeren und Kakis kultiviert werden. Aufgelockert werden die Obstwiesen durch viele Hecken, Steinbiotope und Teiche. Die unbehandelten Früchte werden schließlich nicht nur zu Obstbränden und Likören, sondern auch zu Säften verarbeitet und im eigenen Hofladen zum Verkauf angeboten.
Das 0 %-Herstellverfahren
Warum alkoholfreie Alternativen meist genauso teuer wie ihre hochprozentigen Verwandten sind, liegt an dem aufwendigen Herstellungsprozess: Alkoholfreie Spirituosen werden so hergestellt, dass sie geschmacklich an Gin, Rum, Whisky oder andere Spirituosen erinnern, aber keinen oder nur einen sehr geringen Restalkohol enthalten. Dabei gibt es verschiedene Ansätze. Manche Hersteller setzen auf eine Destillation von Botanicals, ähnlich wie bei einem klassischen Gin. Dabei werden Kräuter, Gewürze, Zitrusschalen oder andere pflanzliche Zutaten in Wasser eingelegt und ihre Aromen durch Wasserdampfdestillation oder unter Vakuum extrahiert. So entsteht ein aromatisiertes Wasser, das die typischen Duft- und Geschmacksnoten liefert, ohne dass Alkohol im Spiel ist. Der Prozess der Herstellung von Hydrolaten erfordert viel Wissen und Geschick. Es ist wichtig, die richtigen Temperaturen und Zeitspannen einzuhalten, um die Aromen optimal zu extrahieren.
Andere Produzenten gehen den Weg, tatsächlich zunächst eine Spirituose herzustellen und diese anschließend zu entalkoholisieren. Dafür wird der Alkohol durch Verfahren wie Vakuumdestillation oder Umkehrosmose schonend entfernt, sodass die Aromen erhalten bleiben, aber der Alkoholgehalt fast vollständig verschwindet – ein winziger Restgehalt ist – wie bei alkoholfreiem Bier – aber immer noch enthalten. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie in erster Linie als Basis für Mischgetränke entwickelt werden und weniger dazu gedacht sind, pur getrunken zu werden.
Barbara Brubacher
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