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Kultur

Perfekte Kulisse

Foto: Christian Haas

Wer „Rocky Horror“ mag, wird „Jockels boarische Gruselgschicht“ auf der Rundinger Burgruine lieben

So erhaben die Aussicht auch ist: Im Bayerischen Wald locken weitaus höhere Aussichtspunkte als der östlich von Cham gelegene Rundinger Schlossberg mit seinen 543 Metern. Einmalig jedoch gestaltet sich das Ausmaß der dort befindlichen Ruine. 15.000 Quadratmeter misst Bayerns größtes archäologisches Freilichtmuseum, das trotz dieses Rekords alles andere als overtourism-gefährdet ist. Reguläre Besucher haben das kostenlos und rund um die Uhr zugängliche Gelände samt Infotafeln oft sogar ganz für sich allein.

Richtig was zu sehen gibt es ja auch nicht, für Begeisterung sorgt eher das Setting aus steinernen Überresten und urwüchsiger Natur: eben der weite Blick, die rudimentären Überbleibsel von Toren, Palas und Zwinger sowie ein aufregend-aufragendes Turmgerippe und ein 400 Meter langer Wall. Wie es einst auf der vor rund 900 Jahren gegründeten und lange Zeit größten Burganlage des Bayerischen Walds zuging, kann man sich mit etwas Fantasie gut vorstellen. Die hatten vor Jahren auch die „Burgfreunde Runding“ und andere Mitstreiter, als sie das Potenzial als Eventlocation erkannten. Das „Burgfest mit Musik“ und das Naturpark-Jubiläumsfest kamen 2023 gut an.

Tagaufnahme vom vollen Zuschauerraum Rundinger Burgruine. Das Publikum wartet auf eine Vorband, auf der Bühne eine noch leere Leinwand.

 Bevor Toni und Vroni mit ihrem Traktor liegenbleiben, bringt die Vorband die Zuschauer richtig in Stimmung. Foto: Christian Haas

Für regelrechte Euphorie sorgte im vergangenen Sommer jedoch „Jockels boarische Gruselgschicht“, die zur „Erfolgsgschicht“ mutierte. Zwölf ausverkaufte Vorstellungen brachten über 4000 Zuschauer, fast doppelt so viel wie Runding Einwohner zählt. Wie das geht? Es kommen auch etliche Besucher aus Cham, der Regensburger Ecke und von noch weiter her. Und freuen sich, dass sie von den vier Unterkünften der Gemeinde allesamt fußläufig zum Veranstaltungsort gelangen. Wie? Einfach den anderen Besuchern hinterher- und den Hügel hinauflaufen. Manche haben Decken dabei, andere Picknickkörbe. Geschminkt oder verkleidet, wie bei „Rocky Horror“-Events oft üblich, sind die wenigsten. Vermutlich liegt es daran, dass man noch nicht weiß, wie viel davon wirklich im „Jockel“ steckt.

 Sonnenuntergang an der Rundinger Burgruine. Publikum wartet, die Bühne ist noch leer, bereits beleuchtet; auf der Leinwand ein weiblicher Mund in Blau.

Das Publikum hat eine schöne Auswahl an Speisen und Getränken, darf aber auch die eigene Brotzeit mitbringen. Foto: Christian Haas

Nach ein paar Takten, die pünktlich zum Sonnenuntergang auf der zwischen Felsen und Burgresten kreativ hineingetüftelten Bühne erklingen, wird klar: eine Menge! Die Melodien sind ja ohnehin Kult, doch von wegen x-ter Abklatsch der Musik-Horrorkomödie. Sandrina Sedona, die mit David Hasselhoff, Paul Young und weiteren Stars gesungen hat und vom Bayerischen Rundfunk eine „Lebenslinien“-Sendung gewidmet bekam, schrieb sie um. Und zwar auf Bairisch, Anspielungen auf „Monaco Franze“ und „Irgendwie und sowieso“ inklusive.

So heißt das erst spießige, dann zügellose Brautpaar nicht wie im Film Brad & Janet, sondern Toni und Vroni. Das hat statt einer Auto- eine Traktorpanne, was via Videoeinspieler für Lacher sorgt. Der Erzähler wiederum ist „der Binser“ und sitzt, noch so ein Clip, biertrinkend im Wirtshaus. Ja, und statt Rocky im Gold-Slip mimt der nur eine Lederhose tragende Jockel das Kunst- und Lustobjekt des verrückten Wissenschaftlers. Dessen Name: nicht Frank N Furter, sondern Franz der Further. Grandios gespielt wird der sehr freizügig gekleidete Herr, der sich als Außerirdischer vom Planeten Transsexual Low Bavaria entpuppt, übrigens von Roland Schmuderer. Der 57-Jährige aus dem nahen Bad Kötzting hatte auch die Idee zu dem Projekt und ist Hauptdarsteller, Veranstalter und Produzent in Personalunion. Auch durch weitere Mitwirkende aus der Region ist der Bezug zum Aufführungsort groß.

Aus Dr. Frank N. Furter wird auf der Rundinger Burgruine schlicht „Franz der Further“. Der ist nicht minder verrückt als sein Pendant aus der Rocky Horror Show.

Foto: Veranstalter

„Mach ma den Zeitsprung mitnand“– Da ist das Publikum begeistert dabei

Nicht groß, aber zumindest latent da gewesen sein dürfte bei manchem Zuschauer die Skepsis, ob der laut Ankündigung „einzigartige Trip aus irrsinniger Dekadenz, ausschweifender Sexualität und explosiven Enthüllungen“ auch in der neuen Form zündet. Doch die Bedenken verschwinden noch schneller als die Sonne hinter den Nachbarhügeln: Das Publikum ist sofort dabei, die Stimmung ausgelassen, auch weil „die Musi“ von Band-Leader Chris Sedona und seinen drei Kollegen live gespielt wird – so wie auch die Darsteller live singen. Da gibt es für das Publikum, das unorthodox mal auf Stühlen, mal auf Bierbänken oder gar Heuballen in dem unebenen Areal sitzt, oft kein Halten mehr. Etwa bei der Aufforderung beim „Time Warp“: „Mach ma den Zeitsprung mitnand!“

Überhaupt scheinen alle beseelt, von Rundings Bürgermeister Franz Kopp, der zu Beginn schmissige Worte spricht, über Bauchladenverkäufer, die stilecht in Strapsen Hochprozentiges unters Volk bringen, bis hin zu den Mitarbeitern der drei Standl im Seitenbereich. Die bieten allerlei Getränke und statt Bratwurst und Co. sogar veganes Chili an, selbst während der Vorstellung. In der Zeit davor, als eine Vorband gut einheizt, und in der Pause sowieso. Und statt wie anderswo das Publikum mit Sperrbändern so schnell wie möglich rauszuscheuchen, ist es hier auch danach willkommen. Man stößt an, lacht, schart sich um ein Lagerfeuer und fühlt sich angesichts der noch immer geschminkten Schauspieler, der mittelalterlichen Ruine und den teils doch sehr stark Dialekt sprechenden Woidlern selbst wie in einem bizarren Kosmos.

Die Besetzung des Musicals „Jockels boarische Gruselgschicht“ auf der Bühne am Ende der Show.

Großer Applaus und ein guter Wunsch ans Publikum am Ende der Show. Foto: Christian Haas

Wer den erleben will: Zwischen 30. Juli und 16. August 2026 (jeweils Donnerstag bis Sonntag) finden zwölf Aufführungen statt. Ob der „Jockel“ gar zur Dauereinrichtung wird? Die Nachfrage jedenfalls ist dieses Jahr so groß, dass bereits weitere Termine – darunter im Augsburger Kesselhaus und im Oktober im Münchner Circus Krone – angekündigt sind. Damit fällt zwar die Wetterungewissheit weg, aber eben auch die grandiose Ruinenkulisse. 

Christian Haas

Weitere Infos unter runding.de | burg-runding.de | jockels.com.

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