Es ist noch gar nicht so lange her, da hat das Wandern ein kleines Imageproblem gehabt. Viele haben sich in ihrer Freizeit eher auf den Weg ins Fitnessstudio als mit dem Rucksack zu Tälern und Bergen gemacht. Doch diese Zeiten sind vorbei: Wandern gehört hierzulande inzwischen zu den Top-Freizeitbeschäftigungen, und auch immer mehr junge Leute sind mit dabei. Unter anderem wegen Influencern wie Simon Hegewald, der sie auf Social Media für seine Touren begeistert. Allein bei seinem Instagram-Account „@hegefire“ hat er über 364.000 Follower, sein Buch mit praxisnahen Tipps für die Tour hilft allen, die sich ganz „old school“ auf den Weg machen wollen. Im Interview spricht Simon Hegewald über seine Leidenschaft fürs Wandern, coole Begegnungen unterwegs und Gegenden, die er unbedingt bald erkunden möchte.
Herr Hegewald, wann war der Moment, in dem Sie gemerkt haben, dass Wandern genau Ihr Ding ist?
Simon Hegewald: Verankert war das Wandern durch meine Heimat im Elbsandsteingebirge schon immer. Wir sind mit der Familie und bei Familienfeiern immer gemeinsam wandern gegangen. Mit den Teenagerjahren und in meinen 20ern ist das dann natürlich ein bisschen verschütt gegangen. Ich hatte so ein „Erweckungserlebnis“ während der Coronazeit 2020, als ich wieder anfing, Touren zu gehen und merkte: Irgendwie komme ich mit mehr Energie zurück in den Alltag, egal wie hart die Wanderung war.
Welchen Stellenwert nimmt das Wandern bei Ihnen ein? Was machen Sie sonst noch gerne im Leben?
Ich wandere häufig – aber eher kurze Touren. Ich bin der absolute Schönwetter-Ausflugswanderer. Ich habe auch noch nie eine Alpenüberquerung oder so einen Marathonmarsch gemacht. Ich glaube, das schätzen auch meine Follower. Meine Touren sind gut „nachlaufbar“, teils auch mit dem eigenen Couch-Wandermuffel daheim oder mit kleineren Kindern. Ich freue mich immer, wenn Familien mir schreiben, dass sie durch meine Videos mal wieder gemeinsam unterwegs waren. Mich findet man außer am Berg oft in der Boulderhalle, im Fitnessstudio oder im Calisthenics-Park. Im Winter habe ich dann Zeit, um Lego-Sets zu bauen, an meinen Büchern zu schreiben, zu zeichnen und mit meinem Vater Trompete zu spielen.

„Je höher man kommt, desto kleiner werden die Alltagsprobleme“, sagt Simon Hegewald. Foto: Simon Hegewald
Was lieben Sie denn am allermeisten am Wandern?
Je höher man kommt, desto kleiner werden die Alltagsprobleme. Das Wandern in der Natur hat für mich den berühmten „Zoom-out-Effekt“. Eigentlich haben den nur Astronauten, wenn sie auf den Erdball schauen (lacht). Pfade finden, versteckte Aussichten entdecken, kleine Überraschungen am Wegesrand und die Herausforderung, seine vorher festgelegte Route genauso zu schaffen: Das macht irgendwie glücklich.
Und wie kam es zu der Verknüpfung Wandern und Social Media?
2020 habe ich während Corona damit angefangen. Ich habe kleine Wander- und Ausflugstipps auf Tiktok und Instagram gegeben und die Leute fanden es super, weil viele genau in derselben Situation steckten wie ich: Wohin am Wochenende, wenn alles zu hat und einem die Decke auf den Kopf fällt?
Und nervt das nicht, wenn man unterwegs immer Content generieren muss? Wandern Sie auch einfach mal so drauflos – ohne den Trip mit Arbeit zu verbinden?
Ich stelle mir da immer eine Kontrollfrage: Würdest du auch diese Touren und Videos machen, wenn du keine Kanäle oder null Follower hättest? Diese Frage konnte ich bis jetzt immer mit Ja beantworten. Auch vor meiner Social-Media-Zeit habe ich immer Videos von meinen Ausflügen gemacht und dann halt meine Freunde und Familie damit genervt. Wir alle kennen doch noch Opas Dia-Shows: zwei Stunden Urlaubsdias am Stück mit der Familie schauen. So einer wäre ich dann wohl ohne meine Kanäle (lacht).

Keine Wanderung ohne Pause. Foto: Simon Hegewald
Früher hat das Wandern ja bei manchen fast schon ein angestaubtes Image gehabt, aber heute ist es auch bei vielen jüngeren Leuten wieder angesagt. Wie kommt das?
Ich vermute, dass es in allem diese Wellenbewegungen gibt und Trends einfach immer wiederkommen. Ich vermute aber genauso, dass Wandern lange im Trend bleiben wird, gerade bei jungen Menschen. Durch die sozialen Netzwerke, den Individualismus und die tolle Verfügbarkeit von Top-Wanderwegen in ganz Deutschland ist diese Freizeitbeschäftigung der perfekte Ausgleich zu unserem convenient-urbanen Alltag. Nicht jedes Land hat diese Verfügbarkeit. Immer wieder lese ich ungläubige Kommentare von jungen Leuten, besonders aus Großstädten: „Das liegt doch niemals in Deutschland!“ Viele kennen den Harz, das Elbsandsteingebirge oder den Spreewald überhaupt nicht. Sie haben noch nie davon gehört und waren noch nie da. Für viele öffnet sich durch die Social-Media-Beiträge eine komplett neue Welt – wohlgemerkt vor der Haustür und ohne Langstreckenflug.
Wenn jemand noch gar nie wandern gewesen ist und es jetzt mal ausprobieren möchte: Welche Tipps haben Sie?
Genau das war mein Anliegen mit meinem Buch. Routen finden, die Spaß machen und die dennoch auch für alle gleichzeitig machbar sind. Meine Tipps für Anfänger: Erstens keine Kilometer abreißen. Wandern kann man schon mit drei bis fünf Kilometern, und man darf denselben Weg auch wieder zurückgehen. Zweitens: Keine Angst vor Höhenmetern: Gerade Eltern suchen oft flache Wanderungen aus. Diese sind aber für Kinder eher langweilig. Sucht euch kurze steile und leicht „kraxelige“ Touren mit einem Aussichts-Highlight. Kinder lieben das und kommen danach gern wieder mit. Und drittens: Alles, was man fürs Wandern braucht, hat man eigentlich daheim. Außer Schuhe. Gute, rutschfeste Wanderschuhe sind wichtig! Sneaker sind nicht fürs Wandern geeignet. Der Halt im Wanderschuh gibt Sicherheit und Selbstvertrauen. Am besten man lässt sich da genau beraten und investiert einmalig auch ein wenig mehr Geld dafür.
Können Sie sich an ein ganz besonders schönes Erlebnis beim Wandern erinnern?
Es sind lustige Begegnungen wie zum Beispiel mit einem Chor und einer Band, die im Wald geprobt haben. Und einmal habe ich vermutlich einen kleinen Meteoriten ins Feld neben mir einschlagen sehen, das hat laut geknallt und gezischt – leider habe ich ihn nicht gefunden, sonst wäre ich reich! Es sind mittlerweile aber vor allem die Begegnungen mit meinen Followern. Das ist immer witzig, weil sie oft wegen meiner Videos oder meines Buches da sind und ich dann plötzlich wie eine Wachsfigur-Requisite auftauche. Es ist wirklich schön zu sehen, dass Social Media auch positiv wirken können und Freundesgruppen und Familien zusammenbringen.
Und gab es auch mal so eine richtige Pleiten-Route? Wenn ja, was ist schief gegangen?
Die Pleiten und Pannen sind eigentlich oft Kleinigkeiten, die sich dann aber am Berg zum „großen“ Problem aufbauschen können: Route nicht aufs Handy heruntergeladen, kein Empfang oder kein Akku, kein Bargeld für die Berghütte oder statt zur Burgruine Hohengundelfingen zur Burgruine Hohenhundersingen gefahren.
Wenn Sie mal in Bayern auf Tour gehen: Was gefällt Ihnen dort am meisten?
Es sind natürlich die Klassiker: Chiemgau, Berchtesgaden, Allgäu. So eine Vielfalt an Klammen, Gipfeln, Bergseen und Klettersteigen! Ich habe aber auch die bayerischen Mittelgebirge für mich entdeckt: Fichtelgebirge, Fränkische Schweiz, Oberpfälzer Wald – wieder ganz anders und für sich einzigartig.

Wandern erdet – erst recht bei der Rast auf so einer Baumwurzel. Foto: Simon Hegewald

Hegewalds Buch voller Tipps zum entspannten Wandern ist im letzten Jahr erschienen. Foto: Belser Verlag
Sie haben es schon erwähnt: Sie sind nicht nur bei Social Media aktiv, sondern es gibt auch das Buch „Entdecke wo du lebst“. Welche Reaktionen hat es darauf gegeben und sind es die Fans von Insta und Co., die das zur Hand nehmen, oder sind das auch ganz andere Leser, die vielleicht nichts mit Social Media zu tun haben?
Das Buch hat für mich alles verändert. Es war als Ergänzung zu meinen kurzen Videos gedacht. Viele wollen natürlich nach den Videos genaue und detaillierte Infos haben. Früher habe ich die Fragen dann immer in den Direktnachrichten beantwortet – jetzt übernimmt das zum Glück mein Buch. Dadurch, dass es überall im klassischen Buchhandel ausliegt, sind auch viele erst durch das Buch auf mich gekommen und ich höre immer wieder, dass es Mund-zu-Mund-Propaganda-mäßig im Freundeskreis weiterempfohlen wird. Ein besseres Feedback kann es für mich nicht geben. Ich bekomme in der Woche drei bis fünf Fotos von Lesern, die das Buch mit auf ihre Touren nehmen, und ich habe selbst auch schon eine Frau beim Wandern mit meinem Buch sitzend entdeckt. Das ist einfach schön. Bei Signierstunden kommen Menschen mit ihrem Buch, dass mit Zettelchen bunt markiert ist – es wird richtig damit „gearbeitet“! Die außergewöhnlichsten Nachrichten sind die, die ich von Menschen bekomme, die krank sind oder eine schwere OP hatten und das Buch als Motivation nehmen, um schnell wieder auf die Beine zu kommen, um einige der Touren machen zu können.
Gibt es einen Ort zum Erwandern, der noch ganz dringend auf Ihrer Bucket List steht?
Ich möchte unbedingt in Tschechien wandern. Das Böhmische Paradies und die Böhmische Schweiz faszinieren mich aktuell sehr und sind noch eher unbekannt im Vergleich zu Südtirol, dem Elsass und anderen.
Das Interview führte Kai-Uwe Digel.
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