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Natur erkunden

Exkursion zum Artenreichtum

Foto: Horst Kramer

Biologe Wolfgang Diewald erklärt die besondere Flora vom Großen Pfahl, „Bayerns schönstem Geotop“

Eben noch hat Wolfgang Diewald seine Exkursionsgruppe auf einige Exemplare des Weichen Lungenkrauts (Pullmonaria mollis mollis) hingewiesen, eine streng geschützte, gerade im Bayerwald äußerst seltene Pflanze mit blau-violetten behaarten Blüten. Als er plötzlich innehält. In einem nahen Teich hat er wohl ein Gewächs entdeckt. Er sprintet los, sein langer Zopf, der unter dem Strohhut hervorlugt, hat Mühe, ihm zu folgen. Teilnehmerinnen und -teilnehmer der Frühlingswanderung ebenso. Der erfahrene Botaniker und Spezialist für die Fauna Niederbayerns steigt zum Ufer hinunter, fischt einige Blättchen heraus und schüttelt den Kopf: „Die sollte es hier eigentlich gar nicht geben.“ Es handelt sich um Blätter des Europäischen Froschbisses (Hydrocharis morsus-ranae), ein typischer Bewohner nährstoffreicher Teiche.

Hat eigentlich gar nichts am Großen Pfahl verloren: der Europäische Froschbiss, eine Wasserpflanze, ein Anzeiger für ein nährstoffreiches Gewässer

Hat eigentlich gar nichts am Großen Pfahl verloren: der Europäische Froschbiss, eine Wasserpflanze, ein Anzeiger für ein nährstoffreiches Gewässer. Foto: Horst Kramer

Eben noch hat Wolfgang Diewald seine Exkursionsgruppe auf einige Exemplare des Weichen Lungenkrauts (Pullmonaria mollis mollis) hingewiesen, eine streng geschützte, gerade im Bayerwald äußerst seltene Pflanze mit blau-violetten behaarten Blüten. Als er plötzlich innehält. In einem nahen Teich hat er wohl ein Gewächs entdeckt. Er sprintet los, sein langer Zopf, der unter dem Strohhut hervorlugt, hat Mühe, ihm zu folgen. Teilnehmerinnen und -teilnehmer der Frühlingswanderung ebenso. Der erfahrene Botaniker und Spezialist für die Fauna Niederbayerns steigt zum Ufer hinunter, fischt einige Blättchen heraus und schüttelt den Kopf: „Die sollte es hier eigentlich gar nicht geben.“ Es handelt sich um Blätter des Europäischen Froschbisses (Hydrocharis morsus-ranae), ein typischer Bewohner nährstoffreicher Teiche.

Diewalds Erstaunen hat einen Grund: Die Böden am Großen Pfahl sind eigentlich extrem nährstoffarm und sauer. Dass sich ein Wassergewächs wie der Froschbiss hier wohlfühlt, zeigt eine signifikante ökologische Veränderung an, zumindest, was diesen speziellen Ort betrifft.

Blick auf die Ostseite des Großen Pfahls. Die langen, schlanken Bäume auf dem Kamm sind eingebürgerte Weymouthkiefern, die kleinen hingegen heimische Latschenkiefern. Im Windschatten darunter einige Hängebirken. Unten am Fuß leben die typischen Pflanzenarten eines kargen Bodens: Heidekraut, Besenheide und Blaubeeren.

Blick auf die Ostseite des Großen Pfahls. Die langen, schlanken Bäume auf dem Kamm sind eingebürgerte Weymouthkiefern, die kleinen hingegen heimische Latschenkiefern. Im Windschatten darunter einige Hängebirken. Unten am Fuß leben die typischen Pflanzenarten eines kargen Bodens: Heidekraut, Besenheide und Blaubeeren. Foto: Horst Kramer

Der Große Pfahl ist eine einzigartiges geologisches Denkmal, laut dem Landesamt für Umweltschutz sogar „Bayerns schönstes Geotop“. Eine dramatische Felsenformation, komplett aus Quarzgestein, Teil eines 150 Kilometer langen Quarzzugs von der Oberpfalz bis Passau. Dieser sogenannte Quarzgang trennt den Vorderen vom Hinteren Bayerischen Wald. Und weil jedes Gestein seine eigenen ökologischen Bedingungen erzeugt, ist auch die Flora und Fauna rund um den Großen Pfahl einmalig.

Botanische Überlebenskünstler und Trittbrettfahrer sind hier heimisch

Der Naturpark Bayerischer Wald hat die Veranstaltung organisiert, zusammen mit dem Bund Naturschutz (BN) und dem Landesbund für Vogelschutz (LBV). Die Naturpark-Mitarbeiterin Heidi Heigl, eine Master-Biologin, hatte die Gruppe begrüßt und in die Besonderheiten des Geotops eingeführt. Zusammen mit einem Naturpark-Team kümmert sie sich auch um die Pflege der Geotop-Landschaft sowie um eine Streuobstwiese.

Detailansicht der Pflanze Weiches Lungenkraut mit Blättern und pink-violetter Blüte

Das Weiche Lungenkraut ist eine streng geschützte Art, die bei Atemwegserkrankungen hilft. Es wird oft vom Indischen Springkraut verdrängt. Unterhalb des Großen Pfahls hat das Lungenkraut ein Refugium gefunden. Foto: Horst Kramer

Quarz ist ein extrem beständiges Mineral. Es enthält praktisch keine Nährstoffe, weder Calcium noch Magnesium, Kalium oder Phosphor, wichtige Mineralien für viele Lebewesen. Deswegen finden sich am Pfahl vor allem Pflanzen, die auf Mangelumgebungen spezialisiert sind: etwa Heidekraut, Besenheide, Blaubeeren und Flechten. Pflanzenarten, auf die Diewald seine Gruppe schon beim Start am Parkplatz an der B85 aufmerksam gemacht hatte. Oder auch auf die Latschenkiefern (Pinus mungo mungo), die sich oben auf dem Felsenkamm des Pfahls klammern. Der Botaniker bezeichnet sie als „Krüppelkiefern“, hier vor Ort heißen sie „Pfahlkiefern“. Manche sollen dreihundert Jahre alt sein. „Die sind einheimisch“, stellt er fest. Im Gegensatz zu einigen Weymouthskiefern (Pinus strobus), die ebenfalls dort oben wachsen. Die „Strobe“, so der deutsche Name, ist eigentlich ein nordamerikanische Art, die aber seit mindestens 250 Jahren in Deutschland heimisch ist. Diewald nennt sie mit einem Augenzwinkern „Trittbrettfahrer“. Einige Meter weiter scheinen die Pfahlfelsen gelb angemalt zu sein. „Das sind Schwefel-Flechten“, sagt der Diplom-Biologe, der am botanischen Megaprojekt „Flora von Bayern“ mitgearbeitet hat. Flechten sind ganz besondere Lebewesen, eine Symbiose aus Algen und Pilzen. Die leuchtend gelbe, pulvrig-körnige Fels-Schwefelflechte (Chrysothrix chlorina) kommt die typischerweise auf saurem Gestein, aber auch auf Altholz vor. Sie ist indes nicht „giftig“, wie der Name suggeriert, sondern oft ein Zeichen für eine gute Luft.

Mann erklärt einer Gruppe auf Exkursion die Besonderheiten der Natur am Großen Pfahl, im Vordergrund die Gelbe Schwefelflechte

Die Gelbe Schwefelflechte liebt saures Gestein wie den Pfahlquarz, außerdem Feuchtigkeit und nicht allzu viel Sonne, wie Wolfgang Diewald der Gruppe erklärt. Foto: Horst Kramer

Im alten Quarz-Steinbruch leben heute Erdkröten und Ringelnattern

Der Pfad führt bergab durch eine Wiese. „Eigentlich sind es zwei Wiesen“, erläutert Diewald. Bergan blühen nur sehr wenige Pflanzen, bergab gen Viechtach sieht man das übliche Gelb des Löwenzahns, dazu Rotklee. „Dort unten wird gedüngt“, erläutert Diewald und zeigt nach oben: „Eine typische Bayerwaldwiese, artenarm, ertragsarm, eine echte Hungerleiderwiese.“ Derartige Wiesen werden immer seltener, ihre Pflanzenarten seien bedroht. Hier blüht wenig, vereinzelt sind Scharfer Hahnensporn und das Wiesenschaumkraut zu sehen. Auf beiden Wiesen hat das Naturpark-Team Wildobstbäume angepflanzt. Etwas weiter unten macht Diewald auf besondere Arten aufmerksam wie die seltene Schwarze Teufelskralle (Phyteuma nigrum), die trotz ihres schreckeinflößenden Namens roh verspeist werden kann, und den Großen Wiesenknopf (Sanguisorba officinalis), beides uralte Heilpflanzen mit entzündungshemmender Wirkung. Der Wiesenknopf soll zudem Blutungen stillen, wie der lateinische Name andeutet. Eine Teilnehmerin fragt nach dem Frauenmantel (Alchemilla), eine Gattung mit Dutzenden von Arten, darunter der Weiche Frauenmantel (Alchemilla mollis). „Eigentlich kann man alle Alchemilla-Arten als Tee nutzen“, betont Diewald.

Detailansicht der Heilpflanze Schwarze Teufelskralle, mit schwarz-violetten Kronblättern

Gefährlicher Name, aber heilsame Wirkung: die Schwarze Teufelskralle gedeiht gut in der Umgebung des Großen Pfahls. Foto: Horst Kramer

Immer mal wieder kreuzt eine alte Seilbahn die Route. Sie diente bis 1992 dem Abbau von Quarz, der vorwiegend als Schottermaterial für den Straßenbau eingesetzt wurde. Am östlichen Fuß des Pfahl ist ein altes Betriebsgebäude erhalten, die „Sporer-Quetsch“, benannt nach der Betreiber-Familie. Hier wurde das Pfahlgestein zerkleinert, sortiert, gewaschen und für den Weitertransport vorbereitet. Seit 2024 ist die Quetsch ein Industriedenkmal. Einer der beiden Lehrpfade des Areals leitet zu einem früheren Steinbruch, der sich inzwischen zu einem wertvollen Lebensraum für Arten wie Erdkröten, Bergeidechsen oder Ringelnattern entwickelt hat. Am eingangs erwähnten Teich sind sogar Gelbbauchunken zu hören, eine Rote-Listen-Art.

Eine Waldeidechse auf einem Stein am Geotop Großer Pfahl

Begegnung am Wegesrand: eine Waldeidechse, auch als Bergeidechse bekannt. Foto: Horst Kramer

Diewald lenkt seine Gruppe beim Rückweg auf die Westseite des Pfahl-Kamms. Hier scheinen die Felsen mit schwarzen Warzen übersät. Der Biologe identifiziert sie als Schwarze Krustenflechte (Verrucaria nigrescens). Sie sei robuster als die Gelbe Schwefel-Flechte sowie hitze- und trockenheitsresistenter und vertrage die höheren Temperaturen der Nachmittagssonne besser.

Horst Kramer

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