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Auf der Walz

Im Dienste der Tradition

Foto: Anna Wagner

Zu Fuß ohne Geld und Handy unterwegs: Für Zimmerer Franz Neuner war dies jahrelang Alltag

Franz Neuner ist gelernter Zimmerer aus Antholing im Landkreis Ebersberg in Oberbayern. Im Mai dieses Jahres kam der 27-Jährige nach fast vier Jahren auf der Walz zurück. Im Gespräch hat er uns verraten, wie man heutzutage ohne Geld und Smartphone reisen kann, welche Erlebnisse er hatte und was er handwerklich dazugelernt hat.

Herr Neuner, warum sind Sie auf die Walz gegangen?

Franz Neuner: Während meiner Lehrzeit habe ich mitbekommen, dass es die Walz gibt, und fand diese mehr als 700 Jahre alte Tradition total interessant. Früher war die Walz fester Bestandteil der Berufsausbildung im Handwerk. Nach der Gesellenzeit folgten die Wanderjahre, in denen die jungen Handwerker umherzogen und an verschiedenen Orten ihr Können erweiterten. Ich war von der Idee begeistert, auf Reisen den Umgang mit anderen Menschen kennenzulernen und handwerklich viel dazuzulernen.


Sie waren drei Jahre und zehn Monate unterwegs. War das so geplant?

Man muss ja mindestens drei Jahre und einen Tag auf der Walz sein. Bei mir kamen noch sieben Wochen als Aspirant, also als Anwärter, dazu. Diese Zeit zählt bei uns noch nicht zur Mindestreisezeit dazu. Ich bin im Juli 2021 losgegangen und wäre dann nach drei Jahren plus Aspirantenzeit Ende Herbst 2024 heimgekommen. Nach so langer Zeit draußen wollte ich nicht im Winter daheim sitzen müssen. Da war mir der Frühling und Sommer mit den ganzen Festen im Freien viel lieber. Deshalb habe ich ein paar Monate angehängt.

Man sieht sie nicht oft, aber es gibt sie noch: Handwerker auf der Walz. Franz Neuner, hier nicht abgebildet, ist im Rolandschacht gereist.

Man sieht sie nicht oft, aber es gibt sie noch: Handwerker auf der Walz. Franz Neuner, hier nicht abgebildet, ist im Rolandschacht gereist. Foto: Adobe Stock

Sie sind ein sogenannter Rolandsbruder beziehungsweise im Rolandschacht gereist. Was bedeutet das?

Es gibt verschiedene Wandergesellenvereinigungen, sogenannte Schächte, die ich mir im Vorfeld angeschaut habe. Die Rolandsbrüder gibt es seit 1891, die pflegen meiner Meinung nach einen guten Umgang mit alten Traditionen und modernen Themen. Dazu waren mir die Leute gleich sympathisch.


Wo haben Sie Ihre Kollegen aus dem Rolandschacht getroffen?

Mich haben zwei Rolandsbrüder aus Württemberg abgeholt, ebenfalls Zimmerer. Mit ihnen war ich die ersten drei Monate unterwegs. Während dieser Zeit haben mich die beiden, meine sogenannten Exportgesellen, genau unter die Lupe genommen und geschaut, ob ich ein anständiger Kerl bin, der zu den Rolandsbrüdern passt. Erst danach bin ich in die Gesellenvereinigung aufgenommen worden. Den Rest der Vereinigung habe ich dann nach und nach kennengelernt.


Ihre Wanderzeit hat Sie von Marokko bis ans Nordkap geführt. Wussten Sie schon vorher, wo Sie hinwollten?

Eigentlich wollte ich nach Australien, Kanada und in die USA, aber das ist alles nichts geworden (lacht). Wir wollten 2023 zu viert nach Kanada fliegen, aber dann gab es Probleme mit dem Visum eines Kollegen. Stattdessen sind wir dann spontan nach Norwegen, haben dort zwei Monate gearbeitet und sind bis ans Nordkap gereist. Und das war deutlich weiter von Bergen weg als wir anfangs dachten.


Das sind Sie alles zu Fuß gegangen?

Nein, ich bin fast alles per Anhalter gefahren, manchmal hat uns auch ein Zug kostenlos mitgenommen. Die längste Strecke zu Fuß war von Flensburg bis Erfurt. Auf dem Weg von Spanien nach Casablanca in Marokko sind wir zum Beispiel mit Zug, Bus und Fähre gefahren. Denn in Spanien ist das Trampen für Wandergesellen ziemlich schwierig.

„Du bist kein Tourist, sondern gehörst automatisch dazu“

Welche Begegnungen sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Die allermeisten Menschen sind sehr freundlich und hilfsbereit. Einmal hat eine fremde Frau für uns die Übernachtung im Hotel bezahlt – für sechs Leute, einfach so. In Salzburg haben wir im Franziskanerkloster übernachtet und sind am nächsten Morgen mit den Mönchen zur Frühmesse gegangen. Beim anschließenden Frühstück haben sich viele interessante Gespräche ergeben. Man begegnet einfach jedem Menschen auf Augenhöhe. Vom Obdachlosen bis zum thüringischen Ministerpräsidenten hatte ich viele spannende Unterhaltungen.

Franz Neuner (rechts) mit einem Wandergesellen.

Franz Neuner (rechts) mit einem Wandergesellen. Foto: Anna Wagner

Welche handwerklichen Fähigkeiten haben Sie auf der Walz gelernt?

Das waren viele an verschiedenen Orten: Im Allgäu habe ich Fassadenschindeln gelernt, danach war ich auf einer Burgbaustelle. In der Oberpfalz habe ich bei einem Projekt zum ökologischen Bauen neue Fachwerkhäuser errichtet und im Ahrtal dann zwei Jahre nach der Flutkatastrophe Fachwerkhäuser restauriert. In Ostfriesland habe ich das Reetdachdecken gelernt, in Südtirol eine neue Almhütte in Blockbauweise errichtet und in Norwegen 300 Jahre alte Almhütten wieder hergerichtet.


Was haben Sie über sich selbst gelernt?

Ich sehe mich selbst als weltoffenen und sehr toleranten Menschen, musste aber während der Wanderschaft meine Vorurteile überarbeiten. Zum Beispiel in der Schweiz, wo die Deutschen kein gutes Image haben und als Billiglohnarbeiter gesehen werden. Insgesamt habe ich gelernt, keine Pläne zu machen, sondern aus jeder Situation das Beste. Einfach spontan reagieren, positiv denken und handeln. Dann entsteht immer was Cooles (lacht).

Wo zieht es Sie jetzt beruflich hin mit all Ihren neuen Fähigkeiten?

Zurzeit arbeite ich in einem Sägewerk, das mit Transmissionsantrieb läuft, und lerne das handwerkliche Arbeiten mit diesen komplexen Maschinen. Nächstes Jahr will ich auf die Meisterschule gehen und mich langfristig in Richtung Denkmalschutz orientieren. Die Arbeit an alten, erhaltenswerten Gebäuden hat mir auf der Walz viel Freude gemacht.


Können Sie die Walz jungen Handwerkern in der heutigen Zeit empfehlen?

Unbedingt! Das ist so eine wertvolle Erfahrung. Man setzt sich mit vielen Menschengruppen und Thematiken auseinander und ist zugleich in einer privilegierten Situation. Als Wandergeselle bist du kein Tourist, sondern gehörst automatisch dazu. Entgegen meiner Pläne war ich viel im deutschsprachigen Raum unterwegs und habe festgestellt, wie interessant und facettenreich unser Kulturkreis ist.


Menschen in Ihrem Alter nutzen für fast alles ihr Smartphone, sie navigieren und bezahlen per App. Wie war es für Sie, ohne Handy und ohne Geld zurechtzukommen?

Ich habe viel über Geografie und Orientierung gelernt. Landkarten sicher zu lesen und sich fast schon unbewusst von Himmelsrichtungen leiten zu lassen. Nach zwei Wochen etwa hat man sich daran gewöhnt, kein Handy mehr zu haben. Auf der Walz ist es ein ganz anderer Lebensstil – wie in einer anderen Zeit. Wenn man eine Arbeitsstelle hat, bekommt man das ortsübliche Gesellengehalt gezahlt. Wenn man unterwegs ist, muss man schauen, wie man durchkommt.


Das Gespräch führte Silvia Schwendtner.

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