Zehn Jahre Klon-Schaf Dolly "Ein Dogma war gefallen"

Seit der Geburt des ersten Klon-Schafes ist die Zahl seiner Nachfolger ständig gewachsen. Forscher hoffen, mit der Technik etwa landwirtschaftliche Produkte zu verbessern. Doch richtig glatt läuft es noch nicht.

Sieben Monate lang lebte das berühmteste Schaf der Welt ein fast normales Leben. Dann wurde Dolly im Februar 1997 der Öffentlichkeit vorgestellt und zierte weltweit die Titelseiten.

Vor zehn Jahren wurde Dolly der Welt vorgestellt.

(Foto: Foto: dpa)

Dolly war einzigartig, gerade weil sie es nicht war - das Schaf war die erste genetische Kopie eines Säugertiers. Mit ihm begann das Klonzeitalter.

Den Forschern um Ian Wilmut vom Roslin-Institut bei Edinburgh war es gelungen, eine erwachsene Säugetierzelle ins Embryonalstadium zurück zu programmieren und daraus ein dem Ursprungstier identisches Schaf zu schaffen - einen Klon. Im britischen Journal Nature beschrieben sie ihre Versuche.

"Damit war ein Dogma gefallen", sagt Heiner Niemann vom Institut für Tierzucht der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Mariensee bei Hannover. "Die erste Reaktion war: Das kann gar nicht sein", erinnert sich Eckhard Wolf vom Genzentrum der Ludwig-Maximilians- Universität in München.

277 Embryonen hatten die Roslin-Forscher produziert. Nur einer reifte in einem Leihmutterschaf heran: Dolly. Das Lamm kam am 5. Juli 1996 zur Welt.

Aus dem Erbgut einer Euterzelle war ein neuer Organismus entstanden. Die Euterzelle führte indirekt auch zum Namen: Das Tier wurde von ihren Schöpfern nach der US-amerikanischen Country-Sängerin Dolly Parton benannt, bekannt unter anderem für ihre üppige Oberweite.

Nach diesem Erfolg entstand rasch ein regelrechter Klontier-Zoo: Pferde, Maultiere, Ziegen und Schweine wurden ebenso kopiert wie Mäuse, Kaninchen, Katzen und Hunde.

An der technischen Prozedur wurde dabei seit Dolly kaum etwas verändert. "Es gibt für jede Tierart unterschiedliche Nuancen", erklärt Wolf. "Aber im Grundsatz ist die Methode die gleiche geblieben."

Wurde zunächst getestet, was machbar war, hielt die Technologie in den vergangenen Jahren zunehmend Einzug in anwendungsorientierte Bereiche.

Schließlich geht es häufig nicht einfach darum, das selbe Tier einfach zu vervielfältigen. Es sollen vielmehr bestimmte Eigenschaften multipliziert werden, die bei einer natürlichen Fortpflanzung verschwinden könnten. Und manche dieser Eigenschaften tragen die Tiere ursprünglich gar nicht.

"Genetische Modifikationen in Tieren unterzubringen - das ist derzeit die Hauptanwendung beim Klonen", sagt Wolf. "Im Bereich Landwirtschaft werden sich viele Produkte über das Klonen verbessern lassen."

Seine Gruppe arbeitet ebenso wie Forscher in den USA daran, Rinder mit einer BSE-Resistenz zu schaffen. Dazu klonen sie Rinder-Embryonen, bei denen sie gentechnisch die Produktion der so genannten Prionen ausgeschaltet haben. Eine fehlerhafte Version dieser Eiweiße gilt als BSE-Auslöser.

In den USA habe man in einem ähnlichen Ansatz Ferkel mit gesünderem Fettsäuremuster geklont, berichtet Niemann. Die Tiere tragen ein zusätzliches Gen. Das vom Gen fat-1 produzierte Enzym wandelt demnach Bauchspeck in gesündere Omega-3-Fettsäuren um, die normalerweise vor allem in Fisch vorkommen.

"Transgene Schweine lassen sich mit der Dolly-Methode deutlich besser herstellen als zuvor", erklärt Niemann.

Viehzüchtern schwebt unter anderem der Erhalt wertvollen genetischen Potenzials vor. "Wer zum Beispiel einen wertvollen Bullen hat, möchte sich vielleicht gern einen Klon als Versicherung in den Stall stellen", sagt Niemann.

Bei Pferden würde ein Klon die Zucht oft überhaupt erst ermöglichen: Viele männliche Spring- und Rennpferde werden in ihrer Jugend kastriert - erweisen sie sich später als Champion, können sie nicht mehr für Nachwuchs sorgen.

Das hört sich alles gut an - doch das Klonen hat eine dunkle Seite, selbst wenn man ethische Bedenken beiseite schiebt.

Ein Problem solcher Ansätze sind die nach wie vor recht geringe Erfolgsquote beim Klonen sowie die oft problematischen Begleiterscheinungen.

Die Mehrzahl der geklonten Tiere stirbt im Mutterleib oder kurz nach der Geburt. Unter den Überlebenden leiden etliche an Krankheiten oder einem gestörten Immunsystem.

Zudem sind vor allem Rinderklone häufig schwerer und größer als ihre auf natürlichem Wege entstandenen Artgenossen.

Dennoch betrachten die Klon-Wissenschaftler ihre Arbeit vor allem als Erfolg, der sich angesichts der erst jungen Technologie sehen lassen kann.

In den USA könnten immerhin bald Milch- und Fleischprodukte von geklonten Tieren auf den Markt kommen: Die zuständige Behörde FDA (Food and Drug Administration) erklärte Ende vergangenen Jahres geklonte Zuchttiere für unbedenklich zum menschlichen Verzehr.

Die Entscheidung dürfte allerdings erst in etlichen Jahren eine Rolle spielen: Nach offiziellen Angaben wurden in den USA bislang etwa 600 Rinder und 200 Schweine geklont. "Weltweit sind es etwa 3500 Klon-Rinder und weniger als 1000 Klon- Schweine", sagt Niemann.

Dolly selbst sorgte nach einigen Jahren beschaulichen Daseins nochmals für Aufruhr: Als Fünfjährige und damit viel zu früh litt sie unter der Alterserkrankung Arthritis, ein Jahr später musste das Schaf wegen einer Lungenentzündung eingeschläfert werden. Damit währte das Leben der Kopie nur halb so lang wie ein durchschnittliches Schafleben. Über die Ursachen rätseln die Forscher.

Eine herkömmliche Entsorgung der Überreste brachten die Verantwortlichen nicht übers Herz. Deshalb erhielt das Royal Museum im schottischen Edinburgh einen neuen Publikumsmagneten: Ausgestopft harrt Dolly der Dinge, die noch folgen mögen.

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