Ein weiterer Punkt, der die Ergebnisse unplausibel macht: Angeblich haben die Befrager der Lancet-Studie bei der überwiegenden Zahl der registrierten Todesfälle Totenscheine eingesehen. Wenn das aber stimme, so die Mitarbeiter von Iraq Body Count, müssten die Behörden des Landes eine halbe Million Totenscheine ausgestellt haben, die in keiner offiziellen Statistik auftauchen.

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Doch auch die Untersuchung der WHO ist nicht frei von Kritikpunkten. Der wichtigste betrifft die 1150 ausgewählten Haushalte, die die Interview-Teams aus Sicherheitsgründen nicht besuchen konnten.

Diese Familien lebten in den Stadtteilen und Regionen, wo wahrscheinlich überdurchschnittlich viele Menschen Opfer der Gewalt werden, also durften die Wissenschaftler diese Nachbarschaften nicht einfach ignorieren. Um die Todeszahlen der gefährlichen Gegenden aus benachtbarten, besuchten Gebieten hochzurechnen, hat sich die WHO auf Relationen gestützt, die sie aus den Daten des IBC entnommen hat.

So hat sie in Bagdad zum Beispiel die Daten der besuchten Haushalte mal vier genommen und den fehlenden, gefährlichen zugewiesen. Doch ob dieses Verfahren vernünftig ist, wenn die Daten des Iraq Body Count die Lage systematisch untertreiben, kann niemand nachvollziehen.

Korrekturen sind nötig - aber um welchen Faktor?

Hinzu kommt, dass die WHO-Forscher unbewohnte Häuser systematisch ignoriert und in ihrer Stichprobe ersetzt haben. Dabei muss man sich fragen, ob die Familien der leeren Behausungen nicht eher Gewalt erlebt haben und dann geflohen sind als die Zurückgebliebenen. Diese Einflüsse, versichert Mohamed Ali, seien im bereinigten Schätzwert der WHO rechnerisch korrigiert worden.

Diese Art der Argumentation, mit denen die Ergebnisse bewertet werden, zeigt schon, wie schwierig jede wahrheitsgemäße Bilanz der Ereignisse im Irak sein wird. Auch wer zum Eindruck gelangt, die Daten der Lancet-Studie müssten deutlich nach unten, die der WHO-Studie ein wenig nach oben korrigiert werden, weiß immer noch nicht, um welchen Faktor.

Zumal verblassen die Angaben womöglich, wenn einmal die Toten seit Mitte 2006 bilanziert werden. Der aktuelle Wert beim Iraq Body Count liegt bei bis zu 88.000 Toten. Besonders interessant daran ist die Relation: In den vergangenen anderthalb Jahren hat die Zahl der Toten also 85 Prozent der Angabe für die gut drei Jahre davor erreicht. Daher sind sich alle Beteiligten, bei allen sonstigen Differenzen einig: Was im Irak passiert, ist eine humanitäre Katastrophe.

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(sueddeutsche.de/mcs/cat)