SZ: Warum stellt sich bei dem einen Mitleid, beim nächsten Teilnahmslosigkeit ein, wenn in der Zeitung zum Beispiel ein Boot auf hoher See abgebildet ist, an das sich Flüchtlinge klammern?
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Singer: Da sind die Neurobiologen noch nicht weit vorgedrungen. Es gibt Strukturen im Gehirn, die für das Verarbeiten von Reizen und das Umsetzen dieser Reize auf die emotionale Ebene zuständig sind. Aber Menschen sind in ihrer Wahrnehmung geprägt von ihren jeweiligen Kulturkreisen, einem Wissen, von dem sie meist nicht wissen, dass sie es haben und es deshalb selten hinterfragen. Soziale Realitäten, von Menschen in die Welt gebracht, prägen unsere Wahrnehmungen und Wertungen. Gerechtigkeit, Würde, die Geschlechterrollen - all das wird, je nach Sozialisierung und Erfahrung, völlig unterschiedlich gesehen.
SZ: Und wenn jemand noch keine Erfahrung gemacht hat mit den Gefahren auf hoher See ...
Singer: ... dann wird er vielleicht das oben beschriebene Bild als Schifferlfahren, als etwas ganz Angenehmes bei schönem Wetter und blauem Meer sehen, und die exotischen Menschen auf dem Schiff werden ihn ebenfalls nicht gleich in Sorge versetzen. Es sei denn, er weiß, dass solche Boote die Tendenz haben, unterzugehen.
SZ: Anderes Beispiel. Wenn in der Zeitung steht: "In Eritrea wird das Wasser ernsthaft knapp."
Singer: Dann haben wir trotzdem immense Schwierigkeiten, gegenüber den Eritreern Fürsorge zu empfinden; sie sind weit weg, und wir kennen sie nicht persönlich. Wenn wir dagegen eine emotionale Bindung haben zu jemandem, der in Not ist, dann werden wir was unternehmen. Weil wir uns sonst selber schlecht fühlen.
SZ: Lässt sich diese Fürsorglichkeit trainieren? Haben Sie nicht mal gesagt, wir müssten versuchen, moralische Werte jenseits der Religion in uns zu verankern?
Singer: Ohne Metaphysik geht das nicht. Aus wissenschaftlichen Ergebnissen lassen sich keine moralischen Werte ableiten. Ein Wissenschaftler kann zwar ausrechnen, dass die Erwärmung dazu führen wird, dass die Eisbären aussterben. Aber die Bewertung des Lebens von Eisbären ist nicht Sache der Wissenschaft. Jemand müsste die moralische Vorgabe machen, dass es wichtig ist, emphatisch zu sein. Und nicht zynisch sagen: Die Evolution, die uns hervorbrachte, hat doch fortwährend Opfer gefordert. Dann können wir Wissenschaftler vielleicht ein Rezept formulieren, wie wir diese Empathie erlangen könnten.
SZ: In welcher Situation fühlen Sie sich ganz und gar nicht als Homo sapiens?
Singer: Beim Tiefschnee-Wedeln.
SZ: Und was war mit Ihrem LSD-Selbstversuch in den Siebzigern am Max-Planck-Institut in München, von dem man sich in Mediziner-Kreisen immer noch erzählt?
Singer: Da habe ich die Autos gaaaanz langsam um den Friedensengel fahren sehen, und das Wasser im Wasserfall an der Museumsinsel tropfte wie Honig herunter. Das überzeugte mich davon, dass meine Zeit nicht die der anderen Menschen war. Das machte mich sehr einsam. Ich fand mich ungeheuer kreativ in dieser Nacht, habe gemalt und gedichtet. Aber am nächsten Tag stellte ich fest, dass alles banal war. Es war fast ein schizophrener Zustand.
SZ: Sind Sie heute noch so experimentierfreudig?
Singer: Neugierig schon, aber mit Drogen wäre ich heute extrem vorsichtig.
Prof. Dr. Wolf Singer, 66, leitet das Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt. Er gilt als einer der bekanntesten Hirnforscher Deutschlands und ist Mitglied der päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Seine Themen reichen vom Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften, über die Unverzichtbarkeit der Tierversuche, den Nutzen der Hirnforschung für die Geschichtswissenschaft, für die Erziehung und für die Wertschätzung der Kunst, bis hin zu Vorschlägen zur Stadtentwicklung. Die größte Herausforderung seiner boomenden Disziplin sieht Singer darin, die Erklärungslücke zwischen neurobiologischen Erkenntnissen und menschlichem Verhalten zu schließen. Wolf Singer ist Vater von erwachsenen Zwillingstöchtern.
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(SZ vom 18.07.2009/gal)
Linke-Vize-Chefin Wawzyniak
Die Behauptung von Herrn Singer, dass es den Freien Willen nicht gibt, ist basiert auf einer Reihe von Experimenten (das erste und bekannteste von Libet et al.), in denen festgestellt wurde, dass es Ströme im Gehirn gibt, die auftreten noch vor dem Zeitpunkt an dem die Versuchsperson angibt, sich entschlossen zu haben einen Knopf zu drücken. In anderen Worten: Jedes Mal, wenn der Gehirnstrom messbar ist, drückt die Person Sekundenbruchteile später den Knopf und die Zeit des rapportierten Entschlusses liegt nach dem Gehirnstrom. Weitere Ausführungen des Experiments mit zwei Knöpfen (Entscheidung nicht nur wann gedrückt wird, sondern auch welcher Knopf gedrückt wird) und anderen Methoden als EEG (nämlich fMRT; Soon et al.) wurden durchgeführt. Mit übereinstimmendem Ergebnis.
Meiner Meinung nach ist das Problem bei allen Experimenten jedoch, dass gar keine wirklich freie Willensentscheidung vorliegt. Die Anweisung an die Versuchspersonen lautete, dass sie zu einem beliebigen Zeitpunkt einen von zwei Knöpfen drücken sollten (bei den schon verbesserten Experimenten). Was ist an dieser Anweisung noch frei? Man kann sich lediglich zwischen zwei völlig bedeutungslosen Knöpfen entscheiden. Der Zeitpunkt ist durch die Gesamtlänge des Experiments begrenzt. Die Versuchspersonen mussten schon eine stattliche Anzahl von Knopfbetätigungen zusammenbringen, um ein verlässliches Resultat zu erhalten. Doch wer wartet schon mehrere Stunden oder noch länger bis er das nächste Mal drückt. Nein, vielmehr drückt man als Versuchsperson alle paar Sekunden. Da der Knopfdruck aber bedeutungslos ist, ohne jegliche Konsequenz, hat das alles nichts mit freiem Willen zu tun, es ist lediglich eine zufällige Aktion. Ein Wille erfordert, dass man in irgendeiner Weise eine tiefere Bedeutung an ihn knüpft. Die Experimente sind also an und für sich überhaupt nicht valide.
Also wird auch nicht nachgewiesen, dass die Materie Herr ist über den Geist und der freie Wille nicht existiert. Vielmehr gibt es tausende und abertausende Berichte von Menschen, die ganz andere Erfahrungen gemacht haben. So etwa aus dem Buddhismus, schamanischen Kulten, Nahtoderfahrungen (http://www.stern.de/wissen/mensch/nahtod-erfahrungen-forschung-zwischen-leben-und-tod-1511460.html) und vielen vielen mehr...
empfehlen kann, ist ein Buch von
1. John C. Eccles: 'Das menschliche Gehirn' und ergänzend dazu eines von
2. Umberto Maturana: 'Der Baum der Erkenntnis'
Beide Bücher behandeln und beschreiben die Funktionen und Funktionsweisen von Neuronen und Synapsen, ohne die man die Argumente von Prof. Singer überhaupt nicht verstehen kann.
Wenn man nach der Lektüre dieser Werke dann noch Appetit auf eine geradezu geniale Spekulation hat, empfiehlt sich da Buch
3. Roger Penroe: 'Schatten des Geistes', ab Kapitel 6, wenn man sich der quantenmechanischen Implikationen der beiden Bücher 1. und 2. begeben will.
Denn eines ist klar: Die operationale Basis unserer geistigen Existenz ist Materie ... und sonst nichts weiß ...
Kuni
in der Lage bin, ist, wie sich ein Gehirn in den Händen anfühlt (ob mit oder ohne Formalyn)............ ist und bleibt jedoch ein subjektives Gefühl.......
Ansonsten kann ich dem Beitrag wenig abgewinnen...
dessen Behauptungen hübsch klingen und auch von einfach strukturierten Personen leicht verstanden werden. Wahrscheinlich ein Argumentationserfolg, der auf der Zersäbelung vieler Gehirne beruht.
Welche wissenschaftliche Begründung hat denn das Bewußtsein beim toten, zersäbelfähigen Hirn? Entscheidungen unbewußt? Macht der Herr Singer da nicht ein paar unerlaubte Anleihen bei einer anderen Teilwissenschaft, deren Sinnhaftigkeit er ansonsten vehement bezweifelt?
Ich finde den Artikel unwissenschaftlich und von Profilsucht geprägt. Leute es gibt wirklich bessere Themen, auch im Sommerloch...
Daß das Gehirn nicht das Zentrum des Menschen ist, kann nur erfahren und nicht mit Denken erfasst werden - man kann sich aber bildlich schon eine Vorstellung machen: ein riesiger Stapel von Programmen - das bin nicht ich. Wer aber bin "ich" dann? Es gibt keine Antwort aus dem Ärmel, aber es lohnt sich, sich auf die Suche zu machen . . .
Diese Erkenntnis hat (für unser Ego) so etwas von der Bedeutung wie seinerzeit die Entdeckung von Galileo Galilei, dass die Erde nicht das Zentrum des Universums ist.
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