Angehörige der Amundawa-Kultur am Amazonas kommen ohne jede Vorstellung von Zeit aus. Ihnen fehlt das dazu notwendige abstrakte Konzept.
Glaubt man den Aufzeichnungen, so hatte die Amundawa-Kultur zum ersten Mal im Jahr 1986 Kontakt mit der Außenwelt. Die derzeit nur noch 150 Mitglieder des indigenen Volkes leben in einer abgeschiedenen Ecke des Amazonas-Regenwaldes im brasilianischen Bundesstaat Rondônia. Die Amundawa selbst hingegen wissen nur noch, dass dieser Erstkontakt irgendwann in der Vergangenheit stattgefunden hat.
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Wissenschafter untersuchen die Sprache des indigenen Volkes der Amundawa in einer abgeschiedenen Ecke des Amazonas-Regenwaldes im brasilianischen Bundesstaat Rondônia. (© University of Portsmouth)
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Benennen können sie diese jedoch nicht, denn ihnen fehlt ein abstraktes Konzept von Zeit. So lautet der Befund einer Forschergruppe um den Sprachpsychologen Chris Sinha von der Universität Portsmouth, der jetzt vom Fachmagazin Language and Cognition vorab online veröffentlicht wurde.
"Die Amundawa können so wie alle Menschen über Ereignisse und die Abfolge von Ereignissen sprechen", sagte Sinha dem britischen Rundfunk BBC. "Wir finden bei ihnen jedoch nicht die Idee von der Zeit als etwas, das unabhängig von den Ereignissen existiert." So fehlt in der Amundawa-Sprache ein eigenes Wort für "Zeit"; ihre Sprecher können keine Zeiteinheiten wie "Woche", "Monat" oder "Jahr" benennen.
Logischerweise können sie auch nicht ihr Alter in Lebensjahren angeben. Stattdessen ändern sie ihre Namen mehrmals im Leben je nach dem erreichten familiären und sozialen Status. Lediglich die Jahreszeiten können sie grob nach den klimatischen Gegebenheiten benennen: "Kuaripe" - "in der Sonne" - heißt die Trockenzeit und "Amana" ("Regen") die nasse Zeit. Der Tag wird nach den jeweils vorherrschenden Aktivitäten aufgeteilt: Aufstehen, Arbeiten, Essen, Ruhe, Schlafen. Und Nacht ist, "wenn die Sonne verschwindet".
Am überraschendsten aber fanden es die Wissenschaftler, dass die Amundawa ohne dieses abstrakte Zeitkonzept offensichtlich nicht in der Lage sind, Aussagen über vergangene oder künftige Zeitverläufe an bestimmten Orten zu treffen. Sätze wie: "Das Wochenende kommt"; "Der Sommer ist vorbeigegangen", "Die Party ist am Freitag" oder "Er arbeitete die Nacht durch" seien in der Sprache der Amundawa schlicht nicht zu formulieren. Diese Erkenntnis sei für die linguistische Theorie unter anderem deshalb bedeutsam, sagt Sinha, weil sie bislang davon ausging, dass sich derartige Zeitbeziehungen in eigentlich allen Sprachen der Welt ausdrücken ließen.
Dabei sind sich die Forscher sicher, dass die Amundawa trotz dieser Beschränkungen durch ihre Muttersprache prinzipiell in der Lage seien, sich derartige Zeitverläufe vorzustellen. Sobald sie nämlich in den mittlerweile in der Region gegründeten Schulen Portugiesisch lernten, hätten sie keinerlei Probleme mehr, Aussagen über Zeitverläufe zu treffen. Unklar ist daher, weshalb die Amundawa kein eigenes Zeitkonzept entwickelt haben. Möglicherweise liege es daran, dass ihnen die entsprechenden Technologien wie Kalender und Uhren fehlen, spekulieren die Wissenschaftler. Wenig hilfreich für die Zeiterfassung sei es auch, dass die Amundawa in ihrer Sprache nur bis vier zählen können.
Letztlich trägt die neue Studie zu einer alten philosophischen Streitfrage bei, ob nämlich die Grenzen der eigenen Sprache auch die Grenzen der jeweiligen Welt sind - und welche Rolle die jeweilige Lebenswelt dabei spielt, dass sich in einer Sprache bestimmte Strukturen entwickeln.
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(SZ vom 21.05.2011/mcs)
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klar, bis 1986 hat die keiner entdeckt und dann kann gleich die Sprachwissenschaft mit irgendwelchen Besonderheiten aufwarten. Scheint, als ob da die Wissenschaft ihre "Beleg-Ethnie" gleich selbst erschaffen hat. So wie die Tasaday ein Haufen Kumpels eines Ethnologiestudenten waren, die ihn bereitwilligt mit Genealogien, Riten, usw. usf. für seine Doktorarbeit versorgt haben.
...bitte ich nochmals zu prüfen, auch dieser Artikel wäre dort besser aufgehoben, als bei "Wissen" (macht Ahhhhh!)
Dies ist schlichtweg Schülerzeitungsniveau.
Und was ist mit dem Maya-Kalender? Wie lange gibt es den schon?
Zeit ist relativ. Hat hier schon jemand gesagt, ich weiß. Und selbstverständlich werden die Indigenas ein Empfinden für Zeit haben, aber das ist ihnen nicht wichtig.
Wir messen der Zeit eine riesige Bedeutung zu. Ohne Zeitmessung... hm... wann kommt denn dann der Zug? Wann muss ich dann beim Arzt sein? Wie lange dauert der Gang zum Müllcontainer, und was kann ich mit der nicht verbrauchten Zeit noch anfangen? Ach ja... am Wochenende hab ich noch zwei Stunden über, was fang ich denn mit denen mal an. 1 Std. Telefonat mit Frieda und dann könnte Anneliese noch schnell im Garten helfen, bevor.... nee nee nee. :-)
Was war noch mal so ein schickes Wort... achja... Entschleunigung oder Entdeckung der Langsamkeit. Aber auch die wird wieder in Zeit gemessen... wie langsam bin ich denn nun geworden.
Letztendlich ist es müßig über das Thema Zeit zu diskutieren. Ich finde es nur bemerkenswert, da das bei den Naturvölkern ja nichts neues ist, dass das aber immer noch so hervorgehoben wird, dass sie keine Zeitmessung haben.
"Die Wahrnehmung von Zeit dürfte es schon sehr lange geben."
da haben sie vollkommen recht, ich bin nur nicht sicher, wieso sie letztendlich dann daraus andere schlüsse als ich ziehen. auch die erfahrungen der indianer dürften auf einer "wahrnehmung" der zeit beruhen, auch wenn sie den begriff der zeit nicht kennen.
"ackerbau ...
... funktioniert auch wunderbar ohne kalender und uhr. das problem ist, dass es für unsere begriffe nicht effizient genug funktioniert. wir produzieren im überfluss, da muss alles hochoptimiert seind. die indianer produzieren zum leben und zum überleben
"
So ganz ohne Seitenhiebe auf die heutige Zeit kommen Sie nicht aus?
Die Wahrnehmung von Zeit dürfte es schon sehr lange geben.
Ebenso sind Uhren und Kalender keine Erfindungen neoliberaler Gesellschaften, sondern die alten Ägypter kannten auch schon sowas. Das lag wohl u.a. daran, dass es keinen Sinn macht, direkt vor der Nilflut auszusähen, sondern erst direkt danach. Auch da hat es schon Sinn gemacht, zu optimieren.
Wenn Sie natürlich in einem Raum frei von allem leben und jeder Tag genauso gut oder schlecht wie der vorhergehende ist, dann besteht vielleicht einfach nicht die Notwendigkeit.
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