Zucht mit radioaktiver Strahlung Freude über bananenförmige Tomaten

Während sich Privatleute in ihren Gärten über bananenförmige Tomaten und andere Kuriositäten freuten, lösten die Wissenschaftler in den Kobalt-Plantagen allerdings Tod und Verheerung aus. Nur in den äußeren Beeten, weit entfernt von der Strahlenquelle, überlebten einige Pflanzen.

Bestrahlt wurde die gesamte Palette der wichtigsten Nahrungspflanzen. Auf den Markt gelangten unter anderem mutierter Reis, Weizen, Hafer, Raps, Mais, Soja, Erdnüsse, Bohnen viele Obst- und Gemüsesorten und Oliven. Die pilzresistente Pfefferminz-Sorte "Todd's Mitcham" ist ein Ergebnis der Zuchtversuche mit der Strahlenkanone. Nahezu die gesamte globale Pfefferminzölproduktion geht auf eine Mutante zurück. Auch die Grapefruitsorten "Star Ruby" und "Ruby Red", die heute oft in Bioläden verkauft werden, sind Nachfahren aus Atomgärten. Fast die gesamte in Europa eingebrachte Gerstenernte trägt eines von zwei Genen, die vor Jahrzehnten durch Strahlen verändert wurden und dafür sorgen, dass die Ähren auf kürzeren und stabileren Stängeln wachsen.

Mehr als 3000 per Strahlenmutation erzeugte Sorten seien seit der Gründung der IAEA auf den Markt gekommen, sagt Pierre Lagoda der die Abteilung für Pflanzenzucht und Genetik der Behörde leitet. Er schätzt die wirkliche Zahl weit höher, da Züchter ihre eigenen Strahlengewächse nicht eigens registrieren lassen müssen.

Anders als Gentechnik zählt die Mutationszüchtung zur klassischen Züchtung, die keinen strengen Zulassungsprotokollen folgen muss. Deshalb lässt sich heute auch nicht mehr nachvollziehen, welche Gene auf die nuklear beschleunigte Evolution zurückgehen. Interessante Gewächse aus den Versuchen im Bayerischen Wald verkauften Steinhart und seine Kollegen zum Beispiel einfach an Züchter in der Umgebung. Danach verliert sich die Spur der mutierten Gene in einigen neuen regionalen Sorten.

Die Atomgärtnerei ist seit den 1970er Jahren aus der Mode gekommen. Ein paar aktive Anlagen gibt es aber noch auf der Welt. Dazu zählt das Institut für Strahlenzucht in der japanischen Präfektur Ibaraki. Nach eigenen Angaben hat es mehr als 100 direkt nutzbare Pflanzenmutanten hervorgebracht und weitere 200, die über Kreuzungen mit anderen Sorten vermischt wurden.

Das Zeitalter der Strahlenzucht ist also noch nicht vorbei. Lagoda sieht sogar eine Renaissance dieser Methode. Heute findet sie aber überwiegend im Labor statt, wo Saatgut oder Pflanzenteile mit kleineren Bestrahlungsgeräten traktiert werden. "Wir schaffen nichts, was nicht auch in der Natur vorkommen könnte", sagt Lagoda. "Wir beschleunigen nur die natürliche Evolution."

Aus den IAEA-Labors bei Wien stammen Getreidesorten, die noch in 5000 Metern Höhe wachsen sowie einige salztolerante Pflanzen. Eines der momentan dringendsten Projekte ist die Zucht einer Weizensorte, die gegen den Pilz Ug99 resistent ist. Dieser Parasit breitet sich rasant in Afrika und im Mittleren Osten aus. Auch Auftragsarbeiten übernimmt das Institut. Im vergangenen Jahr ließ ein deutscher Züchter dort 1700 Proben von Zierpflanzen mit Strahlen behandeln.

Strahlenbeschuss kann Tausende Mutationen auslösen, auch in Genen, die man nicht verändern wollte. Per genetischem Ausleseverfahren können Züchter heute herausfinden, welches Gen nützliche und welches wahrscheinlich schädliche Veränderungen durch den Beschuss bekommen hat. Trotz dieser Modernisierung haben deutsche Züchter den Strahlen weitestgehend abgeschworen. Allenfalls Zierpflanzen bekommen gelegentlich ein paar Mikrosievert ab.

Etwa jede vierte durch Strahlen mutierte Sorte stammt aus China und aus chinesischen Raketen. Seit Menschen ins Weltall fliegen, nehmen sie gelegentlich Saatgut mit, auch wenn unklar ist, warum die kosmische Strahlung bessere Mutationen schaffen soll als irdisches Kobalt. Gleichwohl berichten chinesische Forscherteams von neuen Pflanzen, wie etwa einer Sojabohne, der das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat nichts anhaben kann.

Unter Pflanzenzüchtern gilt heute die grüne Gentechnik als sinnvollere Methode, um neue Sorten zu entwickeln. Dabei werden gezielt einzelne Gene ein- oder ausgebaut. Für Hans-Jörg Jacobsen, Professor für Pflanzenbiotechnologie der Universität Hannover, sind die Nachteile der Atomgärten und Weltraumpflanzen klar: "Harte Strahlung verursacht in der Regel Mutationen, die zum Verlust von Genen führen."

Man solle sich vorstellen, einen beliebigen Chip aus seinem Laptop zu entfernen, sagt Jacobsen, "sehr unwahrscheinlich, dass er dadurch schneller wird, oder?" Auch Jens Lübeck vom norddeutschen Kartoffelzüchter Saka sieht die Bestrahlung kritisch: "So eine mutagenisierte Pflanze sieht erbärmlich aus. Es sind viele Rückkreuzungen nötig, um die unerwünschten Mutationen wieder zu entfernen."

Auch Hans Steinhart wundert sich, dass den Deutschen heute Pflanzen mit vielen unbekannten Mutationen lieber sind als Gewächse mit künstlich eingebauten Genen. "Wie würden die Menschen reagieren, wenn heute jemand unsere Experimente wiederholen würde?" Vermutlich ähnlich wie bei Versuchen mit Gentechnik: Dort werden nicht nur neue Gewächse geerntet, sondern auch Gewalt.