Von der Zeit, die der Crew für die Nutzung der Station zur Verfügung steht, entfallen auf europäische Vorhaben gerade einmal 8,3 Prozent - falls nicht wieder ein dringender Notfall dazwischen kommt: Als Ende Mai die Toilette der Raumstation versagte, hat das nicht nur die Astronauten betroffen. Der Vorfall hat Nachrichtenredaktionen rund um die Welt in Aufregung versetzt, weit mehr als jedes Forschungsergebnis von der ISS.

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Der Aufbau der ISS (bisher und geplant) (© Grafik: Nasa/sueddeutsche.de)

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Für die beteiligten Forscher mag es spannend sein, ihre oftmals in der Grundlagenforschung angesiedelten Experimente im All zu wissen. Aber selbst innerhalb der Wissenschaftsgemeinde stoßen Ergebnisse aus der bemannten Raumfahrt generell nur bei einem kleinen Kreis von Forschern auf Interesse, wie eine Untersuchung des Houston Chronicle zeigt: Als die US-Zeitung vor einigen Jahren die Resonanz auf einen Forschungsflug des Spaceshuttle untersuchte, erlebte sie eine Enttäuschung.

An Bord war damals ein Experiment namens "Neurolab", das die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf Gehirn und Nervensystem untersuchen sollte. Es galt als das Beste vom Besten. Zwei Mediziner flogen mit. Die Ergebnisse wurden in angesehenen wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht. Das war es aber auch.

Ein Golfschläger ist das aufregendste Spin-off-Produkt

Von anderen Autoren zitiert - eine wichtige Währung in der Wissenschaft - wurden die Erkenntnisse unverhältnismäßig selten. "Die Zahl der Zitate spricht nicht für überwältigende und einflussreiche Wissenschaft", sagt David Pendlebury, der die Untersuchung leitete. Immerhin eine Milliarde Dollar hatte der "Neurolab"-Flug gekostet. Für die mehr als hundertmal so teure Raumstation gibt es entsprechende Studien nicht.

Auch die Hoffnung, die ISS würde die Menschheit mit nützlichen Abfallprodukten, sogenannten Spin-offs, beglücken, hat sich bislang nicht erfüllt. Die Liste, die die Nasa im Internet präsentiert, ist eher mager: ein Wasserreiniger, eine Mutter, die festgedrückt und nicht geschraubt werden muss, und Golfschläger mit einem Dämpfer aus der Weltraumforschung - der verspricht "größere Kontrolle und ein gediegeneres Gefühl". Die "Verbesserung der Lebensqualität auf der Erde", mit der die ISS-Partner erst vor wenigen Monaten wieder für die Raumstation geworben haben, fehlt noch.

Vielleicht ist es nach zehn Jahren an der Zeit, die Genesis des künstlichen Erdtrabanten ins Gedächtnis zu rufen. Die Station war, auch wenn sie immer so angepriesen wurde, nie als Forschungsprojekt geplant. Als Ronald Reagan die Nasa 1984 mit der Entwicklung beauftragte, wollte er die Sowjets übertrumpfen. Als Bill Clinton in den 1990er Jahren die Russen mit an Bord holte, wollte er verhindern, dass deren Raumfahrt-Experten in feindlich gesinnte Staaten abwandern. Die Station war also stets ein Spielball im globalen Machtpoker.

Und sie hat - fernab von Plasmakristallen und Nierensteinen - durchaus einiges bewirkt: Dass 16 Nationen gemeinsam den Weltraum erobern, dass sie sich ein technologisches Konzept und einen rechtlichen Rahmen überlegen, dass sie sich trotz aller Probleme zusammenraufen, ist tatsächlich beispiellos und ein Vorbild für die weitere internationale Zusammenarbeit. Wenn auch ein ziemlich teures.

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(SZ vom 15.11.2008/mcs)