WWF-Studie Hypothek auf den Planeten

Der Zustand der Erde hat sich weiter verschlechtert: Drei Viertel aller Menschen leben inzwischen in Ländern, die mehr natürliche Ressourcen verbrauchen als sie produzieren.

Von T. Baier und M.Bauchmüller

Was das ökologische Kapital der Erde betrifft, verhalten sich die meisten Menschen wie verantwortungslose Investmentbanker: Sie suchen den schnellen Vorteil, ohne über die Folgen nachzudenken.

Dabei "wären die Konsequenzen einer weltweiten ökologischen Krise viel dramatischer als die der aktuellen Probleme an den Finanzmärkten", sagt Jonathan Loh, Mitherausgeber des "Living Planet Report 2008", der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

Die Umweltstudie, die der WWF alle zwei Jahre zusammen mit dem Global Footprint Network und der Zoological Society of London herausgibt, gilt als eine der wichtigsten Untersuchungen zum Zustand der Erde.

Demnach leben inzwischen drei Viertel aller Menschen in Ländern, die ökologische Schuldner sind. Das heißt, sie überziehen ihr Konto, indem sie mehr natürliche Ressourcen verbrauchen als sie produzieren. Ein Maß hierfür ist der ökologische Fußabdruck.

Er wird in "globalen Hektar" gemessen und entspricht der Land- oder Wasserfläche, die man braucht, um das herzustellen, was die Einwohner eines Landes konsumieren.

Nach den Berechnungen des WWF stehen jedem Menschen 2,1 globale Hektar zur Verfügung. Die Deutschen brauchen aber mit 4,2 Hektar doppelt soviel und leben damit auf Kosten anderer. Deutschland steht auf Platz 30 der Schuldnerliste.

Das ist im Vergleich zu anderen europäischen Industrienationen wie Spanien (Platz 12), Großbritannien (Platz 15), Österreich (Platz 20) und Frankreich (Platz 21) nicht schlecht, liegt aber deutlich über dem globalen Mittelwert von 2,7 globalen Hektar pro Person.

Platz eins nehmen die Vereinigten Arabischen Emirate mit 9,5 Hektar ein; auf Platz zwei stehen die USA mit 9,4Hektar. Am wenigsten verbrauchen die Menschen in Afghanistan und in Malawi (jeweils 0,5 Hektar). Allein die USA und China beanspruchen ein Fünftel der weltweiten Ressourcen. Dabei hat China die USA als größten Produzenten des Treibhausgases Kohlendioxid eingeholt.

"Wenn wir so weiter machen wie bis jetzt, bräuchten wir im Jahr 2035 zwei Planeten, um unseren Bedarf zu decken", schreibt James Leape, General-Direktor von WWF International, im Vorwort der Umweltstudie. "So wie rücksichtsloses Geldausgeben in die Rezession führt, so belastet rücksichtsloser Konsum das natürliche Kapital der Erde bis zu einem Punkt, an dem unsere Zukunft gefährdet ist." Die ökologische Krise macht sich auch wirtschaftlich bemerkbar, beispielsweise durch steigende Preise für Energie, Lebensmittel und Wasser.

Rückschritt statt Fortschritt

In Deutschland, immerhin, befasste sich am Mittwoch auch das Kabinett mit dem ökologischen Fußabdruck. Wie alle vier Jahre stellte das Bundeskanzleramt seinen "Fortschrittsbericht zur nationalen Nachhaltigkeitsstrategie" vor - wobei es mit den Fortschritten in vielen Bereichen nicht weit her ist, wie auch die Bundesregierung einräumt.

Es sei, sagt Kanzleramtsminister Thomas de Maizière, eben eher eine Bestandsaufnahme, "kein Erfolgsbericht". Beim Schutz der Artenvielfalt etwa kommt Deutschland nicht voran, der Flächenverbrauch ist mit zuletzt 106 Hektar pro Tag immer noch viel zu hoch - angepeilt ist ein Schnitt von 30 Hektar bis 2020. Nach wie vor verbraucht die Republik zu viele Rohstoffe für ihr wirtschaftliches Wachstum. Eigentlich sollen sie in der Produktion bis 2020 doppelt so effizient eingesetzt werden als noch 1994. Anstieg bisher: magere 35 Prozent.

Was nicht bedeutet, dass sich gar nichts tut im Land. Die Klimaziele für 2012 sind jetzt schon übertroffen, die Zielmarken für den Ausbau der erneuerbaren Energien längst x-mal nach oben korrigiert.

Jetzt will sich die Bundesregierung weitere vier Jahre geben, um in allen anderen Bereichen tatsächlich auch Fortschritte zu machen - zu dokumentieren im nächsten Bericht.