Es mag Künstler geben, die sich allein ins stille Kämmerlein zurückziehen, um etwas zu schaffen. Hubert Treml gehört wahrscheinlich eher nicht dazu. Denn Kunst ist Begegnung – davon ist er überzeugt, das steht auch nachzulesen auf seiner Homepage. Dort findet, wer ihn noch nicht kennt, unter anderem eine kleine Übersicht an Videos, die einen ersten Eindruck davon geben, wie unterhaltsam, nachdenklich, herzlich, musikalisch und vor allem so etwas von nie langweilig Treml ist. Aber am besten sollte man sowieso gleich nach einem freien Termin suchen, wann man ihn live als Lesenden seiner Poesie oder eben als Musiker, Kabarettisten und „leidenschaftlichen Bühnenmenschen“ (Treml über Treml) erleben kann. Natürlich zeigt sich auch und erst recht vor Publikum sein Witz, seine Weltoffenheit und tiefe Verbundenheit mit der Oberpfalz, in deren Dialekt er meistens künstlerisch unterwegs ist und was ihm nicht zuletzt auch den Kulturpreis 2024 des Bezirks Oberpfalz eingebracht haben dürfte. Im Gespräch schildert Hubert Treml, was ihn mit der Oberpfalz verbindet und was er an diesem Landstrich so schätzt.
Herr Treml, was hat Sie als gebürtigen Tauberfranken in den bayerischen Osten verschlagen?
Hubert Treml: Ich kam zufällig in Bad Mergentheim zur Welt, weil meine Eltern dort kurzzeitig „im Exil“ lebten. Beide stammen aber schon aus der Oberpfalz, aus Dietersdorf. Seit meinem vierten Lebensjahr bin ich in Weiden aufgewachsen und habe dort Abitur gemacht. Es folgte ein Theologiestudium in Würzburg mit Promotion und ein Aufenthalt in Freiburg als Lektor.
Und dann wieder zurück zu den oberpfälzischen Wurzeln?
Meine Frau hatte nach dem Ende ihres Studiums Bewerbungen verschickt und Zusagen aus Mainz, Rüsselsheim, München und Regensburg bekommen. Sie entschied sich für Regensburg. Und dort war es für mich einfach, ab 2000 als freischaffender Künstler zu starten.
Wieso war das einfach?
Das war Zufall – oder Fügung? Ich habe dort den Pianisten Franz Schuier getroffen, wir sind beide Fans von Bruce Springsteen und hatten Lust auf ein Projekt mit seinen ins Oberpfälzisch übersetzten Liedern. Wir nannten uns b.o.s.s., kurz für „brucig ogrichte singa songs“. Das kam richtig gut an damals, zu dieser Zeit gab es wieder mehr Sehnsucht nach Mundart-Liedern auf den Bühnen, und so hatten wir Einladungen aus ganz Bayern. Wobei wir bei Auftritten vor allen Dingen in Niederbayern doch Ressentiments feststellen mussten.
Gegen Ihren Dialekt?
Ja, der Niederbayer sagt zum Beispiel für „Kuh“ „Kuah“ und der Oberpfälzer „Kouh“. Und viele im südlicheren Bayern finden das dann nicht als „anderen“ bairischen Dialekt – wie wir Oberpfälzer jetzt etwa das Niederbairische hören –, sondern gewissermaßen als „falsch“!
Der Oberpfälzer wäre demnach toleranter?
Naja, nicht unbedingt. Aber ich habe Wohnwagen gesehen mit dem Aufkleber „Ich bin stolz, aus Niederbayern zu sein“, was mir in der Oberpfalz jetzt noch nicht so aufgefallen wäre.
Es ist sowieso unsinnig, auf eine Gegend, ein Land, eine Fußballmannschaft oder sogar die eigenen Kinder stolz zu sein. Dafür kann man ja nichts …
Genau. Stolz ist für mich kein guter Begriff und in der spirituellen Theologie rückt Stolz ja eher in Richtung Sünde im Sinn von Hochmut, von Hybris. Ich sage da lieber: „Ich freue mich, ich bin dankbar.“ Ich habe dazu mal ein Lied geschrieben, das von der Oberpfalz handelt, und dessen Refrain lautet: „Da ist kein Stolz/da ist Dankbarkeit/und ich hoffe, es ist in Deinem Sinn/dass ich ein Patriot des Universums bin.“ Und obwohl ich viel im Dialekt singe, zähle ich mich nicht zu den Mundartbewahrern. Denn ich bin zwar groß geworden mit diesem schönen Dialekt, aber Sprache verändert sich immer. Ein Mundartforscher sagte mir mal: Früher gab es 100 Begriffe für die verschiedenen Teile an einem Leiterwagen, die braucht heute keiner mehr, weil es kaum noch Leiterwagen gibt. Vor Jahrhunderten hat man hier nicht so gesprochen wie heute, und in wenigen Jahrhunderten wird sich auch wieder vieles geändert haben. Das ist ganz normal.

Hubert Treml liest seine Texte auch gerne vor Publikum in Buchläden und natürlich auf der Bühne vor. Unlängst ist auch sein Gedichtband „Südbalkon. 365 gereimte Ausflüge in den Tief- und Leichtsinn“, 368 Seiten, für 19,80 Euro als Tagesabreißkalender erschienen. Den kann man auch auf seiner Homepage huberttreml.de bestellen. Foto: Melanie Flemme
Wofür also sind Sie dankbar in der Oberpfalz?
Für die Landschaft, die Gegend ist wunderschön, eine Bilderbuchgegend. Das ist noch nicht überall so angekommen, weil die Oberpfälzer es nicht so vermarkten, wie es etwa schon seit Ewigkeiten im Alpenvorland für den Tourismus geschieht, die damit das Bild des Bayern und von Bayern überhaupt geprägt haben.
Diese Zurückhaltung ist sehr sympathisch.
Ja, aber wenn Sie auf der B15 von Weiden nach Tirschenreuth fahren, die Hügellandschaft ist fantastisch, da fühle ich mich zuhause, der Pfreimdtalradweg, der Bockl-Radweg, was Sie da alles sehen und genießen können! Oder fahren Sie mal im Sommer von Tännesberg nach Nordwesten, das erinnert an die Toskana. Dann das ganze Waldnaabtal! Und immer auch der Blick in die Weite und über die Wälder bei Parkstein bis Waldeck. Aber dann so richtig tief im Bayerischen Wald leben, das wäre mir auf die Dauer zu eng. Ich bin halt sanfte Hügel gewohnt, weil ich aus Weiden komme. Es fehlt in der Oberpfalz eigentlich nur das Meer, dafür haben wir eine sehr schöne Seenplatte bei Wackersdorf bekommen, wo früher Braunkohle abgebaut wurde.
Es hat sich ja viel verändert, die Bergbau- und Stahlindustrie ist verschwunden, die Gegend ist nicht mehr Zonenrandgebiet wie im Kalten Krieg …
Aber ja, die Oberpfalz hat sich gemausert, früher abgelegen, mit steinigen Böden, heute Durchgangsgebiet in Mitteleuropa. Auf alten Fotos aus der Nachkriegszeit und bis in die 1970er-Jahre findet man schon ziemlich finstere Gestalten, inzwischen ist es allgemein viel heller geworden, offener – so mein Eindruck. Aber das hat sich ja überall so entwickelt. Zum Beispiel muss man muss nicht mehr katholisch oder evangelisch heiraten.
Was schätzen Sie noch außer der Landschaft?
Zum Beispiel die Zoiglkultur, eine alte Kommunbrautradition. Die Leute brauen kleine Mengen Bier und laden Gäste zu sich in die Stube ein. Da gehört man gleich dazu, hat mir neulich sogar ein Zuhörer in München vorgeschwärmt, der eine Zeitlang in Tirschenreuth gelebt hat. Das entspricht in etwa der Heckenwirtschaft mit Wein in Franken oder den Straußenwirtschaften in der Freiburger Gegend. Mir gefällt natürlich obendrein das große kulturelle Angebot. Es gibt viele Künstler, die durchaus auch den Dialekt nutzen, von den Raith-Schwestern, die Amberger Band Los Dos y Compañeros, die Salsa macht, die Kabarettisten von Barbari Bavarii, den Hiphopper B-BOU bis zu dem wunderbaren Kollegen Wuffi Kamm, dazu Einrichtungen wie die Kulturscheune in Elbart oder der Schafferhof bei Windisch-Eschenbach und die Szene in Regensburg.

Hubert Treml ist vieles: Bühnenmensch, Musiker, Poet – und Oberpfälzer. Geistreich und unterhaltsam ist der Meister der Mundart immer. Foto: Melanie Flemme
Regensburg hat sich gemacht, oder?
Früher, in den siebziger Jahren noch, war das ein dreckiger und dunkler Ort, überall Ruß, heute wirkt es wie eine italienische Renaissance-Stadt. Jetzt ist scheinbar Geld da gewesen, wegen der großen Firmen fließen die Gewerbesteuern. Es gibt nun durchaus auch eine „Schicki-Micki“-Szene, wie man sie wohl auch in München findet, die Mieten steigen. Wichtig: Die Fußgängerzone hält die Autos raus. Und trotzdem ist der Dom immer irgendwo eingerüstet, oder hat das Schottenportal einen Glaskasten davor bekommen, weil die städtische Luftbelastung scheinbar alles zerfrisst.
Sie sind ziemlich kritisch gegenüber Regensburg …
Naja, ich lebe seit über 25 Jahren in Regensburg, aber die Regensburger fühlen sich nicht als Oberpfälzer, was es für meine Kunst hier in der Stadt etwas schwerer macht. Für etliche markiert seit eh und je der Pfaffensteiner Tunnel im Norden die Grenze. Fühlt sich also gar nicht so zur Oberpfalz gehörig. Hier spricht man ja auch anders. Das alles hängt sicherlich auch damit zusammen, dass Regensburg jahrhundertelang als freie Reichsstadt ein eigener Kleinstaat war. Weil Regensburg so mit der Oberpfalz fremdelt, habe ich mich dereinst dagegen gewehrt, als ich einen Sprachführer Oberpfälzisch gemacht habe und der Verleger auf das Titelbild den Regensburger Dom nehmen wollte, so wie man das bei einem französischen Sprachführer mit dem Eiffelturm in Paris oder bei einem italienischem mit dem Kolosseum in Rom machen würde.
Was haben Sie vorgeschlagen?
Die Kappl bei Waldsassen, ein barocker Rundbau aus dem späten 17. Jahrhundert, ein Wallfahrtsort. Die Kirche thront über drei Gebirgen: Fichtelgebirge, Oberpfälzer Wald und Böhmerwald, das ist durchaus ein Wahrzeichen für die Oberpfalz.
Gibt es etwas, was Ihnen an der Oberpfalz nicht gefällt?
Da fällt mir jetzt spontan gar nichts Spezifisches ein.
Das Gespräch führte Peter Bierl.
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